Merken

„Macht das Internet doof?“

Wir sollten die neue Kommunikations-Kultur aktiv gestalten, statt nur Risiken zu diskutieren und uns gegen sie zu wehren.

Teilen
Folgen

Von René Obermann

Kommunikations-Technologie und Kultur - das ist ein Thema, welches eigentlich zu meinem Repertoire gehört, aber durchaus eines, welches mich jeden Tag begleitet, und zwar gleich morgens, wenn ich in unsere Büro-Räume in Bonn komme.

Dann blinzeln mich die bunten, flimmernden Augen des "Sound Crackers" an, einem Werk des amerikanisch-koreanischen Künstlers Nam June Paik. Der "Sound Cracker", das ist ein auf den Kopf gestellter Weltempfänger, mit Haaren aus lauter Antennen, Lautsprecher-Ohren mit vielen bunten Kabeln, wild leuchtenden Augen und Mund, die über eine CD mit Energie und Farben gespeist werden.

So wie in Nam June Paiks Werk die bewegte Welt der digitalen Farbspiele die alte Technologie entzaubert, verdrängt und zu neuem Leben erweckt, so können wir gerade in Bezug auf zwei moderne Kommunikationstechnologien - dem Internet und dem Mobilfunk - erleben, wie diese unser Leben und damit auch unsere Kultur verändern.

Das Internet wird heute von vielen als die wichtigste kulturelle Erfindung seit dem Buchdruck bewertet. Paik hat seine Entstehung übrigens bereits in den frühen 70er Jahren prognostiziert. In einem Paper für die Rockefeller Foundation sprach er 1974 zum ersten Male von dem großen Netz: "The electronic superhighway will become our springboard for new and surprising human endeavours".Zunächst ist das Internet seit den Neunzigern im Zuge der zunehmenden Digitalisierung von Waren, Musik, Texten oder Bildern zu einer gigantischen Vertriebs- und Informations-Plattform geworden. Wer sucht beziehungsweise: googelt, der wird auch fündig. So ist das World Wide Web längst das größte Museum der Welt geworden - erst recht, wenn man die vielfältigen Kopien von Kunstwerken mit einbezieht.

Internet und Digitalisierung verleiten zur Vervielfältigung und arbeiten damit gegen das Bestreben der Kunst, etwas Einmaliges zu schaffen. Auch sind Fragen der Eigentums- und Nutzungsrechte noch nicht für alle Nutzer eindeutig geklärt. Insoweit ist es gut nachvollziehbar, dass der Kulturbetrieb nicht immer gut auf das Internet zu sprechen ist - auch wenn es natürlich für den Betrieb selbst längst zur Funktionsvoraussetzung geworden ist.

In den letzten Jahren hat das Internet zusätzliche Bedeutung gewonnen durch rasant entstehendesoziale Netzwerke. YouTube, Flickr oder MySpace - zumindest diejenigen unter Ihnen mit Jugendlichen zuhause - wissen, wovon ich spreche. Innerhalb kürzester Zeit sind diese Seiten zu den populärsten im Netz geworden: Allein YouTube verzeichnet etwa 15 Millionen Seitenabrufe pro Monat.

Tausende von Künstlern sind mittlerweile Teil dieser Netzwerke geworden. Sie stellen Ihre Werke ein, stoßen Diskussionen an oder nutzen das Internet selbst für interaktive Kunstformen ganz getreu dem Beuys' Motto "Jeder Mensch ein Künstler". Ein Motto mit inhaltlichen Grenzen: Neben aller Kreativität schwimmt in dieser Flut von Daten sicher viel oberflächliche Masse und Flüchtigkeit mit.

Aber: Macht das Internet deshalb doof, wie der Spiegel und andere Magazine in diesem Sommer fragten? Ich glaube, seriös kann dies heute niemand beantworten. Wahr ist natürlich, dass das Internet uns nicht automatisch zu schlaueren Menschen werden lässt. Das Internet ist letztlich nur ein Kulturtechnik, in der sich Einzelne aber auch die Gesellschaft kollektiv ausdrücken und gestalten.

Das Zusammenspiel von digitaler Daten und Interaktivität sorgt dafür, dass in spontanen Prozessen ein noch nie gekanntes Maß an Wissen gebündelt wird. "Wikipedia" enthält bei allen Vorbehalten bezüglich der konsistenten inhaltlichen Qualität weitaus mehr und aktuellere Informationen als herkömmliche Lexika.

