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Eulenspiegel-Stippvisite in Löbau

1975 besuchte die Satire-Zeitung die Stadt und nahm dabei etliche Merkwürdigkeiten aufs Korn.

Blick auf Löbau.
Blick auf Löbau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Als „Wochenzeitung für Satire und Humor“ war der „Eulenspiegel“ in der DDR überaus begehrt. Wie kein anderes Blatt nahm er Behördenschlaf, Bürokratie und manch andere Unzulänglichkeiten des DDR-Alltags ins Visier. Dafür reisten die Redakteure in den 1960er und 1970er Jahren auch kreuz und quer durchs Land und begaben sich in einer beliebten Serie auf Stippvisiten in Städte und Gemeinden. In der Ausgabe 4/1975 war Löbau an der Reihe. Was dabei Reporter Ernst Röhl vor 46 Jahren auf einer ganzen Zeitungsseite anmerkenswert und kritisch ins Auge stach, sei hier in Auszügen wiedergegeben.

Spaghetti-Fans fällt bei dem Wort Löbau sicherlich die örtliche Nudelfabrik ein, die am laufenden Band Bandnudeln mit Bandbreiten von zwei, vier oder acht Millimetern herstellt. Kurios nur, daß der im Bergland gelegene Betrieb die maritime Bezeichnung VEB „Anker“ trägt. Der Name wird allenfalls dadurch gerechtfertigt, daß der VEB „Anker“ außer Sternchen-, Hörnchen- und Buchstabennudeln auch Nudeln in Muschelform produziert. Der Namensgeber muß schon eine ulkige Nudel gewesen sein! In Löbau bestätigt sich der alte Spruch, daß Name mitunter Schall und Rauch ist. Hotel „Goldener Hirsch“ liest der Fremdling, der nach einem Logis Ausschau hält, am Platz der Befreiung (heute Altmarkt).

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Doch in den ehemaligen Hotelzimmern logiert die Konsum-Verwaltung. Hotel „Oberlausitzer Hof“ (heute abgerissen) liest er zweihundert Meter weiter in der Nähe des Bahnhofs. Doch die Zimmer dieses zweckentfremdeten Hotels sind der HO-Verwaltung vorbehalten. Wenn dort mal ein Nickerchen gemacht wird, handelt es sich allenfalls um den erquickenden Büroschlaf. Im Erdgeschoß befindet sich ein Lokal, das durch ein Schildchen als Stadt-Café angepriesen wird. Doch auch dieser Name ist irreführend. Kaffee wird relativ selten bestellt. Stattdessen fließt der Gerstensaft in Strömen.

Der Zeichner Heinz Behling, der die Stippvisiten-Serie illustrierte, dachte sich für Löbau eine Reisegruppe am Gußeisernen Turm aus. Der Fremdenführer lenkt die Aufmerksamkeit jedoch noch auf eine andere besondere Sehenswürdigkeit: „Wir begeben uns nun in
Der Zeichner Heinz Behling, der die Stippvisiten-Serie illustrierte, dachte sich für Löbau eine Reisegruppe am Gußeisernen Turm aus. Der Fremdenführer lenkt die Aufmerksamkeit jedoch noch auf eine andere besondere Sehenswürdigkeit: „Wir begeben uns nun in © SZ

Das sogenannte Stadt-Café wird in dieser Hinsicht indes noch von der Bahnhofs-Mitropa übertroffen, wo sich Abend für Abend die trinkfestesten Löbauer bis zum Stehkragen volllaufen lassen, die Stirnen umwölkt vom blauen Dunst ungezählter Zigaretten. Reisende, für deren Aufenthalt die Mitropa ursprünglich möglicherweise gedacht war, fühlen sich als Fremdkörper und bleiben, wenn es die Witterung zuläßt, lieber an der frischen Luft. Dunst ist Waffe!Der Ortsfremde, der noch immer verzweifelt ein Nachtlager sucht, liest schließlich an einer Hauswand die riesigen Lettern „Hotel Reichshof“. Da das Reich längst passe ist, gibt er sich wenig Chancen. Doch gerade im ehemaligen Reichshof befindet sich das Hotel „Stadt Löbau“. Es ist das einzige am Platze. Und natürlich! – besetzt.

Löbau wird durchströmt von dem Flüßchen Löbau sowie vom Bächlein Seltenrein. In diesem Fall trifft der Name einmal voll und ganz zu. Das Verdienst daran gebührt der LPG „Löbauer Aue“, die die Seltenrein für den Abfluß landwirtschaftlicher Abwässer nutzt. Der Rat der Stadt hat den Vorstand der LPG bereits des Öfteren ersucht, die erwähnten Abwässer in geeignetere Kanäle umzuleiten. Bisher erfolglos. Überhaupt kann festgestellt werden: Wenn in Löbau etwas geschieht, so geschieht es entweder ziemlich schnell oder ziemlich langsam. Dafür einige Beispiele:

Im Neubaugebiet Löbau-Süd ist seit Jahren die Erweiterung des Kindergartens geplant. Erdarbeiten wurden geleistet, Rohre, Kies und Ähnliches wurden angefahren. Das Material verschwand bei Nacht und Nebel ziemlich schnell, von einem Erweiterungsbau ist heute noch nichts zu sehen.

