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System Buchholz: Angst und Misstrauen im Rathaus?

Jetzt reden Mitarbeiter und Buchholz-Kenner, wie er sie als OB gedemütigt hat, warum fast keiner aufbegehrte und was ein SZ-Interview auslöste.

Ein Bild aus der Mitte seiner Amtszeit: Dietmar Buchholz 2012 vor einem Löbau-Gemälde.
Ein Bild aus der Mitte seiner Amtszeit: Dietmar Buchholz 2012 vor einem Löbau-Gemälde. © Matthias Weber

Zerrüttete Personalstruktur, mangelnder Teamgeist im Löbauer Rathaus - so mancher hat sich verwundert die Augen gerieben, als diese Vorwürfe auf der Sondersitzung des Stadtrates am 15. Juli laut wurden. Was ist da los? Und vor allem: Wer trägt Schuld? Auch wenn auf der Sitzung lediglich von "unangenehmen Vorgeschichten in der Verwaltung" geredet wurde - ist für viele Insider klar: Das ist das Erbe des langjährigen Oberbürgermeisters Dietmar Buchholz und seines Führungsstils. Dass all das jetzt erst an den Tag kommt und Betroffene nun reden, hat triftige Gründe:

Als Löbaus aus dem Amt geschiedener OB Ende Juni der SZ ein Abschieds-Interview gab, sagte er zwei Dinge, die bei vielen Wegbegleitern das Fass zum Überlaufen brachten. Befragt nach seinem mitunter harschen Umgangston sagte er: "Getroffen hat es bloß diejenigen, die von Grund auf faul sind." Zudem bilanzierte Buchholz: "Meine rustikale Art war nicht verkehrt." Inzwischen hat die SZ mit sieben früheren und aktiven Mitarbeitern im Rathaus sowie Personen, die den OB und seine Arbeit durch ehrenamtliche Tätigkeit kennen, gesprochen. Sie alle zeichnen ein verheerendes Bild von seinem Umgang mit Menschen und seiner Art, das Rathaus zu leiten. Rüpelhaft sei er, ein Strippenzieher, einer, der auch jetzt noch im Hintergrund Fäden ziehe. Deshalb will auch keiner der Männer und Frauen, die ihn lange als Vorgesetzten erlebt haben, namentlich in Erscheinung treten. Zum Teil aus Angst, zum Teil, weil viele Dinge Wunden aufreißen und auch andere Menschen in den Fokus rücken würden. Sie berichten aber alle übereinstimmend von einem "System Buchholz", das Angst und Schrecken verbreitete und aus Sicht einiger krank machen konnte. Das funktionierte demnach so:

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Teile und herrsche

Dietmar Buchholz war nicht gerade ein Teamspieler. "Sie haben hier gar nichts zu sagen!", "Sie haben keine Ahnung!" oder "Sie sollen nicht denken!" haben die SZ-Gesprächspartner immer wieder einmal gehört. Dietmar Buchholz hat als Oberbürgermeister seine Entscheidungskompetenz zu nutzen gewusst, manche nennen ihn beratungsresistent, grundsätzlich habe er das Gefühl vermittelt, dass nur er wisse, was richtig sei. Und das klang mitunter so: "Ich hau die ganze Bande raus, ich bin nur von Idioten umgeben", ahmt ein ehemaliger Mitarbeiter auch den Tonfall von Buchholz nach, als er den Satz als Beispiel nennt. "Er hat uns ständig dumm und dämlich geheißen", sagt ein ehemaliger Untergebener. Zudem habe Buchholz grundsätzlich auch öffentlich "über die Blödheit des Landkreises und der Staatsregierung geschimpft - und dabei zum Teil Namen genannt", erzählen die SZ-Gesprächspartner. Etwas, das selbst in Pressegesprächen mehrfach vorgefallen ist. Auch vor Amtskollegen brüstete er sich nach SZ-Informationen mit der eigenen Art des Umgangs mit Mitarbeitern.

