merken
PLUS Löbau

"Zum Gassigehen in die Welt hinaus"

Die Löbauerin Nicole Herzog war in fast 80 Ländern. Inzwischen leidet sie an hohem Reisefieber und macht ihre Corona-Pause zum Gewinn - auch für andere.

Nicole Herzog reist gern in ferne Länder, war schon in ca. 80 Ländern dieser Welt und hat einen besonderen Kalender herausgegeben.
Nicole Herzog reist gern in ferne Länder, war schon in ca. 80 Ländern dieser Welt und hat einen besonderen Kalender herausgegeben. © Marion Doering

Es sollte Sri Lanka sein. Mit 30 Grad Hitze. Es wurde die Mongolei mit 40 Grad Frost. Beides ist Nicole Herzog willkommen. Als einst die eine Reise nicht klappte, trat sie halt die andere an. Statt Shirts und Sandaletten packte die 38-Jährige einen dicken Parka und wollene Socken ein. Wer in der ganzen Welt zu Hause ist, kramt voller Neugier im Keller und stöbert erfolgreich auf dem Dachboden.

Das Reisefieber muss ihr in den Genen stecken. Wirklich zum Ausbruch kam es aber erst, als Nicole eine Entdeckung machte, die andere Menschen verstören würde: Sie hatte sich fürs falsche Studium entschieden: "Architektur - weil ich gern gestalte. Aber dann kamen all diese mathematischen, technischen Dinge auf mich zu", erzählt sie. Kunst wäre eine Ausflucht gewesen. Doch so einfach bekam sie keinen neuen Studienplatz. "Also blieb ich dabei und habe einfach für mich das Beste daraus gemacht." 

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

"Ich saß an der Quelle zum Klopapier"

Ein Jahr Auslandsstudium in Chile, Diplom-Recherchen in Spanien, Sommerakademien in Lettland und Rumänien, den ganzen Winter in Sibirien. Rasch wurde Nicole zur Expertin in Sachen Studienaustauschprogramme samt entsprechender Förderung. Stipendien, Projekte, Jobs - die Möglichkeiten sind riesig und sie nutzte sie.

So verbrachte sie mal Wochen, mal Monate weit weg von daheim als Mitarbeiterin eines Regenwaldrettungsprojektes in Ecuador, als Slumentwicklerin einer Hilfsorganisation in Marokko, als Angestellte der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in der Mongolei. 

Zwölf Eindrücke von ihren Reisen in die ganze Welt verbindet Nicole Herzog mit den dazugehörigen Geschichten, die hinter dem jeweiligen Bild stecken.
Zwölf Eindrücke von ihren Reisen in die ganze Welt verbindet Nicole Herzog mit den dazugehörigen Geschichten, die hinter dem jeweiligen Bild stecken. © Marion Doering

Fast 80 Länder hat Nicole Herzog bereits kennengelernt. "Ich will immer wissen: Wie sind die Menschen, wie leben sie, wie funktioniert der Alltag, wie sieht es dort aus, wie riecht es?" Woher sie diese unbändige Neugier hat? Sie kann es nicht sagen. "Ich war eine der letzten Jungpioniere der DDR, Tochter einer Zahntechnikerin und eines Busfahrers, aufgewachsen in Löbau." Unbeschwerte Kindheit, keine Auffälligkeiten. Durch das Studium kam sie nach Dresden. "Alles ging irgendwie dahin", sagt sie.

Am 8. Januar ist Nicole von ihrer vorerst letzten Reise zurückgekehrt. Azoren. Einfach Urlaub. Kein Projekt. "Seitdem habe ich nicht einmal mehr den Freistaat Sachsen verlassen", sagt sie. Als Corona die Stadt in Dornröschenschlaf versetzte, wusste auch sie nicht weiter. Nach ihrem Architekturstudium hatte sie sich als Grafikerin und Fotografin selbstständig gemacht. Das lief gut. Nun war alles offen. "Ich bin direkt zum Netto gelaufen und habe gefragt, ob die jemanden zum Regale einräumen brauchen", erzählt sie. Als Studentin habe sie so etwas häufig gemacht.

