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Luthers Leben in einem Schrank

Ins Stadtgut zieht eine Mitmach-Ausstellung für Schüler und Familien ein. Jeder darf sogar eigene Thesen anschlagen.

© André Braun

Von Heike Heisig

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Leisnig. Im Konferenzraum des Stadtgutes an der Kirchstraße steht seit Mittwoch ein besonderer Schrank. Er besteht aus hellem Holz, ist dreiteilig und von außen eher unscheinbar. „Doch der Inhalt macht’s“, erklärt Manuela Kuschnik begeistert. Die Mitarbeiterin des Gästeamtes wird Touristen in Zukunft gern einige Hinweise geben. Dann können sie die Ausstellung „Mensch Martin – Hut ab!“ selbst entdecken.

Die erste Überraschung wird sein, dass das Leben und Wirken des Reformators in genau diesen Schrank passt. Auf sieben Tafeln erfahren die Besucher alles über den Lebensweg Luthers, seine Zeit als Junker Jörg, weshalb er nach Leisnig gerufen worden ist und was bei Herrn Käthe, so nannte Luther seine Frau Katharina gern, für gewöhnlich auf dem Tisch gestanden hat. Viel Text muss dafür nicht gelesen werden. Die Initiatoren der Ausstellung – Gemeindepädagogen der Kirchenbezirke Leipziger Land sowie Leisnig-Oschatz – lassen häufig Cartoons sprechen. Die wiederum sollen vor allem jüngeres Publikum ansprechen.

Technikbegeisterte kommen im Mittelteil des Schrankes auf ihre Kosten. Auf einem Bildschirm wird per Berührung zum Beispiel „Religion für Anfänger“ erklärt. Hörbeiträge vermitteln einen Eindruck geistlicher und Tanzmusik zu Luthers Zeiten. Zudem wird die Entführung des Reformators nachgespielt, wonach er auf der Wartburg als Junker Jörg lebte und arbeitete. Besonders stolz auf diesen Teil der Ausstellung werden einige der Oberschüler sein. Sie haben für einen Geschichtswettbewerb einen später prämierten Beitrag zum Thema Kastenordnung in Leisnig abgegeben. Dafür sprachen sie unter anderem mit dem Superintendenten und suchten Orte wie das Kloster Buch auf, für die die Reformation entscheidend waren.

Nicht zuletzt dürfen die Besucher sogar in die Rolle „der Hüter des Kastens“ schlüpfen. Immerhin waren es zwei Ratsherren und zwei Adelige sowie drei Bürger und drei Bauern, die über die Verwendung des Geldes im Kasten entscheiden durften. Die für Leisnig entworfene Kastenordnung gilt als älteste Sozialordnung der Welt. Mit den Einnahmen wurde damals unter anderem die Schulbildung finanziert sowie Waisenkindern, Armen und Kranken geholfen. Um die Entscheidung damals nachzustellen, stehen nach der Eröffnung der Ausstellung Kostüme zur Verfügung. Noch in Arbeit ist der Nachbau eines Kastens. Der hat die Form einer Truhe und bekommt wie das Original mehrere Schlösser. Nur wenn alle vier Stände dabeiwaren, konnte der Kasten geöffnet und Geld entnommen werden. Nicht zuletzt bekommen die Kinder sogar Gelegenheit, ihre eigenen Thesen an die Schranktür anzupinnen.

Im dritten Schrankteil befinden sich Utensilien wie ein Puzzle und anderes mehr. Damit können sich vor allem Schülergruppen das nötige Wissen nahezu spielend erarbeiten. Gruppen bekommen auf Anmeldung im Gästeamt eine Betreuung durch Carla Lichtenstein vom Kulturbund oder Siegfried Bretsch vom Kuratorium Stadtgut. „Ich gehe davon aus, dass wir in der Kuratoriumssitzung nächste Woche auch entscheiden, wann die Ausstellung offiziell eröffnet wird“, so Bretsch.

„Mensch Martin – Hut ab!“ ist eine Wanderausstellung in Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 gewesen. Um das Original zeigen zu können, fehlten in Leisnig entsprechend große Räume. Die gekürzte Form passt nun gut ins Stadtgut und ergänzt die dort gezeigte Ausstellung zur Reformation. Für die Überarbeitung und die nötige Neuanfertigung von Tafeln, Schrank, Kasten und Kostümen hat die Kommune Unterstützung durch die Sächsische Landesstelle für Museumswesen bekommen. Sie stellte im Vorjahr 16 000 Euro zur Verfügung, damit „Mensch Martin“ gezeigt werden kann. Bei der Stadt Leisnig ist ein Eigenanteil in Höhe von 4 000 Euro verblieben. Die Abrechnung des Fördergeldes hat Siegfried Bretsch schon erledigt. Am Mittwoch ist Abgabetermin.

Kontakt für Gruppen, die die Ausstellung „Mensch Martin!“ besuchen wollen: Gästeamt, Tel. 034321 637090