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Giftauto-Prozess geht in neue Runde

In der Klage der Neusalzaer Mutter Gerlind Nitzsche gegen ein Löbauer Autohaus gibt's Streit über ein Gutachten. Jetzt will das Gericht Klarheit bekommen.

Gerlind Nitzsche mit ihren Söhnen Robin (l.) und Henrik vor dem Auto, das sie vergiftet haben soll.
Gerlind Nitzsche mit ihren Söhnen Robin (l.) und Henrik vor dem Auto, das sie vergiftet haben soll. © Archivfoto: Markus van Appeldorn

Etappensieg für Gerlind Nitzsche im "Giftauto"-Prozess vor dem Görlitzer Landgericht. Die Mutter aus Neusalza-Spremberg verklagt ein Löbauer Autohaus auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Sie glaubt, dass sie und ihre Söhne durch ins Wageninnere strömende Abgase lebensgefährlich mit Stickoxiden (NOx) vergiftet wurden. Eigentlich hatte das Landgericht heute ein Urteil in der Sache verkünden wollen. Nun aber tritt das Gericht noch mal in die Beweisaufnahme ein.

Grund für diesen vom Gericht nun erlassenen sogenannten Beweisbeschluss sind unterschiedliche Auffassungen über ein Gutachten zu dem Auto. Das vom Gericht beauftragte Gutachten sollte klären, ob Abgase in das Auto gelangt sind und was die Ursache dafür war. Der Gutachter hat eine Undichtigkeit an der Flanschverbindung des Dieselpartikelfilter-Abgasturboladers festgestellt. "Dies führt zwangsläufig dazu, dass Dieselabgas, welches NOx enthält, über die Lüftung in den Fahrzeuginnenraum gelangt", schreibt der Gutachter.

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Streit über Interpretation des Gutachtens

Fraglich ist nun, ob das verklagte Autohaus auch für diesen Umstand haftbar gemacht werden kann. Unstreitig war das Fahrzeug von Gerlind Nitzsche im Dezember 2016 in der Werkstatt des Autohauses. Dabei wurde der Turbolader ausgetauscht. Der Gutachter hat eine neu eingebaute Dichtung festgestellt, die allerdings mit einer Rußschicht überzogen war - ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Dichtung ihren Zweck nicht erfüllt habe. "Eine von den Herstellervorgaben abweichende Befestigung der Flanschverbindung des Dieselpartikelfilter-Abgasturboladers ist zum Zeitpunkt der Untersuchung im Rahmen der Gutachtenerstellung gegeben", schreibt der Gutachter dazu.

Das Gericht nun aber neigte zu einer anderen Interpretation des Gutachtens. In der letzten mündlichen Verhandlung im November 2020 erklärte der Richter, dass er eher einen zugesetzten Katalysator für die Ursache des Eindringens der Abgase halte. Der aber stünde in keinem Zusammenhang mit der in dem Autohaus vorgenommenen Reparatur - demzufolge sei das Autohaus in diesem Fall auch nicht für das Eindringen von Abgasen verantwortlich zu machen. Eine Abweisung der Klage drohte.

"Werkstatt hätte Defekt finden müssen"

Gerlind Nitzsche und ihr Anwalt Karl-Heinz Drach aus Bautzen waren entsetzt von dieser Auffassung des Richters. "Es verdichtet sich der Eindruck, dass der Inhalt des vorliegenden Gutachtens technisch nicht erfasst worden ist", schrieb Anwalt Drach an das Gericht. In Wahrheit habe ein defekter Dieselpartikelfilter die Ursache gesetzt. Durch diesen Defekt sei es zu einem erhöhten Abgasdruck gekommen, dem die Dichtungen nicht mehr hätten standhalten können. Die Werkstatt des Autohauses aber habe bei jener Turbolader-Reparatur diesen Defekt entdecken müssen - zumal ein Schaden am Dieselpartikelfilter eine häufige Ursache für den Ausfall eines Turboladers sei.

Anwalt Drach forderte daher vom Gericht, den Gutachter persönlich vorzuladen, damit dieser dem Gericht sein Gutachten erklären könne. Dieser Forderung des Anwalts hat das Gericht nun mit dem "Beweisbeschluss" stattgegeben. Das Gericht will den Sachverständigen am 12. April hören. "Da ist der Richter nicht drumherum gekommen", freut sich der Anwalt über diesen Erfolg für Gerlind Nitzsche.

Autohaus bezweifelt auch ärztliches Gutachten

Doch selbst, wenn das Gericht durch den persönlichen Vortrag des Gutachters zu einer anderen Auffassung gelangen sollte, ist die Sache für Gerlind Nitzsche aller Voraussicht nach noch längst nicht ausgestanden. Sollte sie den Prozess vor dem Landgericht gewinnen, ist davon auszugehen, dass das Autohaus gegen das Urteil in die Berufung gehen wird. Das Autohaus hat nämlich noch ganz andere Zweifel in der Sache.

So kritisierte der Geschäftsführer des Autohauses gegenüber SZ schon von Anfang an das Gutachten des Dresdner Mediziners, der die Stickoxid-Vergiftung bei einem von Gerlind Nitzsches Söhnen diagnostizierte. Der Arzt nennt in seinem Gutachten nämlich auch gleich den Grund für die Vergiftung - und das nur aufgrund ihm vorgelegter Fotos von dem Auto. Das aber könne der Mediziner gar nicht beurteilen, findet der Geschäftsführer. "Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Sicherheit berufliche Laien Aussagen zu technischen, physikalischen und chemischen Verfahren im Kfz-Handwerk abgeben können", äußert der Geschäftsführer dazu.

Manchmal sollen ganze Abgasschwaden in den Innenraum von Gerlind Nitzsches Auto eingedrungen sein.
Manchmal sollen ganze Abgasschwaden in den Innenraum von Gerlind Nitzsches Auto eingedrungen sein. ©  privat (Archiv)

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