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Hochwasser-Schutz findet neben dem Gewässer statt

Vor elf Jahren traf ein Hochwasser den Südkreis. Zuletzt gab wieder Überschwemmungen. Umwelt-Experten erklären, dass man weiter denken muss.

Peter Müller, Leiter des Umweltamtes beim Landkreis Görlitz.
Peter Müller, Leiter des Umweltamtes beim Landkreis Görlitz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es war der 7. August 2010, ein Sonnabend, als ein Hochwasser vorher nie da gewesenen Ausmaßes besonders den Südkreis überflutete. Nach heftigen Regenfällen traten Neiße, Mandau und viele andere Bäche und Flüsschen im Südkreis Görlitz über die Ufer und richteten ein Werk der Verheerung an. Auf 127 Millionen Euro bilanzierte der Landkreis damals die Schäden. Angesichts der jüngsten Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen und der lokalen Überschwemmungen in manchen Gemeinden vor rund zwei Wochen fragen sich viele Menschen am 11. Jahrestag des Jahrhunderthochwassers: Haben die danach eingeleiteten Schutzmaßnahmen geholfen - und wie sicher sind die Menschen hier vor einem erneuten Hochwasser. SZ sprach dazu mit Peter Müller, Leiter des Umweltamtes beim Landkreis Görlitz und Alina Schellig, Projektmanagerin Hochwasser.

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Müssen sich die Menschen hier auf weitere Überschwemmungen einstellen?

Peter Müller: "Das ist definitiv so. Es kann immer wieder Starkregenereignisse und Situationen geben, denen die Schutzmaßnahmen nicht gerecht werden können. Das Hochwasser vom August 2010 oder auch das Hochwasser von 2013 ist aber nicht mit den Ereignissen jetzt im Juli vergleichbar. Jetzt gab es lokal Starkregen, aber keine dauerhafte Hochwasserführung. Der gesamtgesellschaftliche Schaden ist weitaus geringer - aber natürlich kann der für Einzelne entstandene Schaden genauso hoch oder gar höher als 2010 oder 2013 sein."

Alina Schellig: "Im Vergleich zum Westen haben wir hier nur die letzte Flanke des Tiefdruckgebietes abbekommen: Einen Tag Dauerregen mit starkem Gewitter."

Lässt sich das jüngste Hochwasser hier vom Juli bereits statistisch bewerten?

Peter Müller: "Der Pegel der Neiße stieg in Zittau für kurze Zeit auf Alarmstufe 4. Das ist zwar die höchste Alarmstufe, aber die Neiße blieb dabei in ihrem Bett. Wir bewerten das als ein HQ20-Ereignis (HQ - Hochwasserquerschnitt, d. Red.), also ein Hochwasser wie es statistisch alle 20 Jahre vorkommt. Das war kein besonders dramatisches Ereignis. Zum Vergleich: 2010 hatten wir an der Mandau ein HQ200-500 - also ein Hochwasser wie es statistisch alle 200 bis 500 Jahre vorkommt. Baubeschränkungen im Hochwasserbereich gelten für ein HQ100. Trotzdem versuchen Kommunen oder einzelne Bauherren immer wieder, auch in diesen Bereichen Bauvorhaben zu etablieren. In Überschwemmungsgebiete hinein sollte sich eine Gemeinde nicht entwickeln. Diese HQ-Bewertung gilt allerdings nur für Gewässer 1. Ordnung, wie eben etwa die Mandau. Wenn aber eine Gewitterzelle wie jetzt im Juli genau über einem kleineren Gewässer wie dem Berzdorfer Wasser steht und sich da ausregnet, bedeutet das für so ein Gewässer schnell ein Jahrhundert-Ereignis - mit den daraus resultierenden Überschwemmungen."

Kann man heute bereits eine Bilanz ziehen, wie sich die nach 2010 getroffenen Hochwasserschutz-Maßnahmen bewährt haben?

Peter Müller: "Die meisten Maßnahmen haben sich bewährt. Viele davon waren allerdings 1:1-Wiederherstellung - die kann man als zusätzliche Sicherung deshalb nicht mit hineinrechnen. Aber es wurden etwa Rückhaltebecken angelegt oder Gewässer ausgeweitet, um ihnen einfach mehr Raum zu geben. Es ist allerdings bei keinem Gewässer eine völlige Durchlässigkeit für Hochwasser erreicht worden. Und es gibt auch Maßnahmen, da haben wir das Gefühl, dass sie nicht richtig geplant oder nicht richtig ausgeführt wurden - und jetzt wieder zerstört wurden. Die neuralgischen Punkte sind Brücken, denen eine Verklausung droht - also dass sich dort Treibgut festklemmt. Deshalb sind viele Brückendurchlässe aufgeweitet worden."

