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Die gestörte Kaffeetafel

Wie in Niedercunnersdorf ein armer Flickschuster einen reichen Fabrikanten erzog.

In diesem Niedercunnersdorfer Häuschen wohnte Gurken-Daniel, der umtriebige Schuster, der auch saure Gurken auf Volksfesten feilbot.
In diesem Niedercunnersdorfer Häuschen wohnte Gurken-Daniel, der umtriebige Schuster, der auch saure Gurken auf Volksfesten feilbot. © SZ-Archiv

Immer wieder werden in den Oberlausitzer Ortschroniken Originale erwähnt, die durch seltsames Gebaren, Schabernack, Witz, Humor und Schlagfertigkeit auffielen und von denen teils unglaubliche Geschichten kursierten. In Niedercunnersdorf, das wie Obercunnersdorf in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag feiert, schrieb vor rund 30 Jahren der ehemalige Lehrer Richard Kießling (Jahrgang 1919) eine Episode eines solchen Originals auf und bewahrte sie damit der Nachwelt:

Gurken-Daniel aus Niedercunnersdorf war Schuster. In der Saure-Gurken-Zeit handelte er mit Gurken, die er vor allem bei Schützenfesten und anderen Gelegenheiten öffentlich und lautstark anpries. Sein Häusel grenzte südlich an das Grundstück eines reichen Fabrikanten, dessen Lebensstil im krassen Gegensatz zur Lebensweise des armen Flickschusters stand. Während Daniel zwölf und mehr Stunden täglich an den zerlaufenen Schuhen saß, sah er seinen Nachbar kaum einer Tätigkeit nachgehen. Geradezu aufreizend wirkten die Nachmittagsempfänge mit Kaffeetafel, die der Unternehmer an den Wochentagen einer illustren Gesellschaft gab. Im Sommer promenierten die Gäste im gut gepflegten Garten. Dann wurde im Pavillon von den hübschen Dienstmädchen gedeckt, und der zur Schau getragene Reichtum und der Geruch des Bohnenkaffees brachten den hungrigen Schuster in Harnisch. Seine Frau, die ihn beschwichtigen wollte, fuhr er grob an: „Mach ock glei mit rieber und leck’n de Untertoass’n aus!“ Er schwor Rache.

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An einem warmen Sommernachmittag, den ein leiser Südwind angenehm machte, war es wieder soweit. Gurken-Daniel hatte den Tag herbeigesehnt. Der duftende Kaffee in den Porzellantassen und der aufgetragene Kuchen veranlassten den Fabrikanten und seine Gäste Platz zu nehmen. Das war für den Schuhmacher das Signal. Rasch legte er Hammer und Schuh beiseite und eilte zur Hintertür hinaus ins Freie. Dort öffnete er die Klappe der sogenannten fünften Hausecke, des Aborts, und füllte zwei Kannen mit einer Flüssigkeit, die nicht gerade nach Levkojen oder Veilchen duftete. Eifrig düngte er den Garten entlang des Nachbargrundstücks, und der Südwind tat seine Schuldigkeit.

Schuhmacher wiederholt Manöver

Bald rümpfte die ganze Kaffeegesellschaft die Nase, empörte sich und schimpfte. Gurken-Daniel ließ sich jedoch nicht stören, bis die Damen und Herren entflohen. Da es im Hause des Fabrikanten nicht besser roch (der hatte zum Durchlüften alle Fenster geöffnet) konnte Daniel mit Genugtuung bald den Aufbruch der Gäste beobachten. In der folgenden Woche wiederholte der Schuhmacher sein Manöver. Der Fabrikant schäumte. Da er aber dem Missetäter nicht vorschreiben konnte, wann der seinen Garten zu jauchen hatte, blieb ihm nur eine kleine Rache. Er entzog Daniel die Reparatur seiner Schuhe. Das Dienstmädchen, das die noch nicht reparierten Schuhe abholen musste, bekam des Schusters Groll zu hören und berichtete ihrem Herrn davon, ohne ein Wort auszulassen. Was den Fabrikanten nachdenklich gestimmt haben muss.

Als wieder einmal eine ansehnliche Gesellschaft zum Nachmittagskaffee erschien, um den Geburtstag der „gnädigen Frau“ zu feiern und Daniel seine Gegenaktion durchdachte, musste er sich sehr wundern. Noch hatte man im Garten nicht gedeckt, da erschien des Nachbars Dienstmädchen mit einem Korb bei ihm: „Einen schönen Gruß vom Herrn.“ Und ehe Daniel aus seinem Staunen herauskam, war er wieder mit seiner Frau allein. Sie ließen sich den Kaffee, das Gebäck und Gurken-Daniel auch die beiden Zigarren mit Bauchbinde gut schmecken. Diesmal düngte Daniel nicht.

Dass er seine Aufträge wieder bekam und vorsorglich vor jeder Kaffeetafel seinen Tribut erhielt, versteht sich von selbst.

Der Autor Richard Kießling begann nach dem 2. Weltkrieg als Neulehrer in Niedercunnersdorf. Seit 1947 bis zu seinem Tode forschte er zur Ortsgeschichte.

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