Wer will und kann, der kann sich im Netz adäquat verwirklichen, mehr oder eben auch weniger anspruchsvoll. Ähnlich wie im Bereich der Printmedien lässt das Internet eine große Bandbreite von Ausdrucksmöglichkeiten zu - nur sehr viel vielfältiger und interaktiver als in anderen Medien. Klar ist aber auch, dass wir hier erst ganz am Anfang zur Entwicklung einer Kulturtechnik stehen, die wir noch lange nicht beherrschen.

Solche neuen Entwicklungen gehen auch mit Ängsten einher. Ich finde das verständlich und nachvollziehbar. In nicht einmal 15 Jahren hat das Internet unser Zusammenleben revolutioniert. Ganze Industrien sind verschwunden oder haben sich neu erfinden müssen, etwa die Musik- oder die Videobranche. Nur eine Indikation: Während heute noch die weitaus meiste Musik über CDs in den Handel gelangt, gehen wir in fünf Jahren davon aus, dass der weitaus überwiegende Teil an Musiktiteln aus dem Netz heruntergeladen wird.

Bei aller berechtigten und ernstzunehmenden Kritik: ein wenig, so glaube ich, schwingt da auch eine Fortschritts-Skepsis mit, wie sie jede große Innovation erst einmal begleitet, besonders bei uns in Deutschland: Der Eisenbahn wurde nachgesagt, sie führe zu psychischen und physischen Schäden, wenn sie schneller als 25 Stunden-Kilometer fahre. Der Rundfunk löste Ängste wegen angeblich gefährlicher elektromagnetischer Strahlen aus. Selbst vor den Folgen des Buchdrucks wurde gewarnt: Der Schweizer Naturforscher Conrad Gessner sprach 1545 von dem "verwirrenden und schädlichen Überfluss an Büchern".

Der Mobilfunk, die zweite wesentliche Entwicklung im Bereich der Kommunikationstechnologie der letzten Jahre, hat ebenfalls unsere Kultur bereits tiefgreifend geprägt. Keine andere Erfindung in der Menschheitsgeschichte hat sich so rasch verbeitet wie das mobile Kommunizieren: Gut 15 Jahre nachdem tragbare Telefone vom Koffer- zum Anzugtaschenformat geschrumpft sind, telefonieren mehr als drei Milliarden Menschen mobil. Heute hat statistisch jeder Deutsche mehr als ein Handy.

Unser soziales Verhalten hat sich durch den Mobilfunk grundlegend verändert. Wir verabreden uns spontaner: Eigentlich wollten wir ins Kino, aber jetzt spricht das Wetter eher für den Biergarten? Kein Problem - denn wir können sicher sein, auch kurzfristig alle Freunde zu erreichen und mit ihnen den neuen Plan zu besprechen. Die Kehrseite: Verabredungen werden nicht mehr so zuverlässig eingehalten. Ein Treffen ist heute so leicht abgesagt, wie es vereinbart wurde.

Vielleicht kennen Sie auch den Begriff der "Daumenkultur"? Was damit gemeint ist, erschließt sich leicht, wenn Sie an jugendliche SMS-Schreiber- und Schreiberinnen in der U-Bahn oder an der Bushaltestelle denken. Versuchen Sie mal, mit zehn Fingern auf einer normalen Tastatur so schnell zu sein, wie eine 16-jährige mit dem Daumen auf den winzigen Handy-tasten - die meisten von uns werden es nicht schaffen.

Ich erinnere mich gern an ein gemeinsames Forschungsprojekt mit Peter Glotz mit eben jenem Titel: "Daumenkultur". Glotz war fasziniert davon, dass die Massenkommunikation nach und nach von der individuellen Kommunikation über Handy und Internet ersetzt wird: "Meine These war, dass das Mobilfunkgerät, dieses manchmal unscheinbare, manchmal grelle, manchmal ausschließlich zu Geschäftszwecken, manchmal ausschließlich zum persönlichen Netzwerkaufbau, gelegentlich aber auch vielfältig und raffiniert genutzte Stück Hardware die Kultur des Zusammenlebens der Menschen ändert: Das Ding ist ein Artefakt, wie ein römisches Viadukt oder die ungeheuren Wasserbehälter, mit denen Missionare der indischen Kultur auf Ceylon die Ebenen fruchtbar gemacht haben." - so Glotz in seinem letzten Text.Die große Neuerung durch den Mobilfunk ist die Möglichkeit, unabhängig von Ort und Zeit telefonieren, simsen oder surfen zu können. Ich kann (fast) überall und spontan in Kontakt zu den mir wichtigen Menschen treten - Kommunikation wird potentiell allgegenwärtig. Nicht zu kommunizieren ist zu einer bewussten Entscheidung geworden, für die man sich mitunter rechtfertigen muss.