Der Supermarkt-Job im Lockdown brachte nicht nur Geld ein. "Ich hatte drei Monate lang bezahltes Fitnessstudio, war plötzlich systemrelevant und saß an der Quelle zum Klopapier!" Keine schlechte Zeit also. Komplett ausgefüllt war sie trotz der Vollzeitstelle nicht. "Meine Freunde haben oft zu mir gesagt: Du mit deinen vielen Reisen und Erlebnissen solltest ein Buch schreiben." Nun war der Moment gekommen, um immerhin darüber nachzudenken.

Kenia 2008: Dort arbeitete Nicole Herzog für eine Hilfsorganisation mit Kindern in einem Slum.
Kenia 2008: Dort arbeitete Nicole Herzog für eine Hilfsorganisation mit Kindern in einem Slum. © Lukas Houdek /PR

So ein richtiges Buch mit ganz viel Text konnte sich Nicole nicht vorstellen. Dafür sind ihre Begabungen zu sehr im fotografischen verhaftet. Doch ihre gesamte Welt-Erfahrung zu bündeln, das reizte sie sehr. Nun, etliche Wochen rastloser Arbeit später, liegt eine kleine Schachtel vor ihr auf dem Tisch, postkartengroß und wenige Zentimeter hoch. "12 Weltmomente - 12 Länder, 12 Bilder, 12 Geschichten" steht darauf. Darin: Zwölf Karten mit jeweils einem Foto samt Monatsbanderole, ein Kugelschreiber, ein winzig kleiner Magnet, ein Heftchen, in dem sich alle Postkartenmotive samt passender Geschichte wiederfinden, und eine Bedienungsanleitung.

"So lässt sich gedanklich reisen, gegen grenzenloses Fernweh"

Alles zusammen ergibt einen Kalender und eine Rundreise durch die Welt, an zwölf Orte, die Nicole im Laufe der vergangenen Jahre bereiste, an denen sie einen besonderen Moment fotografierte und zu dem sie nun die entsprechende Situation beschreibt - extrem komprimiert, sehr anschaulich und immer mit einem Augenzwinkern.

Reisen hat mit Entdecken zu tun. Deshalb schickt Nicole Herzog alle, die sich oder andere mit ihrem Kalender beschenken, zusätzlich auf eine Entdeckertour. Sie gibt Tipps zu weiterführenden Informationen, wie Filme, Ausstellungen, Bücher, und lotst auf diese Weise immer näher heran an die Regionen, die kennenzulernen sich lohnt. 

Vorerst 500 Exemplare hat Nicole produzieren lassen. "Es gibt keinen Tag, an dem ich durch dieses Projekt nicht Neues dazu gelernt hätte - von der Auswahl der beteiligten Firmen, über das Erlangen einer ISBN-Nummer bis hin zum Vertrieb", sagt sie. Der läuft am allerliebsten direkt über sie und ihre Website. Darüber hinaus sind ihre 12 Weltmomente in verschiedenen Dresdner Geschäften, wie dem Geschenkeladen Catapult und den Bücherläden Büchers Best, Bücheroase oder Reisebuchladen zu haben, aber auch via Amazon. Nächstes Jahr ist eine neue Edition geplant zum Thema "Natur und Architektur" - mit anderen Bildern und Geschichten.

"So lässt sich gedanklich reisen, gegen grenzenloses Fernweh", sagt Nicole und hofft selbst darauf, möglichst bald ihren Koffer für eine neue Reise packen zu dürfen. Außer drei Tage Brandenburg hatte sie seit Januar noch keinen Urlaub. Und nach Löbau will sie dieses Jahr auch noch - die Familie besuchen. Die hat Nicole seit Mai nicht mehr gesehen. "Das Projekt hält mich so in Beschlag." Wirklich leben könne sie nur in Dresden.  "Aber immer mal wieder muss ich zum Gassigehen in die Welt hinaus."

Mongolei 2006: Nicole Herzog arbeitete für die Gesellschaft für internationale Beziehungen an einem Stadtentwicklungsprojekt mit.
Mongolei 2006: Nicole Herzog arbeitete für die Gesellschaft für internationale Beziehungen an einem Stadtentwicklungsprojekt mit. © Daniela Pantua /PR

"12 Weltmomente", Jahreskalender mit Reisetipps und Informationen, erhältlich unter www.12-weltmomente.com und im Buchhandel; ISBN: 978-3-00-065962-1

Lesung mit Nicole Herzog: 14. November, 14 Uhr, Geschenkeladen Catapult, Rothenburger Straße 28 in Dresden, Eintritt frei.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Löbau