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Dieser Mann ist (k)ein Holzkopf

Der Werkstoff Holz hat es Thomas Pötschke aus Löbau seit Kindestagen angetan. Mit klugen Ideen bereitet er ein Traditions-Unternehmen auf die Zukunft vor.

Thomas Pötschke verarbeitet im Löbauer Familienunternehmen jährlich etliche Tonnen von vornehmlich heimischen Holz zu Fensterrahmen.
Thomas Pötschke verarbeitet im Löbauer Familienunternehmen jährlich etliche Tonnen von vornehmlich heimischen Holz zu Fensterrahmen. © Matthias Weber

Manch ein Kind begeistert sich für Feuerwehrautos, ein anderes für Lokomotiven oder große Düsenflieger. Bei Thomas Pötschke war das anders - wesentlich anders. "Ich war schon als Kind mit dem Vater bei jeder Holzmaschinen-Messe", erzählt der 37-Jährige. Automatische Sägen, Hobel, Fräsen oder Drechselmaschinen waren es, die Thomas Pötschke schon als Bub erfreuten - alles, mit dem man Holz in Form bringt. Das liegt wahrscheinlich in den Genen. Denn seine Eltern Wilfried und Elke Pötschke leiten in fünfter Generation die über 160 Jahre alte "Tischlerei Pötschke" in Löbau - eines der ältesten Unternehmen am Ort. Und Thomas Pötschke kam aus der Ferne zurück in die Oberlausitz, um das Familienunternehmen in die sechste Generation zu führen.

"Auf den Messen gab's damals noch tolle Werbegeschenke und Lollis", erinnert sich Thomas Pötschke an seine kindlichen Freuden der frühen 1990er Jahre. Vater Pötschke nahm seinen Junior für solche Messebesuche sogar tageweise aus der Grundschule - alles noch nicht so streng damals. "Der Vater hat immer gesagt, ich soll irgendwas mit Holz machen", erzählt Thomas Pötschke. Aus einer relativ kleinen Fenster-Tischlerei in Kittlitz bauten seine Eltern ein bundesweit gefragtes Unternehmen der Branche auf. Spezialität: Hochwertige Fenster nach historischem Vorbild - und das im großen Stil. "Wir haben zum Beispiel die Fenster für das Taschenbergpalais in Dresden oder die Victoria-Höfe in Berlin hergestellt - das waren schon allein 1.000 Fenster", erzählt Pötschke.

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Studium im "Harvard des Holzbaus"

Und mit Holz hat Thomas Pötschke dem Wunsch des Vaters und der eigenen Neigung gemäß dann auch was gemacht - allerdings erst mal ganz weit weg. Nach dem Realschulabschluss in Löbau und einem technischen Abitur in Bautzen begann er 2004 ein Holzbau-Studium an der Technischen Hochschule im bayerischen Rosenheim. Rosenheim - das ist so etwas wie das Harvard des Holzbaus, eine Hochschule von Weltruf.

Nach seinem Abschluss 2009 als Diplomingenieur sah es zunächst sogar so aus, als würde Thomas Pötschke in die Oberlausitz zurückkehren. "Damals war eine Bauflaute und ich war erst mal arbeitslos", erzählt er. Für ein Dreivierteljahr kam er damals in die elterliche Firma - und begleitete in dieser Zeit einen Investitions-Meilenstein des Unternehmens. "Wir haben damals eine Millionen Euro in eine CNC-Fensterprofil-Maschine investiert", erinnert er sich. Doch die hatte monatelang erhebliche Kinderkrankheiten. "Ich habe die Test- und Programmierungs-Phase begleitet", erzählt er. Noch heute ist die Maschine ein Herz der hochmodernen Produktion im Unternehmen. Thomas Pötschke zog es dennoch wieder nach Bayern - "auch weil meine damalige Freundin, eine Löbauerin, in München wohnte", erzählt er.

Heimkehr aus der teuren Fremde

Er fand schließlich eine Anstellung bei einem Holzbau-Unternehmen am Starnberger See. In diesem Unternehmen lernte er als Praktikantin auch seine heutige Lebensgefährtin Katrin kennen - ebenfalls eine Rosenheim-Absolventin. "Außer den Chefs und ein paar Leuten im Büro haben da nur Ostdeutsche gearbeitet. Die Firma war fest in ostdeutscher Hand", scherzt Thomas Pötschke. Und seine Leistung war dort hoch gefragt. "Man hat mit sogar angeboten, Partner zu werden", erzählt er. Aber er schlug den Chefposten aus - aus persönlichen und wirtschaftlichen Erwägungen.

"Mein Vater hat mich immer öfter gedrängt, zurück nach Löbau zu kommen", erzählt Thomas Pötschke. Ohne Nachfolger habe der überlegt, einen Verkauf des Unternehmens einzuleiten. Nicht nur deswegen kam er ins Grübeln. 2017 brachte seine Lebensgefährtin Söhnchen Jonas zur Welt. "Da war es in unserer Zweiraum-Dachgeschoss-Wohnung gleich zu eng", schildert er die Raumnot. Und in München haben junge Familien nicht nur ein Problem, überhaupt eine Wohnung zu finden - sondern besonders, diese auch bezahlen zu können. "Die Mieten sind exorbitant und ein Kita-Platz kostet 400 bis 600 Euro im Monat", erzählt Pötschke, "da überlegt man sich auch mit einem Ingenieursgehalt, ob es Sinn macht, in München zu bleiben." Im Sommer 2017 kam die junge Familie nach Löbau.