Die Löbauer Musikschule war bis 1971 in der Sonderschule untergebracht (heute Kindertageseinrichtung an der Bebelstraße). 1971 wurde dieser Vertrag gekündigt. Das ging ruck zuck, bis heute allerdings zieht sich die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten hin. Seit Jahren geben die Musikschüler als wohl oder übel gelittene Gäste Gastrollen mal in dieser, mal in jener Schule. Die Löbauer bezeichnen ihre Stadt als besonders sangesfreudig. Es gibt etliche großartige Chöre. Ein Programm zu den Arbeiterfestspielen hieß „Löbau singt von 6 bis 60“. Für Tuten und Blasen der Musikschüler allerdings scheint kein angemessener Platz da zu sein.

Das ist die Zeitungsseite über Löbau, die 1975 im Eulenspiegel erschien.
Das ist die Zeitungsseite über Löbau, die 1975 im Eulenspiegel erschien. © SZ

Apropos Platz! Die Fußballteams von Vorwärts und Empor Löbau spielen in der Bezirksliga; Vorwärts mischt in der Spitze mit, den Mannen von Empor sitzt das grimmige Abstiegsgespenst im Nacken. Empor wird vermutlich auch nicht so schnell emporkommen, denn die Mannschaft hat in der Heimatstadt nicht einmal einen Sportplatz, auf dem sie trainieren könnte. Zum Training fahren die Empor-Kicker über Land in das Dörfchen Großschweidnitz. Das Paradoxe an diesem Fall: In der Dehsaer Straße liegt ein Sportplatz brach. Er wurde vor etwa acht Jahren der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) zugesprochen, die bisher jedoch noch keinen Gebrauch davon machte. Die Sportler wären sofort bereit, die Ärmel hochzukrempeln und den Platz in freiwilligen Arbeitsstunden herzurichten. Der Rat der Stadt müßte ihnen nur grünes Licht geben.

Grünes Licht hingegen gibt es zur Genüge am Busbahnhof (damals Platz der Jungen Pioniere, heute Sachsenstraße), der zum 25. Jahrestag der DDR in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft wurde. An der Ausfahrt des Busplatzes auf die viel befahrene Fernverkehrsstraße 6 Bautzen–Görlitz) glüht seitdem den lieben, langen Tag eine Verkehrsampel, die vor allem dem Zweck zu dienen scheint, Löbau ein großstädtisches Gepräge zu geben. Wenn der flüssige Verkehr auf der F 6 durch Ampelrot unterbrochen wird, erhält der Bus, der den Busbahnhof verläßt, grünes Licht. Leider ist nur allzu selten ein Bus da, der auf freie Fahrt wartet. Daher der Name Löbauer Lichtspiele!

Der VEB Altrohstoffe Dresden wollte bis Mitte 1973 (!) in Löbau eine Schrottannahmestelle eröffnen. Obwohl allgemein bekannt ist, daß die Eisen- und Stahlindustrie der DDR zu fünfundsiebzig Prozent Alteisen im Feuer hat, nahmen die Dresdener Altstoffhändler den Löbauern Ende 1974 immer noch keinen Schrott ab. Vermutlich, weil es sich um sogenannte Sekundär-Rohstoffe handelt. Sekundär – zu deutsch: erst in zweiter Linie interessant.

Dabei ist ein Schrottberg absolut unnötig. Löbau hat schließlich seinen Löbauer Berg und in letzter Zeit Ärger damit. Um die Turmgaststätte ist es nicht zum Besten bestellt. Der Pächter, der nach und nach in die Jahre kommt, muß alles, was er seinen Gästen vorsetzen will – Bier, Schnaps, Kekse, Bonbons – buchstäblich im Rucksack heranschleppen, weil immer noch kein Versorgungsweg bis auf den Gipfel angelegt worden ist. Diesem Alpinismus fühlt er sich nicht mehr gewachsen und trägt sich mit der Absicht, den Laden demnächst dichtzumachen. Zur Illustration: Bereits 1841 gab es auf dem Löbauer Berg ein Bewirtungshäuschen. Blamabel, wenn der durstige Wanderer 1975 dort nicht einmal mehr eine simple Brause kriegt. Mit dieser Meinung wollen wir nicht hinterm Löbauer Berg halten.

Zum besseren heutigen Verständnis wurden einige Namen oder Abkürzungen in Klammern erklärt. Die Rechtschreibung entspricht den damals üblichen Regeln.

Die Autoren

  • Ernst Röhl (1937–2015) war Redakteur und Buchautor, Satiriker und Kabarettist. Der gebürtige Mecklenburger arbeitete von 1965 bis 1997 fast durchweg beim „Eulenspiegel“, danach als freier Schriftsteller. SeineBücher erschienen überwiegend im Eulenspiegel-Verlag.
  • Heinz Behling (1920–2003) war Pressezeichner und Karikaturist. Der Berliner schuf Bühnenbilder, gestaltete Plakate und Programmhefte, illustrierte Kinderbücher.

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