Alina Schellig: "Es gibt aber durchaus Vorhaben, wo Brückendurchlässe bewusst nicht aufgeweitet worden sind. Es kann zum Beispiel nützlich sein, wenn sich an einer Brücke im Oberlauf eines Baches durchaus das Wasser aufstaut und es aufhält. Im Unterlauf muss man in jedem Fall Durchlässigkeit für Hochwasser schaffen. Es gibt hier viele eng verbaute Bachläufe - und das oft in schlechtem Zustand. Wenn sich ein Bachlauf verengt, baut sich auf diesem Abschnitt bei Hochwasser sofort eine hohe Welle auf."

Wie sieht der Plan des Landkreises aus, um die Gefahr von Hochwasserereignissen künftig weiter zu senken?

Alina Schellig: "An den Gewässern selbst sind unsere Möglichkeiten meistens begrenzt. Aber man muss Hochwasserschutz oft weiter weg vom Gewässer denken. Wir erarbeiten hier gerade die Pilot-Studie "Wild abfließendes Wasser". Dazu zählt etwa der Schlamm, der bei Starkregen oft von den anliegenden Feldern gespült wird. Dieses Problem ist im Hochwasserschutz noch nicht richtig entwickelt. Aber Schlamm macht ein ganz anderes Schadensbild als abfließendes Klarwasser, der bleibt zurück und wird hart wie Beton. Unser Ansatz ist: Das Wasser dort halten, wo es niederregnet, der Rückhalt des Wassers in der Fläche. Wir wollen hin zu einem integrierten Management. Manche Maßnahmen wie etwa die Reaktivierung oder Renaturierung von Auenlandschaften helfen gleichzeitig bei Dürre und bei Hochwasser. Die schlechteste Idee ist es im Grunde, Wasser einfach nach unten durchzuleiten. Leider fehlt oft der Zugriff auf landwirtschaftliche Flächen zur Umsetzung solcher Maßnahmen."

Peter Müller: "Man muss den Gesamtkomplex betrachten, auch die Bewirtschaftung von Flächen und die Landnutzung. Wir müssen die Bereitschaft erhöhen, abseits des Gewässers etwas für den Hochwasserschutz zu tun. Die Sensibilität der Menschen dafür ist leider noch deutlich unterrepräsentiert. Es fehlt in der Fläche tatsächlich die Bereitschaft von Land- und Forstwirtschaft zur Mitarbeit. Die Landwirtschaft ist oft Verursacher - aber die Landwirte sind nicht schuld daran. Das liegt an einem sklavischen System der Förderung und Überwachung in der Landwirtschaft. Die Förderpolitik in der Landwirtschaft muss sich dahin entwickeln, auch Aspekte des Hochwasserschutzes aufzunehmen. Auch die Kommunen, die für die Gewässer 2. Ordnung zuständig sind, können etwas tun mit einer Hochwasser-Management-Planung inklusive eines Maßnahmenplans. So ein Management wird vom Freistaat zu 75 Prozent gefördert."

Was können Bach- oder Flussanrainer tun, um ihr individuelles Schadens-Risiko zu senken?

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Peter Müller: "Als Erstes muss man seine Grundstücksnutzung überdenken. Da werden etwa Garagen, Pavillons unmittelbar in Ufernähe gebaut oder dort Kompost- oder Brennholzhaufen angelegt. Das sorgt für einen zusätzlichen Rückstau oder wird gar mitgerissen. Ein Beispiel: 2013 wurde von einem Grundstück an der Seltenrein in Oelsa ein Haufen von mehreren Kubikmeter am Ufer gelagerten Brennholzes mitgerissen. Der hat weiter unten eine Brücke verstopft und der Bach ist weiträumig über die Ufer getreten. Später hat sich dieser Pfropfen gelöst und eine riesige Welle schoss durch das enge Bachbett. Damals entstand Sachschaden von über einer Million Euro. Außerdem sollte man sein Grundstück in einer solchen Lage dem Hochwasser angepasst nutzen. Das heißt, keine Ölheizung oder teure Elektronik im Untergeschoss und die Räume mit Fliesen kacheln. Dann ist es im Falle eines Hochwassers leicht zu reinigen."

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