Mit High-Tech in die Zukunft

Der Vater empfing den Heimkehrer mit einem Investitions-Schub von mehreren Millionen Euro. Er schaffte mehrere weitere computergesteuerte Maschinen an, als Prachtstück einen Lackier-Roboter für Fensterrahmen und baute eine neue Halle für die Endmontage von Fenstern. "Der Roboter hat sich schon richtig bezahlt gemacht. Früher hatten wir hier in der Oberflächenbehandlung acht Leute angestellt, heute noch zwei", sagt Thomas Pötschke. Und Holzbau-Unternehmen aus aller Welt würden das Unternehmen besuchen, um sich diesen Roboter anzuschauen.

Dabei musste die Tischlerei wegen der technischen Aufrüstung keinen ihrer 48 Mitarbeiter entlassen - im Gegenteil. "Wir könnten einstellen, aber gute Tischler sind schwer zu finden", sagt er. Die Investitionen hätten nicht nur die Produktivität gesteigert, sondern auch die Mitarbeiter enorm entlastet. Die schweren Fensterrahmen schweben getragen von Laufkatzen an der Decke der neuen Halle durch den Raum. "Früher mussten die Mitarbeiter die noch per Hand von einer Arbeitsstation auf die andere heben", erzählt Pötschke. Und das Wohlergehen des Personals hat für Thomas Pötschke Priorität. "Vielen geht's gar nicht so sehr ums Geld, die wollen eher reduzierte Stundenzahl, um mehr Zeit mit ihren Familien verbringen zu können", erklärt er. Dank der hohen Produktivität könne man viele solcher individuellen Mitarbeiter-Wünsche erfüllen.

Thomas Pötschke am Holzaufbau einer Treppenhausverglasung für eine Berliner Hochschule.
Thomas Pötschke am Holzaufbau einer Treppenhausverglasung für eine Berliner Hochschule. © Matthias Weber
Thomas Pötschke stellt in der Tischlerei seiner Eltern Wilfried und Elke Pötschke die sechste Generation.
Thomas Pötschke stellt in der Tischlerei seiner Eltern Wilfried und Elke Pötschke die sechste Generation. © Matthias Weber
Der hochmoderne Spritzroboter sichert der Firma Produktivität und Wettbewerbsvorteile.
Der hochmoderne Spritzroboter sichert der Firma Produktivität und Wettbewerbsvorteile. © Matthias Weber

Rekordjahr trotz Corona-Krise

Und von Corona-Krise - keine Spur. "Wir hatten im März mal Kurzarbeit", sagt Thomas Pötschke, aber jetzt: "Wir haben in der Pandemie sogar zwei Leute eingestellt. Wir sind bis Juni 2021 ausgebucht, können keine Aufträge annehmen", sagt er. Seinen Vater habe das sogar ein wenig geschmerzt, Aufträge ablehnen zu müssen. "Das hatten wir noch nie", sagt der Junior. Aber es nutze ja nichts, Aufträge anzunehmen, die man dann nicht erfüllen könne - das schaffe unzufriedene Kunden. Die Tischlerei profitiert vom aktuellen Bau-Boom: "Das wird unser Rekord-Jahr. So viel Umsatz hatten wir noch nie", sagt Thomas Pötschke.

Und der Junior leitet Schritte ein, um die Produktivität weiter zu steigern. "Ich optimiere Prozesse und Arbeitsabläufe", sagt er - zum Beispiel mit der Programmierung des Spritzroboters. "So kann die Maschine an einem Tag drei Stunden länger laufen und mehr produzieren - das hilft schon wirtschaften", sagt Pötschke. Auch seine Lebensgefährtin Katrin arbeitet im Wortsinn an einer Schaltstelle des Familienunternehmens. "Sie steuert die Maschinen, indem sie sie mit Daten füttert", sagt er.

Noch ist Thomas Pötschke Angestellter im Unternehmen, aber die Übergabe an ihn als sechste Generation könnte kurz bevorstehen - auch aus politischen Gründen. Denn sollte im nächsten Jahr eine Bundesregierung mit anderen Machtverhältnissen gewählt werden, könnte sich das auch auf die zukünftige Besteuerung von Unternehmens-Übergaben auswirken. "Wenn ich dann drei oder vier Millionen Erbschaftssteuer zahlen muss, dann war's das. Über so eine Summe kann ich keinen Kredit aufnehmen", sagt Thomas Pötschke. Dabei würde er das Unternehmen auch gerne in die siebte Generation führen. Neben Söhnchen Jonas ist mittlerweile auch die kleine Klara (1) dazugekommen - und ob die beiden das Holz-Gen geerbt haben, wer weiß.

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