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Corona: Löbaus Klavier-Wunder

Die Manufaktur August Förster ist unerwartet ein Profiteur von Lockdown, Kurzarbeit & Co. Dass sie den Vorteil nutzen konnte, liegt an Firmengeheimnissen.

230 Seiten muss Klavierbauer Ole Becker für diesen Flügel einspannen und befestigen. Nach dreieinhalbjähriger Lehre ist er von Förster übernommen worden und hat gut zu tun.
230 Seiten muss Klavierbauer Ole Becker für diesen Flügel einspannen und befestigen. Nach dreieinhalbjähriger Lehre ist er von Förster übernommen worden und hat gut zu tun. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ole Becker hat gut zu tun. Der frisch ausgebildete Klavier- und Cembalobauer zieht in der Werkstatt der Löbauer August Förster GmbH bei einem mittelgroßen Flügel die Saiten auf. Drei Tage braucht er, um alle 230 einzufädeln und zu fixieren. "Bummeln" kann der 20-jährige Görlitzer dabei nicht, denn Corona hat in der Löbauer Manufaktur seine Wirkung gezeigt - allerdings ganz anders als zunächst erwartet.

Denn eigentlich befürchtete das Unternehmen, dass mit dem Lockdown, mit Kurzarbeit und Corona-Krise auch die Nachfrage nach Klavieren stagnieren oder sinken werde. "Wir produzieren Luxusgüter und die sind in Krisenzeiten normalerweise das erste, worauf die Menschen verzichten", skizziert Gabriel Wandt, zuständig für Marketing und Verkauf bei Förster, den erwarteten Mechanismus. Doch das Gegenteil trat ein: "Wir freuen uns sehr, dass wir 2020 ein ähnlich gutes Jahr wie 2019 hatten und aus der Corona-Krise eher gute Effekte mitnehmen konnten", sagt er.

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Auftragsbücher gut gefüllt

Auch in diesem Jahr sind die Auftragsbücher bislang gut gefüllt. "Dass wir vor einem Jahr ein bisschen Vorrat hatten, kam uns während des einmonatigen Lockdowns entgegen, wo wir auch in Kurzarbeit gegangen sind", ergänzt Wandt. Denn so konnten die Löbauer Klaviere weiter verkauft werden. Nun aber bauen und arbeiten die insgesamt 37 Mitarbeiter des Unternehmens mit voller Kraft direkt für die Kunden. Das heißt in Zahlen: 100 bis 120 Klaviere und 40 bis 50 Flügel pro Jahr werden hergestellt und verkauft.

Warum Klaviere in Coronazeiten so boomen, kann Gabriel Wandt inzwischen aus Gesprächen mit Kunden erklären: "Viele Leute hatten endlich mal wieder Zeit zum Musizieren, wollten sich ohnehin längst ein neues Klavier kaufen", erzählt er. Und wer sonst viel in den Urlaub gefahren ist, das Geld nun aber für Reisen nicht ausgeben konnte, investiert eben auch in Musik. "Die Kunden kaufen sehr bewusst, lassen sich beraten", schildert Wandt die Zeit im vergangenen Sommer, wo Interessenten aus der Schweiz, den Niederlanden und auch Frankreich nach Löbau kamen, um selbst ihr Klavier auszusuchen. Aber nicht nur Privatkunden haben die Nachfrage bei der Löbauer Manufaktur hochgehalten: Auch Institutionen wie Musikschulen oder Musikhochschulen haben Klaviere geordert.

Material zu 97 Prozent aus Deutschland

Dass trotz aller Corona-Einschränkungen die August Förster GmbH aber fast ganz normal weiterproduzieren konnte und auch alle Materialen zur Verfügung hatte, ist der ganz eigenen Unternehmensphilosophie geschuldet: 93 Prozent aller Piano-Teile und Materialien kommen aus Deutschland, nur sieben Prozent müssen aus dem Ausland bezogen werden. "Dabei handelt es sich um besondere Gebirgshölzer für Resonanzböden aus Gebirgsregionen in Italien und Österreich", erklärt Wandt. Und da Förster zudem immer auf eine ausgedehnte Lagerhaltung gesetzt hat, kam dem Unternehmen dies nun doppelt zugute. "Wir wollen das weiter ausbauen", betont er.

Für die Klavier-Manufaktur August Förster GmbH war das vergangene Jahr ein sehr gutes. Die Nachfrage war stark und stabil.
Für die Klavier-Manufaktur August Förster GmbH war das vergangene Jahr ein sehr gutes. Die Nachfrage war stark und stabil. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ausbauen und stärken kann der Klavierbauer momentan auch sein Handelsnetz: Traditionell sind Deutschland, die Schweiz und Russland - noch aus der DDR-Zeiten - die stärksten Absatzmärkte des Unternehmens. Aber nun komme auch wieder mehr Interesse aus Frankreich oder auch aus Australien. Generell beliefert Förster alle Kontinente. "Wir sind sehr dankbar, dass wir aktuell vor allem in Deutschland Händler hinzugewonnen haben", sagt Wandt.

Zwei Konzerte geplant

Gewinnen will die Manufaktur sehr gern auch neue Mitarbeiter, denn aktuell spüre man eine Zurückhaltung bei den Bewerbungen. Normalerweise weckt Förster das Interesse der künftigen Lehrlinge über Schülerpraktika oder Aktionen wie "Schau rein" - doch in Pandemiezeiten sind diese Möglichkeiten weggefallen. Dabei wirbt Förster nicht nur mit einer soliden Ausbildung, sondern auch damit, im Unternehmen dann übernommen zu werden. "Wir suchen momentan Fachkräfte und Lehrlinge für Klavierbauer und Klavierbaumeister sowie Lackierer", fasst Gabriel Wandt zusammen.

Gesucht hat die Piano-Manufaktur auch nach einer Möglichkeit, die Klaviere wieder zum Klingen zu bringen und sich zu präsentieren. "Uns fehlen die Messen sehr", schildert Marketing-Mann Wandt. Zwei kleine Hoffnungsschimmer aber gibt es: zwei Konzerte im Maschinensaal von Förster in Löbau. Zum einen ist am 3. Juni der Auftritt eines Trios im Rahmen der Görlitzer Jazztage. Zum anderen hat sich am 19. August der russische Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov, der aktuell an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" lehrt, für ein Konzert mit anschließendem Gespräch angekündigt. Diese Veranstaltung ist Teil des Festivals "Kommen und Gehen", das verschiedene Spielstätten in der Region bedient. "Wir hoffen sehr, dass diese beiden Konzerte stattfinden können", bekräftigt Gabriel Wandt.

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