Auch intern habe er die Wissenshoheit für sich in Anspruch nehmen wollen: "Er hat den Mitarbeitern so viel gesagt, wie sie für ihre Arbeit wissen mussten, Amtsleiterrunden fanden sporadisch und zeitweise gar nicht statt", berichten die Rathaus-Kenner. Die Folge: Buchholz war derjenige, der alles wusste, der die Übersicht hatte. Hinzu kam: "Er hat die meisten Anweisungen mündlich gegeben", sagt ein Insider und ein anderer ergänzt: "Er hat die Große Kreisstadt regiert wie eine kleine Gemeinde."

Gefürchtete Einzelgespräche, Abwatschen vor allen

Wer doch gegen seine Entscheidungen Einspruch erhob oder sich wehrte, erhielt promptes Echo: Dann wurde er in sein Büro zitiert und es gab die gefürchteten Einzelgespräche. "Ich hab' sie alle antreten lassen", sagte Buchholz auch gern gegenüber SZ-Journalisten, wenn er betonen wollte, dass er Stadträte, die der Presse etwas gesteckt haben könnten, "zum Singen" gebracht habe. Ähnlich verfuhr er offenbar auch mit Mitarbeitern, die seine laute, jähzornige, cholerische Art fürchteten. "Da sind manche mit Tränen in den Augen aus dem Büro gekommen", berichten Rathaus-Kenner. "Wenn er gesehen hat, dass jemand weint, hat er oft erst recht draufgetreten", schildern Augenzeugen ihre Eindrücke. Hinzu kam, dass er offenbar auch gern mit Kündigung drohte. Dass er sich bei anderer Gelegenheit - wenn jemand beispielsweise einen Todesfall in der Familie hatte - aber auch ganz fürsorglich geben konnte, war die andere, weitaus seltenere Seite des Ex-OBs.

Öffentliche Bloßstellung

Noch verheerendere Wirkung als Einzelgespräche konnten seine öffentlichen Beschimpfungen haben, berichten die Gesprächspartner. "Nach meinem Eindruck schätzte er das Zusammenstauchen vor Publikum", erzählt einer von ihnen. Egal, ob vor Amtskollegen, im OB-Sekretariat, bei öffentlichen Veranstaltungen - Buchholz nahm weder darauf besondere Rücksicht, dass die Autorität des Leitungspersonals massiv beschädigt wurde, noch auf persönliche Kränkungen. Ein Beispiel sind die respektlosen Äußerungen über die frühere Museums-Chefin Renate Wiemer im März 2018 - sie führten am Ende bis vors Gericht.

Ein anderer, besonders krasser Fall ereignete sich bei einem Festakt zum Anbau für die Pestalozzi-Oberschule. Auch die SZ war dabei, hat mit Rücksicht auf die Betroffenen damals die Szene aber nicht geschildert. Auf die Bemerkung, dass vom Imbiss für die Gäste ja noch so viel übrig sei, verwies damals der OB auf zwei seiner etwas kräftiger gebauten Mitarbeiterinnen aus dem Rathaus und kommentierte: "Macht nichts, ich habe ja meine Biotonnen dabei", erinnern sich die Kollegen heute. "Da waren viele Leute drum herum, die Lehrer tuschelten, einige verkrümelten sich verlegen ins Festzelt", schildert einer. Gesagt hat damals niemand etwas.

Gegenwehr im Keim erstickt

Aber warum? Weil der OB irgendwie immer in einer Druckposition war: Die einen wollten ihren Job behalten - in Buchholz' Amtsjahren waren gut bezahlte Verwaltungsjobs eher rar - und dass er Kündigungen nicht nur androhte, war in seinen ersten Jahren zu erleben, wo einer der Fälle bis vors Bundesarbeitsgericht ging. Außerdem sei Buchholz gut darin, die Schwachstellen anderer zu finden, dort habe er dann angesetzt, berichten alle. "Er hatte immer genug Langlöffel", sagt ein Rathaus-Kenner und meint damit ein System an Zuträgern. Um das zu beweisen, hat ein Mitarbeiter sogar mal einen Test gemacht und bewusst ein falsches Gerücht in die Welt gesetzt. "Kurz danach wurde ich zu ihm zitiert und mir genau das vorgehalten - da wusste ich, wer geplaudert hatte."

