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Woher die Oberlausitzer Heimatliebe kommt

Eine Studie kürt die Region Oberlausitz-Niederschlesien zur Hochburg der Heimatliebe. Was aber sagt das aus - und gibt's vielleicht einen Haken?

Der Tag der Oberlausitz wird in diesem Jahr am 21. August zum achten Mal gefeiert - mit Tracht, Fahne und viel Stolz auf die Heimat.
Der Tag der Oberlausitz wird in diesem Jahr am 21. August zum achten Mal gefeiert - mit Tracht, Fahne und viel Stolz auf die Heimat. © Rafael Sampedro/Sz-Archiv

Das rollende "R" der Mundart, die stolz getragene Oberlausitzer Tracht, herrliche Landschaften, niederschlesische Gerichte und Traditionen - darauf sind die Menschen in den Landkreisen Görlitz und Bautzen stolz. Sehr stolz. So stolz sogar, dass keine andere Region in einer großen Studie zur Heimatverbundenheit des Bundesinnenministeriums höhere Werte erreicht. Nirgendwo haben die Wissenschaftler der Jacobs University in Bremen einen stärkeren Wert gemessen als hier.

Doch was genau steckt dahinter? Wie wurde diese so individuelle Einstellung überhaupt gemessen? Und vor allem: Was genau sagt diese Studie überhaupt über die Region und was sagt sie nicht? Die SZ hat sich die Studie genauer angesehen und mit dem Koautor der Studie "Heimatverbundenheit", Dr. Georgi Dragolov, Sozialforscher und Experte für solche Untersuchungen, gesprochen.

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Je dunkler die Region eingefärbt ist, desto höher die Heimatverbundenheit. Auffällig oft zählen Grenzgebiete darunter, was auch Forscher Georgi Dragolov aufgefallen ist.
Je dunkler die Region eingefärbt ist, desto höher die Heimatverbundenheit. Auffällig oft zählen Grenzgebiete darunter, was auch Forscher Georgi Dragolov aufgefallen ist. © Studie

Wie misst man Heimatverbundenheit?

Heimat bedeutet so viel verschiedenes - und für jeden etwas anderes. Sozialforscher greifen da zu einem besonderen Mittel. Sie nutzen eine Vorstudie, um das spätere Messinstrument selbst zu "bauen". In diesem Fall folgte nach der Fachrecherche eine Befragung von 219 Besuchern einer Karikaturenausstellung mit dem Thema "Vorsicht, Heimat!", die durch mehrere Städte tourte. Dadurch waren die Leute auf das Thema eingestimmt und beantworten die Fragen schriftlich. Mitgemacht haben Gäste dieser Schau in Dresden und Bremen.

Klar war danach, dass man Heimatverbundenheit in acht Dimensionen ausleuchten muss: Wie steht es um die Identifikation des Menschen mit seiner Heimat, wie stark ist die Geborgenheit oder welche Rolle spielen Ort und Landschaft - von Architektur bis Natur. Wichtig ist auch der Faktor Zeit zum Beispiel durch langfristige Prägungen und Erinnerungen. Auch die soziale Verwurzelung, die etwas über die Vertrautheit der Menschen in der Umgebung miteinander aussagt, wurde untersucht. Die Dimension "Geistige Heimat" reicht von Dialekt über Traditionen, Bräuche bis zu speziellen Gerichten. Gefragt wurde auch nach dem Engagement bei der Heimatpflege und nach der Abgrenzung, also, ob man sich untereinander mehr vertraut als anderen, wie stark man sich von anderen Regionen unterscheidet. Übrigens: Das Wort "Heimat" taucht in den Fragen nicht auf - man nähert sich über die Gewichtung von Aussagen wie "Mein Wohnort ist fester Bestandteil von mir".

Wie viele Oberlausitzer wurden gefragt?

