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Warum es so schade um den Stadt'l-Saal ist

Werden die Baupläne für zwei neue Märkte in Neugersdorf genehmigt, muss der Tanzsaal weg. Christian Hille hat hier fast sein ganzes Leben verbracht.

Christian Hille führte mit seiner Familie viele Jahrzehnte das Stadt Zittau samt Saal. Als Erinnerung an die Zeit hat er Gästebücher aufgehoben. Darin haben sich viele Künstler verewigt.
Christian Hille führte mit seiner Familie viele Jahrzehnte das Stadt Zittau samt Saal. Als Erinnerung an die Zeit hat er Gästebücher aufgehoben. Darin haben sich viele Künstler verewigt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Täve Schur, Heinz Quermann, Will Brandis, Ina-Maria Federowski, Truck Stop, Karat - die alten Gästebücher vom Stadt Zittau in Neugersdorf lesen sich wie das Who's who der letzten Jahrzehnte. Zahlreiche Künstler, Sänger, Schauspieler und andere Prominente, die hier auf der Bühne standen, haben sich in den dicken Wälzern verewigt. Christian Hille hat die Bücher alle aufbewahrt. In einer Schublade im Wohnzimmer in seinem Neugersdorfer Elternhaus verwahrt er sie wie einen Schatz. Der 82-Jährige hat eine ganz besondere Beziehung zu den Gästebüchern und zu Stadt Zittau. 

Seine Familie betrieb viele Jahrzehnte - man kann beinahe sagen Jahrhunderte - das Stadt Zittau in Neugersdorf. Sein Urgroßvater Gustaf Schöbel führte schon vor über 120 Jahren das "Hotel Stadt Zittau", wie es damals hieß. 1899/1900 ließ Uropa Gustaf einen Veranstaltungssaal mit Bühne anbauen. So steht es in der Melzer-Chronik von Neugersdorf. 

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Vom Tanzorchester bis zur Disko

Christian Hille lächelt, wenn er durch seine Gästebücher blättert. Es ist das Lächeln von Menschen, die sich an eine bewegende und glückliche Zeit in ihrem Leben erinnern. Umso mehr schmerzt es ihn, was nun mit dem historischen Tanzsaal passieren soll: Auf dem ehemaligen Sportplatz hinter Stadt Zittau plant Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen den Bau zweier neuer Einkaufsmärkte sowie Parkplätze und Zufahrten für Liefer-Lkw. Laut einem Planentwurf zu dem Vorhaben, ist für den Tanzsaal von Stadt Zittau kein Platz mehr, wenn der Plan so genehmigt wird. Er müsste abgerissen werden. Das Hauptgebäude mit Gaststätte und Eiscafé wäre vom Abriss nicht betroffen. Derzeit läuft das Verfahren noch. 

Christian Hille kann darüber nur den Kopf schütteln. Wenn man bedenke, was hier alles sprichwörtlich über die Bühne ging und in Zukunft noch stattfinden könnte - das könne man doch nicht einfach wegreißen. Zu schnell, findet er, sei heute von Abriss die Rede. "Weggerissen ist schnell etwas." Aber was es auch für das Stadtbild bedeute, wenn so ein historisches Haus dann verschwunden ist, das sei vielen gar nicht bewusst. "Das Stadt Zittau hat immer vom Saal gelebt. Der muss als Kulturstätte erhalten werden", sagt der 82-Jährige.

"Vieles, was Rang und Namen hatte in der DDR und darüber hinaus, stand bei uns auf der Bühne", erzählt er. Mitte der 1950er Jahre übernahm Christian Hille gemeinsam mit seinen Eltern das Haus von der Tante. Nach dem Tod seines Vaters 1964 führte er es schließlich komplett selbst mit seiner Frau. Christian Hille war "Mädchen für alles", wie er selbst sagt. "Ich war der Chef des Hauses. Da ist man überall eingespannt." Bis 1975 betrieben Hilles das Stadt Zittau samt Veranstaltungssaal. Dann wurde es verstaatlicht und die HO bewirtschaftete das Haus. Nach der Wende fiel das Stadt Zittau an Christian Hille und seine Frau zurück, in den 1990er Jahren - während der boomenden Diskozeit - betrieben sie es noch einmal.

Viele Ehen sind entstanden

Tanzturniere, Karneval, Schulabschlussbälle, Konzerte, später Disko - es gibt wohl kaum jemanden im Oberland, der nicht im Stadt'l einen Teil seiner Freizeit verbrachte. "Wir hatten die Zeit der Tanzorchester bis dann die Disko-Ära losging", erzählt der ehemalige Betreiber. "Jeder, der in Neugersdorf und Umgebung zum Tanz gehen wollte, der kam zu uns", berichtet Christian Hille. Folglich hätten sich im Stadt'l viele Paare kennengelernt, seien zahlreiche Ehen entstanden. "Bei uns war es ja auch so", erzählt seine Frau Karin und lacht. Ihr Elternhaus stand schräg gegenüber von Stadt Zittau. Sie wuchs im Sporthaus Eichhorn auf - das fiel vor Jahren auch schon dem Abrissbagger zum Opfer. "Da liefen wir uns immer wieder über den Weg", erinnert sie sich. Und auch sie ging zum Tanz rüber ins Stadt Zittau. 

Künstler und Schlagersänger hätten immer die tolle Akustik im Haus gelobt. Der Saal hat eine Kuppel-Decke. "Die trägt den Ton sehr gut. So was wird ja heute gar nicht mehr gebaut", sagt der ehemalige Stadt'l-Betreiber. "Die Stadt und die Stadträte sollten sich gut überlegen, ob sie so ein Kulturgut wegreißen lassen wegen ein paar Parkplätzen für einen Supermarkt."

Abgesehen davon haben Hilles so ihre Zweifel, ob das Vorhaben funktionieren kann, mitten in der Stadt. Die Verkehrssituation sei schwierig, vor allem mit großen Lastern, die dann Waren anliefern sollen. Und gleich daneben sind die Kirche und der alte Friedhof. "Das passt einfach nicht", sagt Karin Hille. 

Bürgerinitiative hat Unterschriftensammlung gestartet

Einwohner haben mehrere Möglichkeiten, ihre Meinung zum Vorhaben zu sagen oder Bedenken und Einwände dazu kundzutun: Zum Einen geht das über das Beteiligungsportal des Freistaats. Dort sind aktuell bereits 20 Stellungnahmen eingegangen. Zum anderen können Einwendungen bei der Stadt eingereicht werden. Dort liegen im Bauamt auch die Unterlagen zum Vorhaben aus. Die Frist für alle Eingaben ist diesen Freitag, am 9. Oktober. 

Außerdem sammelt eine Bürgerinitiative Unterschriften gegen den Abriss vom Stadt'l-Saal. Die Listen liegen unter anderem in der Postfiliale an der Hauptstraße aus, beim Autohaus Liebmann oder im Restaurant Crisela, das direkt neben Stadt Zittau liegt. Sie werden Ende der Woche eingesammelt und bei der Stadtverwaltung mit eingereicht. Auch Christian Hille hat schon unterschrieben. "Ich hoffe, dass viele Neugersdorfer sich für den Erhalt einsetzen." 

Christian Hille klappt seine Gästebücher zu. Sein Blick ist jetzt traurig, fast schon resigniert. Die Bücher mit den vielen schönen Erinnerungen kommen zurück in die Schublade. Sie werden erhalten bleiben - in jedem Fall. 

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