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Der tierische Wunderheiler von Löbau

Wie abergläubische Bauern vor 65 Jahren einem skrupellosen Betrüger vertrauten.

Mit Rindvieh und Milchwirtschaft kannte sich der mann aus.
Mit Rindvieh und Milchwirtschaft kannte sich der mann aus. © dpa

Auf Bauernhöfen rund um Zittau war er gern gesehen zu Beginn der 1950er Jahre. Ihm eilte der Ruf voraus, der Wunderheiler kranker Kühe und Schweine zu sein. Was er könne, das bringe kein ordentlicher Tierarzt zuwege, hieß es.

In der Tat: Von Tieren verstand der Mann aus Löbau etwas, denn Schweitzer war sein Beruf. Er kannte sich also mit Rindvieh und Milchwirtschaft aus. Doch von richtiger Veterinärmedizin hatte er ungefähr so viel Ahnung wie ein Bäcker vom Führen eines Flugzeuges. Dass dennoch viele Landwirte auf ihn schworen, lag am Aberglauben, der in jenen unruhigen Nachkriegsjahren immer noch weit verbreitet war. Wenn beispielsweise bei einer Landwirtin die Kühe schlecht Milch gaben oder Ferkel plötzlich verendeten, dann lag das nicht am Futter oder an einer erklärbaren Krankheit, sondern, so der Wunderheiler, an mächtigen Feinden in der Nachbarschaft. 

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Zu dieser Erkenntnis kam er nach einer gründlichen Stallbesichtigung, während der er mit eigenartiger Mimik und Gestik auffiel. Umso verblüffender sein Therapievorschlag: Man müsse „Du“ zueinander sagen, um den Feinden die Macht zu nehmen. Und wenn es helfen solle, müsse ihm die Bäuerin einen entsprechenden Betrag bezahlen. 600 Mark waren das in diesem Fall, zu entrichten in drei Raten.

Unkraut soll Schuld sein

Noch rigoroser ging der Wunderheiler bei einem Bauern in Wittgendorf vor, dem mehrere Schweine verendet waren. Aus Richtung eines benachbarten Bauern komme eine eigenartige Strömung, so die Diagnose nach der Stallbesichtigung. Das hänge mit einem Unkraut zusammen, mit dem dieser Bauer seine Tiere vernichten könne. Ein so schweres Vergehen zu bekämpfen, habe natürlich seinen Preis, in diesem Fall 1.600 Mark.

Der Wunderheiler aus Löbau beschränkte seine überirdischen Fähigkeiten nicht nur auf Tiere, er ließ sie auch Menschen angedeihen. Ein Beinleiden einer Frau brachte er mit der bekannten Untreue ihres Ehegatten in Verbindung, nachdem er der Frau aus der Hand gelesen hatte. Es werde etwas eintreten. Danach werde ihrem Mann die eheliche Untreue vergehen, prophezeite er. Und ihr Beinleiden sei wie weggeblasen. Eine Art Kult machte der Löbauer Wahrsager aus der Ermittlung seiner Rechnungssumme. 

Im Beisein seiner Klienten schrieb er Geburtsdaten, Kreuze und Zahlen mit bedeutungsvollen Blicken wild durcheinander auf einen Zettel, korrigierte da und dort, um dann das Ergebnis bekanntzugeben. War es einem Patienten zu hoch, wie bei einem Rentner aus Rosenthal, wiederholte er die Krakel-Prozedur und ließ eine niedrigere Summe verlauten.

Opfer halten zu ihm

Als dem Mann nach etlichen solcher Betrügereien das Handwerk gelegt wurde, zeigte sich, dass nicht eine einzige Prophezeiung des Wunderdoktors eingetreten war. Und dennoch hielten fast alle Opfer weiter zu ihm, ja empfahlen ihn sogar an Bekannte, als hätten sie von Erkenntnissen der Naturwissenschaft noch nie etwas gehört. Dabei hatte der Löbauer Wunderdoktor eine einschlägige Herkunft. Zweimal war er vorbestraft, weil er den Beruf des Heilpraktikers illegal ausgeübt hatte. 

Seine betrügerischen Tierheilmethoden hatte übrigens eine Zittauer Kartenlegerin empfohlen, so stark war diese Szene damals ausgeprägt. Nachdem der Löbauer Wunderdoktor seine Betrügereien anfangs noch hartnäckig geleugnet hatte, gab er schließlich alles zu. Offen gestand er ein, dass er nicht damit gerechnet habe, seine Opfer so leicht hinters Licht führen zu können: „Ich muß ehrlich sagen, daß diesen Leuten selbst Schläge fehlen, die sich von mir so hinter das Licht führen ließen.“

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