Insgesamt wurden 4.506 Menschen ab 16 Jahren für die Auswertung interviewt - per Zufallsauswahl vorrangig über Festnetz- und Mobiltelefon, zum geringen Teil auch online. "Repräsentativität ist damit auf der Ebene des Bundes und der Länder hergestellt", erklärt Wissenschaftler Georgi Dragolov, der zum Team um Studienleiter Prof. Klaus Boehnke gehörte. Dabei haben die Forscher darauf geachtet, dass kleinere Bundesländer und Stadtstaaten allein durch ihre geringe Größe keine Nachteile haben.

Die Auswertung der Regionen war zwar ein wichtiger Baustein, denn die Heimatverbundenheit variiert in den einzelnen Bundesländern zum Teil stark. Hier kann man aber nicht von Repräsentativität sprechen. 30 Interviews sind insgesamt in den Kreisen Bautzen und Görlitz geführt worden. Zur Verteilung der Befragten auf die Kreise kann Dragolov keine Aussage treffen. Dies adäquat zu verteilen, war Aufgabe des beauftragten Meinungsforschungsinstituts. Die Angaben wurden aber aus Datenschutzgründen nicht an die Forscher mitgeliefert. "Wir sprechen bei der Auswertung der Regionen demnach von Tendenzen, die man beschreibt", sagt Georgi Dragolov. Ohnehin gehe es in der Studie um generelle Zusammenhänge und Einflüsse auf die Heimatverbundenheit.

Was macht die Oberlausitz so heimatverbunden?

Ein Kernbefund der Studie, der sowohl bundesweit als auch regional deutlich wird, lautet: Regionen, die durch einen hohen Anteil an Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe geprägt sind, zeichnen sich durch deutlich mehr Heimatverbundenheit aus. Auch Land- und Forstwirtschaft wirkt eher positiv. Im Gegensatz dazu sind urbane, großstädtische Gegenden, die durch eine eher postindustrielle Wirtschaftsstruktur mit vielen Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe von Banken über Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Versicherungen bis zu Kommunikationsunternehmen geprägt sind, weniger heimatverbunden. Nicht betrachtet wurde ein Zusammenhang zu Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.

An dieser Stelle kommt auch die Frage nach der Bildung in Regionen mit besonders Heimatverbundenen ins Spiel. Die Forscher machen klar: "Je höher der Anteil an Schulabgängern mit allgemeiner Hochschulreife, desto niedriger ist die Heimatverbundenheit." Die Wissenschaftler hüten sich allerdings vor spekulativen Schlussfolgerungen aus diesem Befund, machen aber deutlich: "Es scheint jedoch plausibel, dass ein höherer Anteil an Menschen mit allgemeiner Hochschulreife mit dem Voranschreiten der Transformation der regionalen Wirtschaftsstruktur hin zu den Dienstleistungsbereichen einhergeht."

Welche Rolle spielt die Natur und Landschaft?

Eine große für die Region Oberlausitz-Niederschlesien: Hier liegt man deutlich über dem Bundes- und dem Landesschnitt. Auch das hängt mit den Strukturen vor Ort zusammen. Denn ein höherer Anteil an unberührter Natur in einer Region hat einen signifikant positiven Effekt auf die Heimatverbundenheit. Klar: Wo es schön ist, man sich zudem auch sicher, geborgen und verstanden fühlt, da wohnt man gern und will nicht umziehen. Hinzu kommt zudem, dass auch die objektive Attraktivität einer Landschaft - gemessen daran, wie lange Touristen vor Ort verweilen - sich positiv auswirkt. Der gegensätzliche Effekt tritt ein, je stärker Flächen durch Besiedelung, Verkehr oder Bebauung für Freizeit- und Sportanlagen genutzt werden.

