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Warum die Oberlausitz mehr Rückkehrer braucht

Martin Müller ist neuer Kantor im Oberland. Nach Ausbildung und Studium in Schwaben und an der Ostsee kam er in die Heimat zurück. Und hat es nicht bereut.

Martin Müller ist der neue Kantor in Oppach und auch für die umliegenden Gemeinden zuständig.
Martin Müller ist der neue Kantor in Oppach und auch für die umliegenden Gemeinden zuständig. © Matthias Weber/photoweber.de

Die Sommersonne scheint auf die kleine Oppacher Kirche. Sie steht erhaben am Hang, mitten im Grünen zwischen großen, alten Bäumen. Martin Müller schiebt das schmiedeeiserne Eingangstor zum Kirchhof knarzend beiseite und kramt in seiner Tasche nach dem richtigen Schlüssel, der in die Kirchentüre passt. Es gibt schlechtere Arbeitsplätze als diesen hier über dem Dorf im Grünen.

Für Martin Müller hat sich damit ein Wunsch erfüllt: Er ist jetzt der Kantor in Oppach, seit Oktober ist er hier in der Oppacher Kirche und in den umliegenden Orten im Dienst. Martin Müller ist 37 Jahre alt und ein Rückkehrer. Einer derjenigen, die wegzogen, um zu studieren und einen Beruf zu lernen. Und deren Wunsch nach einem Leben in der Oberlausitzer Heimat schließlich so groß wurde, dass sie hierher zurückkamen. Martin Müller ging vor Jahren als Azubi und kehrte nun mit Frau und Tochter wieder zurück.

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Nachwuchsmangel auch bei Pfarrern und Kantoren

Das machen noch zu wenige der Weggezogenen, stellt Martin Müller fest. Auch in seiner Branche ist das nicht anders, als in anderen Bereichen. Bei Kirchenmusikern und Pfarrern gibt es auf dem Land einen Nachwuchsmangel, auch die Oppacher Pfarrstelle ist derzeit vakant. Dabei sei das Leben in der Oberlausitz gerade für Familien sehr angenehm, sagt Müller. Er wohnt in Cunewalde. "Da haben wir alles im Ort: Kindergarten, Schule, Arzt, Einkaufsmöglichkeiten", zählt er auf. "Aber ich kann das schon nachvollziehen", sagt der junge Kantor nachdenklich. "Wenn man sich einmal ans Stadtleben gewöhnt hat, dann ist das eine Umstellung." Ihm ist sie nicht so schwergefallen. In Greifswald, wo er Kirchenmusik studierte, ging es auch eher beschaulich zu. Aber: "Die Wege sind hier auf dem Land weiter, als in der Stadt."

Gerade in seinem Beruf sei man heute viel unterwegs, da er als Kirchenmusiker nicht nur für eine Gemeinde zuständig ist. Sein Einzugsgebiet reicht quasi von Eibau bis Oppach, auch kleinere Orte wie Beiersdorf und Dürrhennersdorf gehören dazu. "Das muss man wollen und sich bewusst dafür entscheiden." Er kann sich vorstellen, dass Leute, die nicht auf dem Land groß geworden sind, sich da schwertun.

Wieder näher zur Familie

Martin Müller hingegen genießt das Landleben. "Ich bin froh, wieder hier zu sein", sagt der gebürtige Cunewalder. Für ihn war vor allem die Familie ausschlaggebend für die Rückkehr. Er und seine Frau, die ausgebildete Gemeindepädagogin ist, haben eine kleine Tochter. Seit sie auf der Welt ist, wurde der Wunsch stärker, wieder in die Oberlausitz zurückzukehren. "Die Großeltern sind eine ganz wichtige Stütze im Familienleben, gerade wenn man kleine Kinder hat", sagt der 37-Jährige. Und er hatte Glück: In Oppach war die Kantorenstelle frei. Die junge Familie fand eine Wohnung in Cunewalde, dem Heimatort von Martin Müller, ganz in der Nähe seines Elternhauses.

