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Tausende Zierfische - günstig abzugeben

Der Löbauer Unternehmer Michael John sucht jemanden, der sein Aquaristik-Studio übernimmt. Corona und die Wirtschaftslage machen das nicht leichter.

Michael John sucht nach 22 Jahren einen Nachfolger für sein Aquaristik-Studio am Löbauer Neumarkt.
Michael John sucht nach 22 Jahren einen Nachfolger für sein Aquaristik-Studio am Löbauer Neumarkt. © Markus van Appeldorn

Eigentlich war bei den Plänen von Michael John alles schon in trockenen Tüchern. Seit 22 Jahren betreibt John sein Aquaristik-Studio am Löbauer Neumarkt. Aus privaten Gründen suchte er schon seit geraumer Zeit einen Nachfolger für seinen Zierfisch-Laden. Dann kam Corona - und vereitelte eine beinahe schon perfekte Übernahme.

Über zu wenig Kunden musste sich Michael John nie beklagen - im Gegenteil. "Das ist für mich alleine alles nicht mehr zu schaffen", sagt der 47-Jährige. Vor 22 Jahren eröffnete er sein Fachgeschäft, betrieb es damals noch zusammen mit einem Geschäftspartner. "Die Oberlausitz ist traditionell eine Gegend von Aquarium-Liebhabern, schon zu DDR-Zeiten und davor", sagt er. Er hat einen großen Kundenstamm, der sogar bis Dresden reicht. Aber private Gründe zwangen ihn jetzt, den Laden zu übergeben.

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"Ich hatte sogar schon einen Nachfolger", sagt John. Ein Bautzner, der bisher als Angestellter im Zoohandel arbeitet, wollte sich mit dem gut eingeführten Löbauer Laden selbstständig machen. "Das sollte im März/April über die Bühne gehen", sagt John. Dann kam der Corona-Lockdown - und der Interessent sprang ab. Der Sprung in die Selbstständigkeit war ihm in dieser Situation offenbar zu risikoreich.

Gut eingeführter Laden - aber noch kein Interessent

Michael John hält seinen Laden seit dem 13. März geschlossen, ist für seine Kunden nur noch telefonisch erreichbar. "Die vielen Tausend Fische habe ich anderswo untergebracht", sagt er. Mit einem Einrichtungsservice für Aquarien hält er sich derzeit noch über Wasser. Weil ihm das Haus am Neumarkt, in dem sein Aquaristik-Studio untergebracht ist, gehört, hat er wenigstens keine Probleme, Ladenmiete zahlen zu müssen. 

Doch wie es weitergehen soll mit seinem Laden, ob er einen Nachfolger findet - er weiß es nicht. "Corona hat vielen Menschen den letzten Funken Hoffnung genommen, sich selbstständig machen zu können", sagt er. Dabei wäre die Übernahme seines Studios für geeignete Interessenten kein Sprung ins kalte Wasser: komplett eingerichtet, gut eingeführter Name, großer Kundenstamm. Und Michael John würde beim Start auch mithelfen. "Ich würde mich auf Wunsch auch noch mit in den Laden stellen und mein Fachwissen einbringen", sagt er. Auch über einen zeitweisen Verzicht auf die Ladenmiete ließe er in der Anlaufzeit mit sich reden, sagt er. Bislang hat sich aber kein Interessent mehr bei ihm gemeldet.

Michael John in seinem Aquaristik-Studio, das wegen Corona seit März geschlossen ist. Tausende von Zierfischen hat er derzeit andernorts untergebracht.
Michael John in seinem Aquaristik-Studio, das wegen Corona seit März geschlossen ist. Tausende von Zierfischen hat er derzeit andernorts untergebracht. © Markus van Appeldorn

Nachfolger auf dem Land schwerer zu finden

Michael John betreibt zwar mit dem Zierfischhandel ein etwas exotisches Gewerbe - mit seinem Problem steht er dennoch nicht alleine da. Ein Mangel an Menschen, die bereit sind, ein bestehendes Geschäft zu übernehmen, droht besonders im ländlichen Raum wie Löbau ein Strukturproblem zu werden. "Wir versuchen bei unserer Beratung für Existenzgründer immer auch eine Nachfolge-Lösung ins Auge zu fassen", sagt Lars Fiehler von der Industrie- und Handelskammer Dresden. So eine Existenzgründung durch Nachfolge biete sich etwa im kleinteiligen Handel oder kleinen Handwerksbetrieben oft an.

Solche Existenzgründer würden aber ihre finanzielle Lage grundsätzlich nicht verschlechtern wollen. "Da haben wir besonders im ländlichen Raum viele Gewerbetreibende, die es schwer haben, einen Nachfolger zu finden, weil es kaufmännisch einfach nicht attraktiv ist", sagt Fiehler. Das betreffe besonders Segmente, in denen die Margen besonders niedrig seien und die es schwer hätten, für sich ein Alleinstellungsmerkmal zu etablieren.

Anspruch und Wirklichkeit würden im Bereich Nachfolge und Übernahme erheblich auseinanderklaffen, erklärt Fiehler. "Die Staatsregierung schreibt in Hochglanzbroschüren immer gerne von Tausenden Unternehmen, die in den nächsten Jahren zur Übernahme anstünden", sagt er. Die Wahrheit dahinter: 20 bis 25 Prozent dieser Unternehmen würden innerhalb der Familie übernommen, weitere 20 Prozent von Angestellten, die das Unternehmen bereits kennen. "Und 55 bis 60 Prozent der Unternehmen hängen in der Luft", bringt es Lars Fiehler auf den Punkt.

Altersstruktur in Löbau noch nicht bedrohlich

Dafür wie es in einzelnen Orten oder Regionen bestellt ist, sei das Alter der Unternehmer ein guter Indikator. Wenn der Geschäftsinhaber älter als 60 Jahre ist, sieht die IHK in dem Geschäft ein Unternehmen, das mit großer Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft zur Übernahme ansteht. Und in diesem Punkt stehe Löbau sogar ganz gut da. Von 855 aktiven Gewerbebetrieben in der Stadt, seien 175 Inhaber (20 Prozent) älter als 60 Jahre und 88 (10 Prozent) älter als 65 Jahre. "Das ist gar nicht so schlecht, da gibt's ältere Strukturen", sagt Fiehler.

Der IHK-Experte sieht in der Corona-Krise derzeit auch einen "Brandbeschleuniger" für Unternehmensaufgaben. So verzeichnet die Kammer im ersten Halbjahr 2020 1.231 Gewerbeabmeldungen im Landkreis Görlitz - ein Plus von 14 gegenüber dem Vorjahr. Lars Fiehler ist sicher, dass sich die Lage noch mal dramatisch ändern werde, wenn die Bunderegierung die derzeit ausgesetzte Insolvenz-Pflicht wieder einführt. "Wir werden eine Marktbereinigung sehen durch Corona", sagt er.

Die Kammer will aber auch gegensteuern und aktive Unternehmer wie Nachfolge-Existenzgründer zusammenbringen. "Wir haben dafür die Online-Börse www.nexxt-change.org geschaltet - eine Art Elite-Partner für Unternehmen", sagt Lars Fiehler in Anspielung auf eine bekannte Partnerschafts-Plattform. 227 Betriebe zur Nachfolge listet die Plattform derzeit in Sachsen auf, einige davon auch im Landkreis Görlitz. Michael Johns Aquaristik-Studio ist noch nicht darunter.

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