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Sekundenschlaf: Sechs Verletzte auf S148

Bei Kottmarsdorf prallt ein Kia frontal in den Gegenverkehr. Doch der Unfallfahrer findet jetzt einen milden Richter.

Wegen des Unfalls war die S148 bei Kottmar im Oktober 2019 stundenlang gesperrt, drei Rettungshubschrauber waren im Einsatz.
Wegen des Unfalls war die S148 bei Kottmar im Oktober 2019 stundenlang gesperrt, drei Rettungshubschrauber waren im Einsatz. © Archiv/LausitzNews/Philipp Mann

Der Mann, der sich an diesem Donnerstagmorgen, 10. Juni, auf die Anklagebank des Zittauer Amtsgerichts schleppt, ist ein körperliches Wrack. Nur unter Schmerzen kann er laufen. Und allein die Verlesung des ärztlichen Protokolls zeigt, dass er jenen Unfall, um den es an diesem Tag geht, mehr tot als lebendig überstand: Rippen, Schulter, linke Hand, Oberschenkel und Knie - alles gebrochen. Das Becken verschoben, der rechte Unterschenkel zertrümmert und 1,20 Meter seines Darms haben die Ärzte auch entfernt. Aber der 53-jährige Tscheche bemitleidet sich nicht selbst. Er fühlt sich schuldig und schämt sich, weil er so vielen anderen Menschen Leid zugefügt hat. Und deswegen steht er hier vor Gericht, wegen fahrlässiger Körperverletzung in sechs Fällen.

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"Bloß eine Sekunde - und das Leben ist vermasselt", sagt der Mann. Jene schicksalhafte Sekunde schlug am 8. Oktober 2019 gegen 16.10 Uhr auf der S148 bei Kottmarsdorf. Mit drei Kollegen in seinem Kia war der Angeklagte in Richtung Ebersbach unterwegs, als er im dichten Kolonnenverkehr plötzlich auf die Gegenspur ausscherte. Dort prallte er frontal in einen entgegenkommenden Sprinter mit zwei Insassen. Und auch ein hinter dem Kia fahrender Ford mit drei Insassen wurde noch in den Unfall verwickelt. Außer dem Unfallfahrer wurden noch sechs weitere Personen teilweise schwer verletzt. Drei Rettungshubschrauber wurden damals zur Unfallstelle alarmiert.

Eine eindeutige Ursache für den Unfall wurde nicht ermittelt. Aber der Angeklagte selbst hatte Wochen nach dem Unfall zweien seiner Mitfahrer gegenüber erklärt, in einen Sekundenschlaf gefallen zu sein. Und der Richter hält diese Ursache auch für plausibel. Einen Hinweis darauf liefert die bei der Polizei zu Protokoll gegebene Aussage des Ford-Fahrers hinter dem Unfallfahrer. Der nämlich hatte berichtet, dass der Kia schon Sekunden vor dem Unfall mal kurz auf die Gegenfahrbahn geschwenkt war. "Das sah nicht nach Absicht aus, sondern so, als würde der Fahrer schlafen", heißt es in dieser Aussage.

Ein zu anstrengender Arbeitstag?

Vielleicht war dieser Tag einfach zu anstrengend gewesen für den Angeklagten. "Wir sind wie jeden Morgen um vier Uhr los zur Schicht um 6.15 Uhr in Boxberg", schildert der Angeklagte. Dort arbeitete er damals als Schweißer im Kraftwerk. Rund 100 Kilometer ist der Weg von seiner tschechischen Heimat zum Kraftwerk im Nordkreis. Schichtende war um 15.30 Uhr. "Früher wenn ich mich nach der Arbeit mal müde gefühlt habe, habe ich das Steuer einem anderen überlassen", sagt er - doch an jenem Tag habe er sich fit gefühlt. "Ich hatte keine Anzeichen von Müdigkeit", sagt er.

Seine Mitfahrer schliefen im Auto. "Ich habe das Radio leise gestellt und dann hat sich von einer Sekunde auf die andere das Leben verändert. Ich erinnere mich noch, auf die Gegenseite gekommen zu sein und habe noch geschrien: Achtung!" - mehr Erinnerungen hat er nicht mehr an den Unfall. Und auch die als Zeugen geladenen Mitfahrer können nichts zur Klärung beitragen - weil sie eben schliefen. Und auch der Fahrer des entgegenkommenden Sprinters kann nicht viel sagen, weil alles innerhalb von Sekundenbruchteilen passierte. "Ich kam da den Berg runter, da kam mir dieses Auto entgegen", erzählt er und: "Ich bin voll in die Eisen und nach rechts rübergezogen" - doch es reichte nicht.

Einstellung gegen Geldauflage

Zentraler Punkt der Anklage war nun, welche Verantwortung und Schuld den Unfallfahrer für seinen Sekundenschlaf trifft. "So schlimm die Folgen sind - den Grad der Fahrlässigkeit und das Täterunrecht sehe ich im untersten Bereich", führt der Richter aus. Er erwägt, das Verfahren nach Paragraf 153 der Strafprozessordnung (StPO) wegen geringer Schuld einzustellen. Dem jedoch stimmt die Staatsanwaltschaft nicht zu. Die sieht ein strafwürdiges Verhalten, der Fahrer hätte nicht weiterfahren dürfen.

"Die einzige belastende Aussage ist die des Fahrers hinter dem Kia", erklärt der Richter. Dieser wohl erste Sekundenschlaf habe sich aber nur Sekunden vor dem Unfall ereignet. "Wie viel Zeit bleibt einem Autofahrer da, seine Fahruntüchtigkeit zu erkennen und anzuhalten?", fragt der Richter - keine eben. Er müsste einen Sachverständigen zur Klärung der Frage laden, ob und wenn ja wie lange sich ein Sekundenschlaf ankündigt. Davon aber verspricht sich das Gericht keinen Nutzen. Die Staatsanwaltschaft willigt schließlich ein, das Verfahren nach Paragraf 153a StPO gegen eine Geldauflage von 400 Euro einzustellen.

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Für die Zahlung dieses Betrages räumt das Gericht dem Mann eine lange Frist ein. Denn er ist nicht nur körperlich, sondern auch wirtschaftlich ruiniert. Seit dem Unfall ist er arbeitsunfähig, lebt von einer Invalidenrente von umgerechnet rund 400 Euro - allein die Raten für seinen damals noch nicht abbezahlten und total zerstörten Kia kosten ihn rund 6.000 Euro und Schulden hat er wegen des Unfalls auch noch.

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