Wo die Oberlausitz aus der Reihe tanzt

Die Forscher haben gemessen, ob persönlich empfundenes Glück und Heimatverbundenheit zusammenhängen. Dabei zeigte sich, dass die Befragten aus den Regionen mit starker Heimatverbundenheit - Allgäu, Südthüringen oder Landshut - im Durchschnitt glücklicher sind. Oberlausitz-Niederschlesien fällt hier aus dem Rahmen: Obwohl hier die Heimatverbundenheit besonders hoch ist, "sind die Menschen dort nicht besonders glücklich", fassen die Wissenschaftler zusammen. Georgi Dragolov kann zwar ohne tiefergehende Forschungen keine endgültige Erklärung dafür geben, betont aber, dass viele Faktoren zum Glücklichsein gehören. Vielleicht kompensieren hier Zusammenhalt und Heimatstolz andere Defizite zum Beispiel im wirtschaftlichen Bereich, die beim persönlichen Glück eine Rolle spielen.

Wie stark hängt Wirtschaftskraft mit Heimat zusammen?

Generell fanden die Forscher die Tendenz, dass die Wirtschaftskraft per se keinen entscheidenden Einfluss hat, allerdings Faktoren wie hohe Altersarmut, viele Menschen in Mindestsicherung, viele Unternehmensinsolvenzen und viele Langzeitarbeitslose einen negativen Effekt haben können. Warum nun aber gerade die Region, die bei Wirtschaftsrankings und Kaufkraftermittlungen traditionell unter den Schlusslichtern rangiert, bei der Heimatverbundenheit keinen Abbruch erleidet, muss offen bleiben. Die Zusammenhänge von Wirtschaftsdaten und Heimatverbundenheit ist vorrangig auf Länderebene ausgewertet worden.

Wie hängt das mit Demokratie-Begeisterung zusammen?

Die Befragungen sind im Lockdown im Mai 2020 durchgeführt worden. Hält man sich die Bilder von Demonstrationen gegen die Corona-Politik im Speziellen und gegen das "System" im Besonderen vor Augen, die es hier in der Region seit Langem gibt, oder schaut man auf Wahlerfolge von systemkritischen Parteien wie der AfD, erscheint es merkwürdig, dass die Forscher mehr Zufriedenheit mit der Demokratie und staatlichen Institutionen in Gegenden mit hoher Heimatverbundenheit fanden. Auch hier lohnt ein genauer Blick in die Studie: Diese Tendenz kann man auf Bundesebene generell ablesen. Fakt ist auch, dass die politische Einstellung der Menschen nicht ausschlaggebend dafür ist, ob sie ihrer Heimat verbunden sind oder nicht. "Heimatverbundenheit ist damit kein ,rechtes' Sentiment", betonen die Forscher. Mitunter nutzen rechte Parteien die Heimatliebe aber gezielt: So richtete der AfD-Landtagsabgeordnete Mario Kumpf kürzlich eine "Beflaggungs-Aufforderung an Ebersbach-Neugersdorf" zum Tag der Oberlausitz. Da müsse die "Blau-Gelbe ans Rathaus".

Licht und Schatten der Heimatverbundenheit?

"Wertneutral" ist Heimatverbundenheit nicht: Hohe Werte gehen nämlich stärker mit einem Denken einher, das auf die Wahrung des Erreichten und des Besitzes abzielt. "Wer besonders heimatverbunden ist, bringt auch zum Ausdruck, dass er oder sie vom erwirtschafteten Wohlstand nichts abgeben möchte", heißt es in der Studie. Zwar gibt es offensichtlich keine Zusammenhänge mit der politischen Orientierung der Menschen, "aber weltoffener Kosmopolitismus spiegelt sich in hoher Heimatverbundenheit nicht wider", heißt es im Fazit.

Darum kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Heimatverbundenheit für jeden einzelnen zwar gut ist, weil sie für subjektives Wohlbefinden steht. Aber ein generelles Konzept scheint mehr Heimatverbundenheit nicht zu sein. Eines aber zeigt die Studie definitiv: "Es lohnt sich, in (kleinere) Städte, Dörfer, Regionen und Gemeinden zu investieren, denn lebendige Orte mit einer stabilen Wirtschaftsstruktur erlauben es den Menschen, diese zu ihrer Heimat werden zu lassen."

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