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Warum es dieser Mann mit einem Wildschwein aufnahm

Weil er beim Reha-Aufenthalt einen 92-Jährigen vor einem durchgedrehten Tier rettete, wird der Strahwalder Burkhardt Kleibl ausgezeichnet.

Burkhardt Kleibl hat sich einen Keilerzahn an die Kette gelegt. Er erinnert ihn an seine spontane Rettung eines 92-Jährigen vor einem Wildschwein.
Burkhardt Kleibl hat sich einen Keilerzahn an die Kette gelegt. Er erinnert ihn an seine spontane Rettung eines 92-Jährigen vor einem Wildschwein. © Matthias Weber/photoweber.de

Burkhardt Kleibl hat großes Schwein gehabt! Wildschwein, um genau zu sein. Immer dann, wenn er den langen Hauer, den er sich an eine Halskette gehängt hat, betrachtet, muss er daran denken. Bald wird ihn auch noch ein anderes, ganz besonderes "Schmuckstück" an diesen Tag erinnern. Ein Ehrenzeichen des Freistaates. Das bekommt der verheiratete Vater dreier Töchter am Donnerstag in der Herrnhuter Stadtratssitzung verliehen. Doch der Reihe nach.

Im September 2019 war Burkhardt Kleibl zur Reha in einer sächsischen Klinik. Drei Wochen liegen fast hinter ihm, er macht gerade seine Übungen im Sportraum, als er es laut krachen hört. "Ich habe gesehen, dass da ein Wildschwein gegen das Fenster des Sportraums gerammt war", erinnert sich der heute 49-Jährige an den Moment. Die Scheibe splitterte zwar, aber das Tier kam nicht weiter. Kurz darauf krachte es gegen die nahegelegene Eingangstür. Mit Erfolg: "Die Glassplitter flogen in alle Richtungen und das Tier stand plötzlich im Gang, im Inneren des Gebäudes", beschreibt Kleibl.

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Als der Strahwalder aus dem Sportraum späht, sieht er das Tier schräg rechts vor sich im Flur stehen. Ein bisschen benommen ist es, aber nicht schwer verletzt. Just zum selben Zeitpunkt öffnet sich gegenüber von der Sportraumtür, in der Kleibl steht, der Fahrstuhl. Ein 92-Jähriger mit Rollator kommt heraus. "Ich wollte, dass er wieder in den Fahrstuhl geht und nach oben fährt", schildert Kleibl seine Versuche, den Mann aus der Gefahrenzone zu dirigieren. Doch der Versuch missglückt, der Senior verlässt den Lift und steht direkt vor dem Schwein, das ihn ins Visier nimmt.

Wildschwein erwischt ihn an der Hand

Dann geht alles ganz schnell. Burkhardt Kleibl stellt sich spontan zwischen das Tier und den Patienten mit Rollator, um es abzulenken. "Der ältere Herr konnte nicht mehr in den Fahrstuhl zurück, der war schon geschlossen, er floh in Richtung Ausgang", erinnert sich der Retter. Er selbst verschafft dem Flüchtenden Zeit, wehrt sich im wahrsten Sinne des Wortes mit bloßen Händen und Füßen gegen das Wildtier. "Ich hab nach ihm getreten, das hat es allerdings wenig beeindruckt", sagt er. Das Tier sei panisch gewesen, habe sich wehren wollen, schätzt er ein. Dabei erwischt es mit seinen Fangzähnen die linke Hand von Burkhardt Kleibl. Sie trug eine Wunde davon, einen Zentimeter tief und vier Zentimeter lang, direkt am Handballen unterm Daumen. Zum Glück nichts Schlimmeres. Als der Senior außer Sichtweite ist, kann sich der Strahwalder in den Sportraum retten. Herbeigeeilte Helfer locken das Wildschwein aus dem Haus. "Es wurde ein Jäger alarmiert, aber das Tier - vermutlich ein zweijähriger Keiler von mindestens 80 Kilo - blieb verschwunden", erinnert sich der Strahwalder.

Dass er mit seinem Einsatz dem heute 94-jährigen Mann vor den Folgen eines Wildschweinangriffs bewahrt hat, beeindruckte auch Ärzte und Mitpatienten. Einer von ihnen war Patrick Köpke. Er war ebenfalls in jenem September in der Reha-Klinik und hatte das Geschehen von außen beobachtet: "Herr Kleibl hat dem Mann mit seinem Einsatz gerettet", gibt sich der Bremer überzeugt. Und weil Köpke findet, dass dem Strahwalder deshalb Ehre gebührt, hat er ihn für eine Auszeichnung vorgeschlagen. Zunächst wandte er sich an das Bundespräsidialamt. Von dort wurde sein Vorschlag nach Sachsen weitergeleitet - und fand Gehör.

Die Lebensrettungsehrenzeichen des Freistaates Sachsen wird pro Jahr nur wenige Male verliehen. An diesem Donnerstag erhält es Burkhardt Kleibl.
Die Lebensrettungsehrenzeichen des Freistaates Sachsen wird pro Jahr nur wenige Male verliehen. An diesem Donnerstag erhält es Burkhardt Kleibl. © Freistaat Sachsen

Anerkennung durch den Freistaat

Das bestätigt der Freistaat auf Nachfrage. Der Innenminister habe aufgrund des Vorschlages entschieden, das "Lebensrettungsehrenzeichen als Anerkennung für Rettung aus Gefahr" zu verleihen. Die Bedingungen dafür hat Burkhardt Kleibl allemal erfüllt: "Die zu ehrende Person muss unter Lebensgefahr oder besonders bedrohlichen, gefahrvollen Umständen Menschenleben gerettet oder eine der Allgemeinheit drohende erhebliche Gefahr abgewendet haben", betont Tom Kleinfeld vom Presseteam des Ministeriums. Zudem müsse sich die Rettungstat in Sachsen ereignet haben oder der Retter in Sachsen leben.

Medaille und Urkunde werden nun - mit Verspätung auch durch Corona - durch Herrnhuts Bürgermeister übergeben, schließlich solle alles ja auch einen feierlichen Rahmen haben. Außerdem ist dieses Ehrenzeichen schon etwas Besonderes - inflationär wird es jedenfalls nicht verliehen: Nach Angaben des Innenministeriums wurden in diesem Jahr bislang fünf solcher Auszeichnungen vergeben. In den fünf Jahren zuvor waren es zwischen drei und neun solcher Medaillen.

Burkhardt Kleibl selbst freut sich über die Anerkennung - stellt seine Tat aber eher als spontane Reaktion dar. Der Mann mit dem Pferdeschwanz ist nicht gerade ein Hüne, wie er selbst lachend eingesteht. Er versteht sich auch eher aufs Handwerkliche - und da durchaus auf Künstlerisches: Seit einigen Jahren arbeitet er in der Klaviermanufaktur August Förster in Löbau, stellt dort selbst Saiten her und bezieht damit die Flügel. Mit Wildschweinen hatte der gelernte Industriemechaniker, den viele im Ort auch von seiner früheren Tätigkeit für die kirchlichen Friedhöfe in Rennersdorf, Strahwalde und Großhennersdorf kennen, bislang nichts am Hut. Das darf auch ruhig so bleiben: "Ich habe Glück gehabt, dass mich das Wildschwein nur an der Hand erwischt hat", sagt er und schaut auf den langen, spitzen Zahn. "Den hat mir übrigens ein befreundeter Jäger geschenkt, als ich ihm die Geschichte erzählt habe", sagt er.

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