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Nachbarstreit endet in Polizei-Großeinsatz

Am Anfang ging's bloß um eine kaputte Scheibe - aber eine beiläufige Angabe in einer Strafanzeige macht die Ermittler hellhörig.

Schwer bewaffnete Polizisten wie auf diesem Symbolfoto rückten im Februar in Oderwitz an.
Schwer bewaffnete Polizisten wie auf diesem Symbolfoto rückten im Februar in Oderwitz an. © Archiv/Marius Becker/dpa

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Sondereinsatzkommando der Polizei wegen eines Nachbarschaftsstreits um eine eingeschlagene Scheibe anrücken muss. Genau das aber erlebte ein Oderwitzer im Februar diesen Jahres. Statt auf den Unterboden eines Autos sah der Kfz-Mechaniker unversehens in die Mündungen von Polizei-Gewehren. Eine Situation, die er, ohne es zu ahnen, selbst heraufbeschworen hatte. Nun endete das Drama vor dem Zittauer Amtsgericht.

Alles fing damals also an mit jener Fensterscheibe. Ein Nachbar verdächtigte den am Dienstag Angeklagten, diese Fensterscheibe zerstört zu haben. Dem Nachbarschaftsverhältnis war möglicherweise nicht zuträglich, dass der Geschädigte mit der ehemaligen Lebensgefährtin des 44-jährigen Angeklagten liiert ist. Der Nachbar erstattete also Strafanzeige bei der Polizei - und plauderte dabei über ein Detail, dass die Ermittler blitzartig viel mehr interessierte als eine eingeschlagene Fensterscheibe.

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Anzeige des Nachbarn alarmiert die Polizei

Der Nachbar erzählte bei der Polizei nämlich im Wortlaut etwa so: "Und eine Waffe hat der auch." An der Werkstatt des Mannes in Oderwitz rückte also ein Kommando sogenannter LebEL-Kräfte (Spezialkräfte für "Lebensbedrohliche Einsatz-Lagen") an. "Der lag gerade unter einem Auto und war am Schrauben", erzählte Amtsrichter Stephan Folda am Rande des Prozesses. Und in einer Garage auf dem Gelände wurden sie tatsächlich fündig.

In einer eigentlich zur Aufbewahrung eines Akkuschraubers gedachten Box befand sich dort eine scharfe Pistole des russischen Herstellers Makarow samt sieben 9-Millimeter-Patronen. Ein Gutachten der Polizei ergab, dass die Seriennummer herausgeschliffen und nicht wieder kenntlich zu machen war. Der Waffe an sich bescheinigte das Gutachten einen "gepflegten Zustand" und die Munition sei "beschussfähig".

500 Euro für ein tödliches Massenprodukt

Das Amtsgericht verhandelte nun am Dienstag gegen den bisher völlig unbescholtenen Mann wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Der Angeklagte erklärte, die Waffe samt Munition 2013 in Polen erworben zu haben, obwohl er dafür keinerlei Verwendung habe. "Aus reinem Interesse", bekundete er. 500 Euro habe er dafür bezahlt. "So viel?", fragte der Richter, "das ist ja ein Millionenprodukt." Die Waffe ist tatsächlich Massenware. Die Makarow-Pistole war über Jahrzehnte Ordonnanzwaffe der Roten Armee beziehungsweise der russischen und anderer osteuropäischer Streitkräfte und ebenso Standard-Dienstwaffe etlicher osteuropäischer Polizeien.

Der Angeklagte gab an, nie selbst etwas an der Waffe verändert zu haben, auch die Seriennummer sei bereits herausgeschliffen gewesen. Der Amtsrichter glaubte ihm. "Das ist üblich für Waffen, die aus Militärbeständen stammen und dann zu Geld gemacht werden", sagte Folda. Auch gab es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der Angeklagte die Waffe jemals benutzt oder damit jemandem gedroht hätte. Seit über zwei Jahren habe die Pistole in dieser Werkzeugbox gelegen, erklärte der Angeklagte. 

Schon eine Patrone reicht für Mindeststrafe

Für unerlaubten Waffenbesitz sieht das Strafgesetzbuch eine Mindestfreiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren vor. "Für diese Mindeststrafe reicht bereits der Besitz einer einzigen Patrone", sagte die Staatsanwältin. Sie forderte daher eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten und eine Geldzahlung von 3.000 Euro an die gemeinnützige Organisation "Weißer Ring", die Opfer von Verbrechen unterstützt. 

Amtsrichter Stephan Folda blieb mit seinem Urteil unter dieser Forderung. Er erkannte auf eine Bewährungsstrafe von acht Monaten und die Zahlung von 1.500 Euro an den "Weißen Ring". Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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