Es war vor einigen Jahren nur ein kleiner logischer Schritt zusätzlich zur Sprachkommunikation auch das virtuelle Büro mobil zu machen. Manager sind heute beruflich "always on". Symbol hierfür ist die kanadische Brombeere, der "Blackberry" der Firma RIM. Der "Blackberry" ist ein sogenanntes "Smartphone", welches vor allem wegen seiner komfortablen E-Mail-Funktion zum erfolgreichsten Modell seiner Art geworden ist. Rund 20 Millionen Mal ist der Blackberry weltweit bereits verkauft worden. Etwa zehn Prozent davon übrigens mit einem T-Mobile-Vertrag.Entschuldigen Sie bitte, wenn ich in Neudeutsch oder "Denglisch" von "Smartphone" spreche - aber von einem "intelligenten Telefon" zu sprechen trifft es in diesem Falle noch weniger. Auch dies eine durch das Internet verstärkte Entwicklung. Eine Entwicklung, bei der wir auf Institutionen der Kulturpflege, wie das Tiberius-Forum, angewiesen sind, um die Sprachkultur hochzuhalten - Exkursende.

Als Mobilfunker der ersten Stunde will ich die Vorteile des mobilen Büros nicht verschweigen. In einer von uns unterstützten Studie der Universität St. Gallen mit dem Titel "Always on Culture" konnte gezeigt werden, dass die Mitarbeiter produktiver arbeiten und die Leerzeiten zurückgehen. Wichtige Informationen sind leichter und schneller zu beschaffen. Fast alle Befragten sind der Auffassung, dass sie ihre Zeit effektiver nutzen. Mehr als 60 Prozent sagen, im Team werde besser miteinander kommuniziert. Und ganz wichtig: 60 Prozent bejahen die Aussage, der Kontakt zu den Kunden habe sich verbessert.Eine "Always on"-Kultur führt aber auch zu ungewohnten, unerwünschten Begleiterscheinungen. Ein Phänomen kennen Sie vermutlich: Dieses angestrengte Unter-den-Tisch-Schauen bei Meetings, beim Essen und anderen unpassenden Gelegenheiten. Fast 90 Prozent der Befragten in der Studie geben an, sie lesen mehr E-Mails in ihrer Freizeit. Nur 15 Prozent der Befragten schalten ihren Blackberry nach Feierabend aus.In den USA, wo der Blackberry noch viel weiter verbreitet ist als bei uns, werden sogar gesundheitliche Fragen diskutiert: Der Blackberry führe zu Sehnenscheiden-Entzündungen und mache süchtig. Er beherrsche das Leben der Nutzer 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Angeblich sei zudem eine steigende Zahl von Verkehrsunfällen auf Autofahrer zurückzuführen, die während der Fahrt ihre E-Mails checken.Da mag manches übertrieben sein, dennoch möchte ich diese Kritik nicht einfach beiseite wischen. Auch hier gilt es, Regeln für den vernünftigen Umgang mit der neuen Technologie zu entwickeln. Bei T-Mobile sind wir recht früh hingegangen und haben die Blackberry Nutzung aus den Arbeitstreffen verbannt. Das ist nicht leicht durchzuhalten, im Zeugnis würde man schreiben "er bemühte sich redlich". Aber es ist sicher der richtige Weg.Internet und Mobilfunk werden sich weiter rasant entwickeln. Sie werden in den kommenden Jahren noch viel stärker verschmelzen, als die meisten von uns sich das heute vorstellen können. Eine Indikation hierfür ist das iPhone. iPhone Kunden verbringen heute fast schon soviel Zeit im Internet wie durchschnittliche PC-Nutzer. Die grundlegenden Technologien für ein noch viel stärker "vernetztes Leben und Arbeiten" sind heute bereits verfügbar. Sie werden sich bald auf der Basis einer viel leistungsfähigeren Infrastruktur durchsetzen.

