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Hausärztin hört nach 40 Jahren auf

Elisabeth Kusche war seit 1981 Ärztin in Ebersbach-Neugersdorf: Über die Praxis-Zukunft, die Oberlausitz, den Ärztemangel - und wie man ihn beheben könnte.

Dr. Elisabeth Kusche ist Ende Juni in den Ruhestand gegangen. Sie war 40 Jahre lang als Ärztin in Ebersbach-Neugersdorf tätig.
Dr. Elisabeth Kusche ist Ende Juni in den Ruhestand gegangen. Sie war 40 Jahre lang als Ärztin in Ebersbach-Neugersdorf tätig. © Matthias Weber/photoweber.de

Viele Hände hat Dr. Elisabeth Kusche in den letzten Tagen geschüttelt und gute Wünsche für die Zukunft entgegengenommen. Auch ein paar Blumen und Präsente stehen auf den Schränken in ihrer Praxis. "So richtig bewusst wird mir sicher erst später noch, was der Abschied tatsächlich bedeutet", sagt Frau Kusche. Nach 40 Jahren als Ärztin in Ebersbach-Neugersdorf hat Elisabeth Kusche jetzt das Stethoskop sprichwörtlich an den Nagel gehängt. 30 Jahre davon betrieb sie ihre Hausarzt-Praxis in der früheren Neugersdorfer Poliklinik - heute Ärztehaus - und hat dabei so manchen Patienten über Jahrzehnte begleitet.

Jetzt ist Schluss. Ein Lichtblick jedoch: Ihre Praxis wird weitergeführt. Schon seit sieben Jahren arbeitet sie hier gemeinsam mit ihrer Nichte, Dr. Kornelia Lange. Frau Lange arbeitete zuvor in Dresden in einem Krankenhaus und wollte mal in den Praxisalltag reinschnuppern. Nachdem sie bei Frau Kusche in der Praxis hospitiert hatte, entschied sie sich, dort mit einzusteigen. Nun wird Kornelia Lange die Hausarztpraxis allein weiterführen.

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Frau Kusche ist froh und erleichtert, dass sie ihre Praxis weitergeben kann. "Es war auch gut, dass wir eine Weile gemeinsam arbeiten konnten." So hätten die Patienten die neue Ärztin bereits kennengelernt und für Frau Kusche kommt der Wechsel in den Ruhestand nicht so abrupt. Sie konnte dank der Unterstützung in den vergangenen Jahren schon etwas kürzertreten. Dieses Glück haben nicht alle Ärzte. Einige Hausarzt-Kollegen in Ebersbach-Neugersdorf stehen ebenfalls kurz vor dem Ruhestand, weiß Frau Kusche - allerdings bislang ohne Nachfolger.

Ärztemangel durch Ausländer kompensiert

Sie kennt das Ärztemangel-Problem in der Region. In vielen Fällen würde es inzwischen durch ausländische Kollegen, zum Beispiel aus Polen und Tschechien, kompensiert. Dagegen sei aus fachlicher Sicht auch gar nichts einzuwenden, sagt die Medizinerin. "Die Kollegen sind gut ausgebildet." Aber gerade als Hausarzt, findet sie, stehe oft die Sprachbarriere einer vertrauensvollen Beziehung von Arzt und Patient im Wege. Dennoch: ohne die Ärzte aus dem Ausland würde es noch düsterer aussehen. Denn immer öfter bleiben freie Praxisstellen unbesetzt. Ein Beispiel gibt es in direkter Nachbarschaft ihrer Neugersdorfer Praxis. Im Haus gegenüber war bis vor anderthalb Jahren eine Hautärztin niedergelassen. Sie ging in Rente, die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) schrieb die Praxis zur Übernahme aus. Bisher ohne Erfolg. Dabei werden Ärzten jetzt sogar hohe Prämien angeboten, wenn sie eine Praxis übernehmen. Doch auch das hilft in den seltensten Fällen, Mediziner in die Oberlausitz zu locken.

Zumal es eine große Ungerechtigkeit birgt, wie Elisabeth Kusche findet. "Der eine bekommt Geld, ein anderer musste selbst investieren, um seine Praxis einrichten zu können. Das schürt auch Unstimmigkeiten unter den Ärzten."

