merken
PLUS Löbau

Vernachlässigte Kinder: meiste Meldungen aus dem Oberland

Gewalt, fehlende Hygiene oder zu wenig Essen: Immer wieder muss das Jugendamt eingreifen, weil Kinder zu Hause in Gefahr sind. So ist die aktuelle Lage im Kreis.

Symbolfoto
Symbolfoto © dpa-Zentralbild

Der Fall vom Februar dieses Jahres erschütterte die ganze Region: Für den kleinen Jungen aus Bernstadt gab es keine Hilfe mehr. Das erst drei Monate alte Baby verstarb  - mutmaßlich nach Misshandlungen in der Familie. Was genau passiert ist, wird noch ermittelt, die junge Mutter sitzt in Untersuchungshaft. Solche dramatischen Fälle gibt es zum Glück im Kreis Görlitz eher selten. Dass es Kindern - 38.206 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben im Landkreis - in ihren Familien nicht gut geht, sie vernachlässigt oder gar misshandelt werden, allerdings schon. 

Kindeswohlgefährdung heißt das im Behördendeutsch - gibt es einen Verdacht darauf, greift das Jugendamt des Landkreises ein. Jetzt hat das Jugendamt seine Bilanz veröffentlicht, wie oft und warum im Jahr 2019 überprüft wurde, ob Kinder in ihrem Zuhause ernsthaft in Gefahr sind. 668 Meldungen sind die Mitarbeiter nachgegangen.

Anzeige
Sichere App für Nachverfolgung
Sichere App für Nachverfolgung

Die Regeln für die Besucher von öffentlichen Einrichtungen wurden verschärft. Die App "Pass4all" bietet für sie und die Anbieter eine ideale Lösung.

Aus dem Bericht geht hervor: Am meisten betroffen ist der Raum Löbau/Oberland. 185 Mal - das entspricht 28 Prozent aller Fälle - nahm der Allgemeine Soziale Dienst eine Prüfung vor, weil es den Verdacht gab, dass es einem Kind nicht gut geht. Davon hat sicher weniger als die Hälfte nach der Prüfung bestätigt. Die Fachleute unterteilen beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung im Wesentlichen in vier Kategorien:  körperliche Gewalt, psychische Gewalt, sexuelle Gewalt und Vernachlässigung. Letzteres kann zum Beispiel bedeuten, dass es an der Hygiene mangelt, das Kind nicht regelmäßig zu essen bekommt oder keine Liebe und Zuneigung erfährt. 

Der Spitzenreiter - im negativen Sinne - ist Ebersbach-Neugersdorf. Aus der Oberlandstadt gingen 98 Meldungen ein. Tatsächlich betroffen waren aber nur 18 Familien, heißt es vom Jugendamt. Das bedeutet, dass mehrfach Meldungen zu denselben Fällen beim Amt eingingen. In etwa der Hälfte der Fälle hat das Jugendamt bei einer Prüfung vor Ort eingeschätzt, dass ein Kind tatsächlich in Gefahr ist. 58 Mal wurde ein Verdacht aus Löbau gemeldet, auch hier gab es Mehrfachmeldungen. Betroffen waren hier 33 Familien. Die restlichen Fälle aus Löbau/Oberland entfallen auf die kleineren Orte in Löbau und Umgebung, wie zum Beispiel Oderwitz, Schönbach und Herrnhut. In Zittau gingen die Jugendamtsmitarbeiter 87 Verdachtsfällen nach. 

Natürlich ist die Zahl der Fälle auch in Relation zur Einwohnerzahl zu setzen. Dennoch bleibt der Anteil für Ebersbach-Neugersdorf mit knapp 12.000 Einwohnern hoch. Aus Görlitz - die Stadt hat immerhin knapp 56.000 Einwohnern - wurden beispielsweise "nur" 113 Verdachtsfälle gemeldet, aus Niesky 33. Ein Schwerpunkt ist auch Reichenbach: 59 Verdachtsfälle wurden aus der Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohnern beim Jugendamt gemeldet. Und hier bestätigte sich der Verdacht in fast allen Fällen. 