Flucht in Nischen

Irgendwann sei bei fast jedem die eigene Gegenwehr abgeflaut. "Man will ja auch einfach mal in Ruhe arbeiten", erklären die Rathaus-Kenner. Einige haben sich gesagt: "Es ist halt seine Art." Andere berichten von Nischen, in die sie sich geflüchtet haben. "Irgendwann habe ich klein beigegeben", gesteht einer der Betroffenen ein. Schlaflose Nächte, psychische Beschwerden seien keine Seltenheit gewesen, sagen viele. "Man stumpft irgendwann ab, aber es geht einem dennoch an die Nerven." Manch einer sei krank geworden, konnte seinen Job nicht mehr machen, berichten die Insider.

Dass sich auch Firmen, die mit dem Rathaus zu tun hatten, nicht deutlicher geäußert haben, hat auch hier seinen Grund in Abhängigkeiten: "Da haben mich manchmal Firmen angesprochen: 'Wie halten Sie das aus?' - aber da alle wieder einen Auftrag von der Stadt haben wollten, haben sie nichts gesagt", beschreibt ein Rathaus-Mitarbeiter Reaktionen von außen.

Bündnisse unterbinden

Was die zerrüttete Stimmung im Rathaus angeht, so sehen sie alle den Grund in Buchholz' Methode, Zwietracht zu säen: "Er hat Gerüchte gestreut, wenn zwei sich besser verstanden haben als ihm lieb war", sagt einer. Angebliche Bereicherung im Amt, Dinge, die ein Kollege über einen anderen gesagt haben soll - das sei oft an den Haaren herbeigezogen gewesen. "Er hat großes Talent, Leute zu manipulieren." So habe sich Misstrauen breit gemacht. "Das hat mich immer gestört, dass er es meist nicht fertiggebracht hat, mit uns zu arbeiten, sondern gegen uns. Es gab nach meinem Empfinden keine Zusammenarbeit, nur gegenseitiges Misstrauen", bringt es einer der Rathaus-Insider auf den Punkt. Und ein anderer sagt süffisant: "Teamgeist? Damit ging es kontinuierlich bergab!"

Dass Dietmar Buchholz auch Verdienste in seinen 20 Jahren vorzuweisen hat, bestätigen auch seine Kritiker. Und natürlich teilen nicht alle Mitarbeiter des Rathauses in gleicher Weise und Schärfe diese Kritik an seinem Führungsstil, zumal nicht jeder in gleichem Maße mit ihm direkt zu tun hatte. Auch bei den Löbauern ist der Ex-OB vor allem mit der Landesgartenschau und dem damit verbundenen Messepark oder dem Tag der Sachsen in guter Erinnerung. Und seine "rustikale" Art fand bei manchen, der sie nur gelegentlich erlebte, auch Anklang. Eine schriftliche SZ-Anfrage, wie er selbst seinen Umgang und die Vorwürfe sehe, blieb unbeantwortet.

"War doch alles nur Spaß"

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Dass es sich auch Dietmar Buchholz als OB nicht mit jedem verscherzen wollte, schildern seine Kenner aber auch: "Wenn er mal übers Ziel hinausgeschossen war, sagte er dann: 'War doch alles nur Spaß!'" Lachen konnte aber meist nur einer. Dietmar Buchholz - so sind sich die SZ-Gesprächspartner einig - ist für die jetzigen Probleme verantwortlich, denn die Wunden werden so schnell nicht verheilen. Sie bescheinigen dem Ex-OB Bauernschläue. "Grundlegende soziale Verhaltensweisen findet man bei ihm aber nicht."

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