Merken

Luft holen, zielen, Treffer!

Die Stadtschützen frönen in Stroga einem exotischen Sport: Sie schießen mit dem Blasrohr – und bauen die Utensilien selber.

Teilen
Folgen
© Anne Hübschmann

Von Susanne Plecher

Stroga. Es ist der erste Samstag seit Langem, an dem es nicht regnet. In Haus und Hof hätte wohl Jeder ausreichend zu tun, aber der Schießplatz der Großenhainer Stadtschützen ist voll. 35 Vereinsmitglieder, davon 12 Kinder, zählt der Verein vier Jahre nach Gründung. Die Hälfte von ihnen ist da. Zudem haben sich einige Zaungäste im ehemaligen „Lager für Arbeit und Erholung“ am Strogaer Ortsausgang eingefunden. Der Verein hat zum Workshop geladen. Sonnhild Bruschek will zeigen, wie man Blasrohre und Pfeile selber baut.

Der dünne Karbonstab wird mit Laubsäge und Skalpell passend geschnitten.
Der dünne Karbonstab wird mit Laubsäge und Skalpell passend geschnitten. © Anne Hübschmann
Auch das Mundstück wird geschliffen und angepasst.
Auch das Mundstück wird geschliffen und angepasst. © Anne Hübschmann

Das Unterfangen klingt exotisch, zumal es mitten in Deutschland in einem kleinen sächsischen Dorf an der Grenze zu Brandenburg stattfinden soll. Blasrohre haben hier traditionell eher weniger verloren. Ureinwohner des Amazonasgebietes oder auf Borneo haben sie als Jagdwaffen verwendet, und die Pfeile vorher gern mit Giften behandelt. Dass hier keiner Indianer ist und das Jagen mit einem Blasrohr in Deutschland verboten, hält die Stadtschützen nicht ab. Mit großer Selbstverständlichkeit schreiten sie ans Werk. Im Flachbau, in den sie in Eigenarbeit einen Schießstand eingerichtet haben, wird eifrig gearbeitet. Leichte Alurohre aus dem Baumarkt werden auf 1,20 Meter zugeschnitten und entgratet, ein gedrechseltes Mundstück geölt und aufgeklebt. Das war der leichte Teil. Wirklich frickelig wird es bei den Pfeilen.

„Wir haben nach einem besonderen Sport gesucht, wir wollten was Eigenes“, erklärt Sonnhild Bruschek. In Sachsen, so wirft Gründungsmitglied Reiner Schumann ein, ist der Verein der Einzige, der Blasrohrschießen anbietet. Einen entsprechenden Sport-Club gibt es in Deutschland seit 2013. Manchmal lädt er zu Wettkämpfen ein. Die Nische, die der Sport bedient, ist zwar winzig, sie überwindet aber Alters- und Bildungsgrenzen. „Wir sind hier alle gleich, vom Mathematikprofessor bis hin zum einfachen Arbeiter“, so Schumann.

Hütchen stammen aus der Medizinbranche

Derweil zerteilt Florian Richter einen zwei Millimeter starken Karbonstab mit einem Skalpell. Er ist gerade zehn Jahre alt, aber schon seit dem Tag der Sachsen 2014 im Verein. Damals hatte er die Stadtschützen in Aktion gesehen. Der Karbonabschnitt wird der Träger des Pfeils. Damit er ideal in der Luft liegt, muss er 8,5 Zentimeter lang sein. Später werden in Geduldsarbeit Messingspitzen und Plastikhütchen als Minitriebwerk angeklebt. Sie werden mit schmalen Gummischläuchen fixiert und einem extrem starken Kleber angeleimt. Der Leim bizzelt noch nach zwei Tagen an den Fingerkuppen.

Die Mundstücke aus Holz hat Rudolf gedrechselt, die Pfeilspitzen der Schmied aus Weißig am Raschütz hergestellt. Die Hütchen, die den Pfeilen Stabilität beim Flug gewähren, stammen aus der Medizinbranche. Es sind die sogenannten Tips, die der Hausarzt auf sein Otoskop setzt, um die Gehörgänge anzuschauen. „Die müssen wir absägen“, sagt Sonnhild Bruschek. Damit dabei nichts danebengeht, hat sich der Verein eine Metallsägevorrichtung organisiert. Reiners Bruder hat sie angefertigt. Die passgenaue Handarbeit lässt auf einen professionellen Werkzeugbauer schließen. Natürlich könnte man das alles kaufen. Aber das macht nicht so viel Spaß.

Das erfindungsreiche Treiben erinnert ein wenig an die Improvisationskünste, mit denen sich DDR-Bürger selbst zusammenfriemelten, was es nicht zu kaufen gab. Wer jetzt schraubt und sägt, klebt und feilt, tut das aus freiem Willen. Das ist der wesentliche Unterschied. Und es stärkt die Gemeinschaft und das Gefühl, zugehörig zu sein. Zusätzlich hat das Blasrohrschießen einen gesundheitsfördernden Aspekt: „Es ist als Training für die Lungenfunktion eine wunderbare Sache“, sagt Sonnhild Bruschek, die unter Asthma leidet. Ihr Lungenvolumen hat sich vergrößert, seit sie regelmäßig kleine Pfeile durch Aluröhren pustet. „Wir sind vorsichtig und unterschätzen die Pfeile nicht. Wenn man einen abbekommt, geht der tiefer rein als nur in die Haut“, weiß René Pfützner aus Lampertswalde. Da macht es schon mehr Spaß, auf einen Ballon zu zielen oder eine Bratwurst. Pfützner feixt. Die Braturst wäre den indigenen Völkern nicht vors Rohr geraten. Aber wir sind ja auch nicht auf Borneo, sondern in Stroga.