Zu ihrer Studienzeit, erzählt die 67-Jährige, habe man sich nicht unbedingt aussuchen können, wo man als Arzt arbeitet. "Die freien Stellen wurden an die Uni gemeldet. Man konnte sich dann entweder aussuchen, in welche Stadt man wollte oder man wollte eine bestimmte Fachrichtung einschlagen. Dann wurde man dorthin geschickt, wo die Fachärzte gebraucht wurden." Ihrer Meinung nach wäre das auch heute ein probates Mittel, um Ärztemangel in einigen Regionen vorzubeugen. "Das kann man aber heutzutage nicht mehr durchsetzen. Da wäre die Entscheidungsfreiheit zu sehr eingeschränkt."

Dennoch wünscht sie sich für die Region, dass mehr junge Ärzte, die von hier stammen, wieder zurückkehren und hier arbeiten. "Es gibt schon Fälle, wo das gut geklappt hat. Aber eben noch zu wenige." Sie sieht die Bedingungen für junge Leute hier äußerst gut. "Man hat alles, was man braucht. Es gibt Kindergärten, weiterführende Schulen und Einkaufsmöglichkeiten sowieso." Auch, was Kunst und Kultur anbelangt, sei die Oberlausitz gut aufgestellt.

Vorreiter des heutigen MVZ

In ihrem beruflichen Alltag hat sie das Persönliche, die Zusammenarbeit mit anderen immer als positiv empfunden. Zum Beispiel mit anderen Ärzten oder den Apotheken. Da werde vieles auf dem kurzen Dienstweg besprochen, man unterstütze sich gegenseitig. "Ob das in der Stadt so funktioniert, wo alles anonymer ist?" Für viele sei das Stadtleben dennoch wohl attraktiver, wenn man jung ist, vermutet sie. "Es gibt jedenfalls keine objektiven Gründe, warum so wenige junge Menschen hierherziehen wollen."

Deshalb will sie auch in Zukunft für die Oberlausitz werben. "Ich werde überall weitererzählen, dass ich hier sehr gut gelebt und gearbeitet habe."

Frau Kusche selbst stammt aus Demitz-Thumitz, studierte in Leipzig. Sie hatte sich seinerzeit im Studium für die Innere Medizin entschieden - und wurde als junge Ärztin nach Ebersbach ans Krankenhaus geschickt, in die Onkologie. Ihr Mann war dort als Chirurg tätig. Mit dem ersten Kind zog das Ärztepaar damals in eine Wohnung im Oberland.

Nach zehn Jahren im Krankenhaus wollte Frau Kusche sich lieber mit einer Praxis niederlassen. "Mein Mann hat mich darin unterstützt." Er selbst betrieb mit einem Partner eine Praxis für Chirurgie in der Neugersdorfer Poliklinik. Anfangs haben sie die Praxen als Praxisgemeinschaft betrieben und sich das Personal geteilt. "Wir waren sozusagen ein Vorreiter des heutigen MVZ."

Den Schritt zur eigenen Praxis hat Elisabeth Kusche nicht bereut. Als Hausarzt begleitet man die Patienten meist ein Leben lang, oft bis zum Schluss, erzählt die Ärztin. "In vielen Fällen kennen wir schon die Eltern der Patienten." Das sei ein großer Vorteil, denn man wisse auch über viele Krankheitsgeschichten in der Familie Bescheid. Gerade diese persönliche Bindung zu den Menschen macht die Arbeit als Hausarzt aus, sagt Frau Kusche.

Jetzt verlässt Elisabeth Kusche die Oberlausitz. Sie zieht nach Dresden, wo ihre drei erwachsenen Kinder leben und die sechs Enkel. "Ich mag die Oberlausitz sehr. In den letzten sieben Jahren, seit ich in der Praxis Unterstützung durch meine Nichte hatte, habe ich die Gegend erst richtig kennengelernt. Zuvor habe ich ja meistens gearbeitet." Dennoch möchte sie den Ruhestand gern in der Nähe ihrer Kinder und Enkel verbringen.

In Dresden will sich die Ärztin im Ruhestand außerdem künftig ehrenamtlich engagieren. "Da suche ich noch nach einer geeigneten Aufgabe."

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