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Ludwigsdorfer Bruchbuden

Auch in den ländlichen Ortsteilen stürzen Häuser zusammen. Ein junger Ortschaftsrat will das nicht länger hinnehmen.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Görlitz. Ein bisschen ist es für Mario Conrad ein Widerspruch. „Die Stadt sagt immer, dass sie händeringend nach Standorten für Einfamilienhäuser sucht, um junge Leute in Görlitz zu halten. Aber bei uns wird sie nicht aktiv“, sagt der 30-Jährige, der in Ludwigsdorf wohnt und sich dort im Ortschaftsrat und im Heimatverein engagiert. Vor allem geht es ihm um mehrere Grundstücke an der Neißetalstraße, schräg gegenüber vom Hotel „Dein Gutshof“ und der Ludwigsdorfer Kirche.

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Das große Haus an der Ecke zur Pfeiffergasse beherbergte früher den Konsum und den Gerichtskretscham, weiß Mario Conrad: „Die Ludwigsdorfer nennen es alte Messe.“ Doch solange er denken kann, steht das Gebäude leer – und verfällt immer mehr. Nach SZ-Informationen gehört es einem Ludwigsdorfer. Doch der kümmert sich nicht darum, ein Teil des Daches ist vor Jahren eingestürzt. „Es sind auch schon mal Dachziegel auf die Straße gefallen“, sagt Mario Conrad. Zumindest sei das Haus umzäunt, sodass spielende Kinder nicht ohne Weiteres hineingelangen.

Letzteres lässt sich vom angrenzenden Demisch-Gut nicht behaupten. Dort geht es nur beim früheren Herrenhaus voran. Es gehörte bis vor Kurzem der Stadt, diente unter anderem als Kindergarten. Inzwischen ist es verkauft an die Eigentümer des Gutshofes gegenüber, die in dem Haus eine Erweiterung für ihr Hotel planen und vor dem Haus schon Bäume gefällt haben. „Der Rest des Demisch-Gutes gehört Privateigentümern, die weit weg leben und an die wir nicht herankommen“, sagt Mario Conrad. Auch sie lassen ihren Besitz immer weiter verfallen. Ein Teil des Kuhstalls stürzte voriges Jahr auf die Neißetalstraße. Daraufhin rissen die Besitzer den Rest des Gebäudes ab. „Nun liegt der Schutt gut sichtbar für alle Radtouristen, Hotelgäste und Einwohner da und das wahrscheinlich so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist“, sagt der Ortschaftsrat. Neben den Eigentümern sieht er die Stadt in der Verantwortung.

Trotz mehrmaliger Hinweise auf den Zustand der Gebäude und Drängen des Ortschaftsrates an die Verwaltung habe sich wenig getan. Sein Vorschlag: Die Stadt sollte die Eigentümer per Brief über Fördermöglichkeiten für Abriss und Entsorgung oder den Umbau eines Gebäudes informieren: „Das würde nur Porto kosten und wäre weitaus günstiger, als Tausende Euro für eine Notsicherung auszugeben, wenn alles schon längst zu spät ist.“ Für ländliche Ortsteile sei das Leader-Programm geeignet. Die Stadt hat dieses Programm sehr wohl auf dem Schirm, sagt Hartmut Wilke, der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung: „Zum Thema Leader gibt es eine intensive Öffentlichkeitsarbeit in allen Medien, die einen sehr breiten Personenkreis erreicht.“ Auch die Stadt veröffentliche regelmäßig Projektaufrufe, etwa im Amtsblatt vom 20. Dezember 2016: „Das ist das normale und angemessene Vorgehen zur Information über Förderprogramme und vergleichbar mit dem Handeln in anderen Stadtgebieten.“

Warum sie den Eigentümern keine Briefe schreibt, wie es Mario Conrad vorschlägt, sagt Wilke nicht. Stattdessen: „Bei allem Verständnis für die Unzufriedenheit mit der Situation darf nicht vergessen werden, dass die Verantwortung beim Grundstückseigentümer liegt.“ Die Stadt könne aber Beratung zu Verwertungschancen bieten oder Kontakt zum Fördermanagement herstellen. Und sie muss als Bauaufsichtsbehörde in die Situation eingreifen, sobald die öffentliche Sicherheit gefährdet ist. „Allein der Leerstand eines Gebäudes, auch über längere Zeit, berechtigt die Stadt aber nicht, zu handeln“, erinnert Wilke. Ersatzvornahmen seien immer nur absolute Ausnahmen und dienen der Gefahrenabwehr.

Vorbeugende Maßnahmen zur Sicherung leer stehender Gebäude dürfe die Stadt nicht anordnen: Wir können erst einschreiten, wenn Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung bestehen, erkannt oder angezeigt werden.“ Dann werde der Eigentümer zur Sicherung aufgefordert – möglichst zunächst in Gesprächen und dann schriftlich. Kommt der Eigentümer seinen Sicherungspflichten nicht nach, handelt die Stadtverwaltung in Ersatzvornahme, darf dann aber nur so weit in das private Eigentum eingreifen, wie es unbedingt zur Sicherung der öffentlichen Flächen erforderlich ist.

Mario Conrad reicht das nicht: „In diesem Areal steckt ein großes Entwicklungspotenzial, das die Stadt noch nicht erkannt hat.“ Die Stadt sollte die komplette Fläche übernehmen und entsprechend aufbereiten: „Dann könnte hier ein neuer im Dorf integrierter Eigenheimstandort mit Dorfanger entstehen, der im Übrigen nicht hochwassergefährdet ist.“ Somit würde das Dorfbild ansehnlicher, junge Leute könnten in der Stadt gehalten werden, und ihre Zukunft im Ortsteil gestalten.“ Wilke lehnt einen Ankauf durch die Stadt ab, vor allem offenbar aus Kostengründen: „Der Entwicklungsvorschlag ist nachvollziehbar und könnte ein gutes Element der Dorfentwicklung sein. Eine solche Entwicklung ist jedoch nur auf privater Basis vorstellbar.“