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Lösegeld für das eigene Auto

Kriminelle in Bosnien und im Kosovo haben mit „Carnapping“ ein einträgliches Geschäftsmodell entdeckt.

Von Thomas Roser, SZ-Korrespondent in Belgrad

Die Gesetzeshüter hatten keine Chance. Noch bevor die Polizisten Adis Sehovic und Davor Vujinovic in Bosniens Hauptstadt Sarajevo ihrem Dienstwagen entsteigen können, um zu überprüfen, wer sich an einem geparkten „Golf 6“ zu schaffen machte, wurden die Familienväter von den flüchtigen Autodieben erschossen.

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Der 46-jährige Sehovic konnte nur noch tot aus dem von MG-Salven zersiebten Streifenwagen geborgen worden. Der 43-jährige Vujinovic erlag in der Klinik seinen schweren Verletzungen. „Dies ist ein Angriff auf uns alle, dies ist eine Attacke auf die Bürger von Bosnien und Herzegowina“, erklärte Premier Denis Zvizdic in einem Beileidstelegramm an die Angehörigen.

Die Polizistenmorde haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im zerrissenen Vielvölkerstaat erneut auf die Machenschaften der Automafia gelenkt. Denn auf dem Balkan haben nicht nur die Inhaber von Nobellimousinen um ihre Familienkutschen zu bangen. Vor allem in Bosnien und Kosovo florieren kriminelle Banden, die sich auf die „Entführung“ von Autos spezialisiert haben: Nur bei Zahlung eines stattlichen Lösegelds können die Eigentümer wieder in den Besitz ihrer entwendeten Vehikel gelangen.

Zwei Tage nach dem Verschwinden seines Autos habe er Anrufe von Unbekannten erhalten, ob er sein Auto zurückerhalten wolle, berichtete das Diebstahlopfer Jasmin Pljevjak. Vor das Dilemma gestellt, sein Auto nie mehr zu sehen, oder es für teures Geld, aber unter Marktwert zurückzukaufen, entschied er sich für das vermeintlich kleinere Übel. Einem Mittelsmann der Auto-Entführer händigte er in einem Cafe schließlich die geforderten 8 000 bosnische Mark (4 000 Euro) aus, bevor ihm zwei Stunden später der Standort seines Autos mitgeteilt wurde.

Laut der Polizei operieren Bosniens Autodiebe in der Regel in kleinen Gruppen von drei, vier Mann, von denen jeder eine klar umrissene Aufgabe habe. Das Risiko beim einträglichen „Carnapping“ ist angesichts der schlecht ausgerüsteten Polizei überschaubar, ein satter Profit aber garantiert. Verweigern sich die Bestohlenen einem Rückkauf und finden sich auch keine anderen Kaufinteressenten für das Diebesgut, werden die gestohlenen Autos eben in Einzelteile zerlegt – und auf Automärkten oder via Schrotthändler als günstige Ersatzteile verscherbelt.

Hilfe von der Polizei oder der Justiz können Diebstahlopfer kaum erwarten: In den Fängen der Automafia fühlen sich auch die Bewohner anderer Balkanstaaten oft allein gelassen. Nur Kriminelle kennen im grenzreichen Balkanreich keine Grenzen. Während in Bosnien die Zuständigkeit der Polizei meist an der nächsten Kantons- oder Teilstaatsgrenze endet, parken Autodiebe ihre in Sarajevo ergatterte Beute am liebsten im nahen Teilstaat der Republika Srpska – oder umgekehrt.

Für 3 000 Euro zurückgekauft

Ein ähnliches Phänomen ist auch im Vielvölkerstaat Kosovo zu beobachten, wo besonders der serbisch besiedelte Nordkosovo als nahezu rechtsfreies Eldorado der Automafia gilt. Kurz nach dem Kauf eines gebrauchten VW-Golfs für 8 000 Euro sei das Auto seiner Eltern in Pristina gestohlen worden, erzählt in Kosovos Hauptstadt der 25-jährige Sohn. Die Polizei habe „absolut nichts“ unternommen. Seine Eltern hätten ihren Wagen schließlich für 3 000 Euro von den Dieben zurückkaufen und im serbischen Norden der geteilten Stadt Mitrovica abholen müssen: „Nur die Mafia funktioniert hier, sonst fast nichts.“

Groß ist in Sarajevo zwar die Empörung der Würdenträger nach den Polizistenmorden. Aber auch in Bosnien sind es Korruption, Inkompetenz, Tatenlosigkeit sowie die schwachen Institutionen in einem von der organisierten Kriminalität infizierten Parteienstaat, der die Bekämpfung der Automafia bremst. Selbst wenn die Polizei mutmaßliche Mitglieder der Automafia verhaftet, schleppen sich die folgenden Prozesse oft jahrelang und folgenlos dahin.

Während die Automafia schon zwei Jahrzehnte lang Millionenbeträge mit Autodiebstahl umsetze, weise Bosniens Justizsystem zunehmend Anzeichen des Verfalls auf, klagt der Publizist Mirnes Kovac. Nicht nur die Arbeitslosigkeit, sondern auch das „Klima der Unsicherheit“ sei einer der wichtigsten Faktoren, dass so viele Junge das Land verließen. Die Angst, beraubt oder getötet zu werden, während die Täter ungestraft davonkommen könnten, kenne „keine nationalen oder ethnischen Grenzen“: Der Tumor der Korruption stelle den Rechtsstaat und die Sicherheit der Bürger infrage“, sagt Kovac.