Ihr Adressbuch wird im Netz hinterlegt sein, ihre Urlaubsfilme werden Sie direkt von Ihrem Handy auf den Bildschirm zu Hause schicken können oder Fernsehen und Video wie selbstverständlich "on demand" konsumieren. Anwendungen für die virtuelle Arbeitsteilung im beruflichen Bereich werden sich dramatisch vervielfältigen. Milliarden von Maschinen werden miteinander mobilfunkgestützt kommunizieren. Dies wird immer neue Herausforderungen stellen: an unsere Zusammenleben aber auch vor allem an die Art und Weise, wie wir unsere wirtschaftliche Sphäre organisieren.Digitalisierung und Internet führen zwangsläufig zu einer feingliedriegeren Arbeitsteilung und lassen Rationalisierungsspotentiale entstehen - der Anpassungsbedarf in unserer Wirtschaft bleibt erheblich. Dies spüren wir zuallererst auch in unserem eigenen Unternehmen, nicht nur, aber auch aufgrund unserer Vergangenheit als Staatsbetrieb.

Sie kennen diese Probleme aus der öffentlichen Berichterstattung. Aus der industriellen Logik folgt, dass wir auch in den nächsten Jahren weitere Reformanstrengungen unternehmen müssen. Der Zug der neuen Kommunikationstechnologien ist längst aus dem Bahnhof auf den Schienen des großen elektronischen Superhighways unterwegs. Ich empfinde es als unsere Aufgabe, diesen Zug schnell und sicher fahren zu lassen und ihn so einzurichten, dass unser Leben zukünftig angenehmer wird - nicht nur wirtschaftlich, auch im Hinblick auf die Weiterentwicklung unserer Kultur.Vor allem werden wir uns auch der Frage stellen müssen, mit welcher Geschwindigkeit und mit welcher Ausstattung wir diesen Zug ausstatten werden. Mit Geschwindigkeit meine ich natürlich die Frage, in welchem Maße wir als Unternehmen die neuen Techniken weiterentwickeln und in sie investieren.Aufgrund der rasanten Weiterentwicklung der Internetbasierten Dienste müssen wir bald über Investitionen in neue Fest- und Mobilfunknetze entscheiden. Investitionen, die schnell in die Milliarden gehen.

Investitionen, die unter den heutigen Rahmenbedingungen kein Unternehmen alleine schultern kann, sondern nur in der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen oder der öffentlichen Hand.In dem Zusammenhang höre ich immer wieder die Frage: brauchen wir denn überhaupt diese viele neuen Produkte für das vernetzte Leben und Arbeiten und die neuen Hochgeschwindigkeitsnetze? Ich habe vielleicht eine andere Perspektive zu dem Thema als die meisten von Ihnen. Denn ich habe diese Frage schon mehrfach im Laufe der letzten 20 Jahre gehört: als wir mit Mobilfunk in den Neunzigern anfingen, als wir T-dsl 1998 einführten und später UMTS, die heutige, dritte Mobilfunkgeneration.Jedes Mal wurden die Bedenken innerhalb kürzester Frist von der Wirklichkeit überholt. Heute klagen viele Kunden schon wieder über zu geringe Bandbreiten!

Bisher ist nach jedem technologischen Sprung in Bezug auf Internet und Mobilfunk binnen kürzester Zeit durch neue Dienste eine neue, zusätzliche Nachfrage entstanden, Ganz im Sinne - Sie werden es ahnen - wie Nam June Paik es 1974 voraussah: "Ich dachte mir, wenn man eine Autobahn baut, dann beginnen die Leute auch damit, Autos zu bauen. In ähnlicher Weise wird etwas passieren, wenn man die Datenautobahn schafft."Mein abschließendes Plädoyer ist deshalb klar: Die neuen Kommunikationstechnologien wie Internet und Mobilfunk wandeln unsere Kultur - ob wir wollen oder nicht. Wir sollten uns darauf konzentrieren, ihre Möglichkeiten zu nutzen und die Herausforderungen, wie sie mit neuen Technologien immer verbunden sind, zu nutzen. Wir sollten es offensiv und selbstbewusst angehen und die Möglichkeiten nutzen - nicht nur als Wirtschafts- sondern auch als Kulturnation.

Innovative Prozesse verlaufen zum Teil ungesteuert und chaotisch. Das gilt besonders für die Entwicklung des Internets. Wir werden daher nicht alle Risiken immer vorab diskutieren, sondern bewusst den Prozess der kulturellen Veränderung durch die neuen Kommunikationstechnologien gestalten. Damit sollten wir sofort beginnen: "The future is now!" - die Zukunft ist jetzt. Die bekannteste Reminiszenz an Nam June Paik, mit der ich meine Gedanken hier beenden möchte.

Der Beitrag ist der Abdruck eines Vortrags, den der Telekom-Vorstandschef am 27.August vor dem Forum Tiberius in Dresden gehalten hat.