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Löw versteht die Fans

Noch sind viele Länderspieltickets zu haben. Das hat Gründe, deshalb sucht der Bundestrainer weiter den idealen Mix.

© Ina Fassbender/dpa

Von Jens Mende und Arne Richter

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Bleiben Eislöwen treu - Torwart-Trainer Schulze geht.

Der Vorverkauf läuft nur schleppend, das Vertrauen in den Erneuerungskurs von Joachim Löw ist offenbar nicht so groß wie vom DFB erhofft. Dazu reist die große Bayern-Fraktion in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit einer weiteren Enttäuschung zum Ländespielabschluss 2018. Der Bundestrainer aber sieht keine Sorgen, die von den Münchner Spielern am Montagabend zum Treffpunkt der DFB-Auswahl in Leipzig mitgebracht werden könnten. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie Probleme mitnehmen zur Nationalmannschaft“, sagte Löw am Sonntag.

Gleich sechs Spieler, die der DFB-Chefcoach berufen hat, standen für die Bayern am Sonnabend beim 2:3 im Liga-Spitzenspiel beim BVB in der Startelf, dazu kam der diesmal von Löw nicht berücksichtigte Jérome Boateng. „Es war das stärkste Spiel der Bayern in letzter Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass alle Spieler, die bei uns im Kader stehen, eine gute Form haben.“ Beim Sieger Borussia beeindruckte Marco Reus als einziger Dortmunder in Löws Aufgebot besonders. In dieser Verfassung könne Reus auch der Nationalmannschaft Rückenwind geben. „Das erhoffe ich mir auch von ihm“, betonte der DFB-Chefcoach.

Die Skepsis der Fans kann Löw ein Stück weit nachvollziehen: „Wir wissen, dass wir das gesamte Jahr nicht begeistert haben. Daher müssen wir uns wieder alles hart erarbeiten, auch den Zuspruch der Fans und Zuschauer.“ Für die Partie gegen Russland in der Red-Bull-Arena sind von den verfügbaren 42 00 Tickets erst 29 000 abgesetzt. Auch Gelsenkirchen ist mit derzeit rund 39 000 Karten weit von ausverkauft entfernt.

Der Blick geht zur EM 2020

Die Gründe sind für den Bundestrainer klar: Dieses Jahr mit dem blamablen WM-Aus in Russland, schon sechs verlorenen Länderspielen und dem nun noch drohenden Abstieg in der Nations League ist alles andere als zufriedenstellend für Löw, die DFB-Elf und die Anhänger. „Wir sind nicht mehr die Nummer eins, aber wir wollen und werden es auch wieder besser machen“, erklärte Löw. Zwar möchte er in der Schalke-Arena gegen die Niederlande mit seinem Team den Absturz in die europäische Zweitklassigkeit gern noch verhindern, sagte aber auch: „Unser Blick geht über den Tellerrand der Nations League hinaus. Die Europameisterschaft 2020 ist das nächste große Ziel.“

Löw ist bewusst, dass die Rufe nach größeren Veränderungen spätestens seit dem 0:3-Rückschlag im Hinspiel gegen Holland lauter sind denn je. „Ich weiß, dass einige einen ganz radikalen Schnitt einfordern“, bemerkte er und fügt erklärend hinzu: „Aber der Umbau muss besonnen und wohlüberlegt sein. Wir haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit Spielern beschäftigt, die in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen sollen. Aber es braucht immer auch einen guten Mix zwischen gewisser Erfahrung und jugendlicher Frische, wenn man erfolgreich sein will. Wir werden den Weg fortsetzen, den wir in Paris eingeschlagen haben.“

Beim 1:2 gegen Weltmeister Frankreich Mitte Oktober hatte Löw unter anderen den formschwachen Münchner Thomas Müller aus der Startelf genommen, dafür auf die jungen Angreifer Timo Werner (22), Serge Gnabry (23) und Leroy Sané (22) gesetzt. Zwar gelang es vom Ergebnis her nicht, den Negativlauf zu stoppen, doch der couragierte Auftritt im Stade de France gab Hoffnung auf Besserung.

Allerdings hat Deutschland das Abschneiden in der Nations League nun nicht mehr in der Hand. Gewinnt Holland am Freitag gegen Frankreich, ist das Löw-Team definitiv Letzter der Gruppe 1 und müsste runter in Liga B.

Hintertür bleibt offen für Boateng

Ob der langjährige Abwehrchef Jérome Boateng in die Auswahl zurückkommen kann, ließ Löw offen. „Es ist keine Entscheidung von Dauer. Ich habe ihm gesagt, dass er eine Pause braucht, und sie ihm auch gegeben“, sagte er, nachdem er den 2014er-Weltmeister nicht nominiert hatte. Auch ein Comeback von Mario Götze, der zuletzt am 14. November 2017 für die DFB-Auswahl gespielt hatte, schloss Löw nicht aus. Der Torschütze des Siegtores im WM-Finale 2014 habe „noch nicht den Rhythmus“, sagte er: „Ich glaube, es käme im Moment zu früh. Wenn er längere Phasen hat, wo er regelmäßig spielt, wird er auch für uns wieder ein Thema sein.“ (dpa mit sid)