Die meisten sind unter sechs Jahre alt

In den allermeisten Fällen wurden die Kinder vernachlässigt, erklärt Katja Barke vom Kreis-Jugendamt in ihrem Bericht. Die meisten dieser Kinder waren noch ganz klein - zwischen null und sechs Jahre alt. Wegen sexueller Gewalt wurde in neun Fällen ermittelt, 33 Mal wegen körperlicher und 89 Mal wegen psychischer Gewalt.

Das Amt wird dann tätig, wenn jemand einen Verdacht meldet. Die meisten Meldungen gehen dabei anonym beim Jugendamt ein. Das hat auch deutlich zugenommen. Oft melden aber auch Bekannte oder Nachbarn, dass sie den Verdacht haben, dass es einem Kind in seiner Familie nicht gut geht. Auch Ärzte, Kitas oder Schulen meldeten Fälle beim Jugendamt oder sogar ein Elternteil selbst. 

Nicht immer bestätigt sich der Verdacht. In mehr als 100 dieser Fälle stellten die Mitarbeiter aber tatsächlich Probleme fest. Oft ist die problematische Wohnsituation Thema der Prüfung, Gewalt in der Familie spielt eine Rolle, sehr häufig auch Suchtprobleme der Eltern. 

Meist suchen die Fachleute zunächst das Gespräch mit den Eltern. Und oft führt der nächste Weg in eine Beratungsstelle, wo die Familien Hilfe erhalten. So eine Beratungsstelle ist zum Beispiel das Familienbüro Satellit der Awo in Löbau. Sozialpädagogin Carina Schindler-Meusel kümmert sich hier um vielerlei Probleme im sozialen Bereich - sie berät auch, wenn es Schwierigkeiten in der Erziehung gibt. Gemeinsame Therapien sind ein weiteres Hifeangebot. 

In manchen Fällen ist es für die Kinder und Jugendlichen aber auch besser, zunächst in einer betreuten Wohngruppe unterzukommen. Und auch zum letzten Mittel, nämlich Kinder ihren Eltern weg- und vorübergehend in Obhut zu nehmen, griff das Amt voriges Jahr in einigen Fällen. 

Weniger Prüfungen als in den Vorjahren

Auch, wenn jeder Fall einer zu viel ist - insgesamt ist die 2019er Bilanz insofern erfreulich, dass die Jugendamtsmitarbeiter im vorigen Jahr deutlich seltener zu Vor-Ort-Prüfungen in Familien rausfahren mussten, als in den zurückliegenden Jahren. Insgesamt 668 Mal haben Kollegen im Jahr 2019 geprüft, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. 2018 fanden 900 Prüfungen statt, 2017 waren es 944 und 2016 sogar 996. Mädchen waren im vorigen Jahr ein wenig öfter betroffen: 347 Mal, Jungen 321 Mal. In 154 Fällen wurde nach der Prüfung festgestellt: hier liegt wirklich was im Argen, dem Kind muss dringend geholfen werden. In 205 Fällen stellten die Experten fest, dass es keine akute Gefahr für das Kind gibt, aber die Familie dennoch Hilfe braucht. 

Der allergrößte Teil der betroffenen Kinder lebte bei den Eltern. Davon war wiederum der größere Teil alleinerziehend - in 306 Fällen. Nur ein kleiner Teil der gefährdeten Kinder lebte außerhalb der Kernfamilie, zum Beispiel bei Großeltern, in einer Pflegefamilie oder in einer stationären Einrichtung. 

Eltern, die ihre Kinder offensichtlich nicht entsprechend behandeln, sind allerdings nicht wie häufig vermutet wird, die ganz jungen Eltern. In nur zwölf Prozent der Fälle waren die Mütter zwischen 18 und 25 Jahren alt. Weitaus mehr offenbar überforderte Eltern waren zwischen 26 und 35 Jahre alt. Über die Hälfte der Mütter waren in dieser Altersgruppe. Ein ganz kleiner Teil von gut fünf Prozent entfällt außerdem auf die Altersgruppe der Mütter über 45 Jahre. 

Mehr Nachrichten aus Löbau und Oberland lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Löbau