Von hier aus besuchte er früher das Gymnasium in Löbau und merkte schon frühzeitig, dass die Musik sein Ding war. Deshalb wechselte er aufs Musikgymnasium in Hoyerswerda und machte dort sein Abitur. Danach lernte er Orgelbauer in Schwäbisch Gmünd. "Das ist aber doch das reine Handwerk. Da fehlte mir die Musik", erzählt Martin Müller. Er entschied sich fürs Kirchenmusikstudium und ging dafür nach Greifswald. Zuletzt arbeitete er als Kantor in Oberlungwitz nahe Chemnitz - und jetzt in Oppach.

Eine weitere junge Kollegin hat in Löbau ihren Dienst begonnen. Luise Wenk ist hier jetzt als Kantorin tätig, hauptsächlich in der Nikolaikirche. Sie ist erst 23 Jahre alt und zusätzlich zu ihrem Job als Kirchenmusikerin in Löbau als Jugendkantorin in Oderwitz angestellt.

Ohne Ehrenamtliche geht es nicht

Diese Stellen sind jetzt durch die Reform der Kirchenstruktur möglich geworden, sagt Martin Müller. Früher gab es in den Gemeinden viele nur ganz geringfügig bezahlte Jobs in dem Bereich, zum Beispiel 20- oder 30-Prozent-Stellen. Durch die Strukturreform konnten nun umfangreichere Stellen geschaffen werden, von denen man auch leben kann, sagt der Kantor. Das bedeute natürlich auch, dass ein größeres Gebiet betreut werden muss. Müller hat jetzt immerhin eine 70-Prozent-Stelle als Kirchenmusiker im Kirchspiel Oberes Spreetal.

Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem die Chöre, zum Beispiel in Beiersdorf, Dürrhennersdorf und Schönbach. Auch den Posaunenchor in Eibau betreut der junge Pfarrer nun. Die Zeit reiche aber dennoch nicht aus, alle Musikgruppen in den Gemeinden zu betreuen. "Wir sind da auch auf Ehrenamtliche angewiesen, die Chöre und Musikgruppen anleiten", sagt Müller. Das sei wegen des großen Gebiets mit viel Organisation und Absprachen verbunden. Aber es klappt gut, es gebe viele engagierte Leute in den Gemeinden.

Proben für neuen Chor immer mittwochs

Jetzt freut sich Martin Müller, dass er nun dank der Corona-Lockerungen an seiner neuen Arbeitsstelle wieder das tun kann, was seinen Beruf auch ausmacht: Mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten. In Oppach will der junge Kantor einen ökumenischen Chor gründen. Das heißt, evangelische und katholische Christen sollen gemeinsam singen.

Denn: Die Zahl der Gemeindemitglieder wird immer kleiner, bei beiden Glaubensrichtungen. Das bedeutet, es gibt auch weniger Chorsänger. "In manchen Chören kann man schon nicht einmal mehr alle vier Stimmen bedienen", hat Martin Müller festgestellt. Deshalb soll es künftig einen großen Chor mit Sängern aus beiden Gemeinden geben. Die Proben sind jetzt gestartet, geprobt wird immer mittwochs ab 19.30 Uhr in der evangelischen Kirche in Oppach.

Dazu ist jeder willkommen. Das wurde schon gut angenommen, resümiert Kantor Müller nach dem ersten Probenabend in der vorigen Woche. 35 bis 40 Leute brauche es für einen großen Chor. Er ist zuversichtlich, dass sich so viele Hobbysänger finden werden. Und auch sonst freut er sich auf die kommende Zeit und die neue Arbeit. "Ich habe es noch nicht bereut." Einziger Wermutstropfen: Proben und andere Veranstaltungen, zu denen der Kantor gefragt ist, sind oft abends. "Unsere Tochter ins Bett bringen, das muss jetzt meistens meine Frau übernehmen." Und Oma und Opa sind ja auch in der Nähe.

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