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Mann findet leichter Job als Frau

Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter. Aber das nützt nicht jedem: In manchen Branchen gibt es nicht mehr zu tun, sondern weniger.

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Von Georg Moeritz

Dresden. Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) hat die Rekorde sofort erkannt und aufgeschrieben: Sachsen verzeichne „den höchsten Beschäftigungsstand in einem Märzmonat seit 2001“, teilte der Minister mit. Und: In Sachsen sei die Arbeitslosigkeit im Jahresvergleich stärker gesunken als in jedem anderen Flächenland. Morlok zog in seiner Pressemitteilung daraus den Schluss, seine Arbeitsmarktpolitik trage Früchte – denn er konzentriere sich auf den „ersten Arbeitsmarkt“. Erster Arbeitsmarkt – das sind die Stellen in der freien Wirtschaft. Mit anderen Worten: Der FDP-Politiker hält es weiterhin für falsch, viel Geld in den „zweiten“ Arbeitsmarkt zu stecken, etwa in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Ein-Euro-Jobs.

Die Gegenmeinung kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund: Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte, bei Langzeitarbeitslosen komme nicht genügend Hilfe an. Von den Arbeitslosen mit Hartz IV waren in den vergangenen zwei Jahren mindestens 70 Prozent 21 Monate lang „auf Fürsorgeleistungen“ angewiesen.

Auch Sachsens Grüne kritisierten die Arbeitsmarktpolitik. Ihr Wirtschaftssprecher Michael Weichert sagte, die Arbeitsagentur bewillige kaum noch Zuschüsse für Existenzgründer. Minister Morlok solle ein Landesprogramm starten, das Firmengründern im ersten Jahr der Selbstständigkeit den Lebensunterhalt sichere.

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Zuwachs im Baugewerbe, weniger Stellen im Handel

Wer sich die langen Tabellen der Arbeitsmarktstatistik näher ansieht, stößt tatsächlich auf viele Widersprüche. Die ersten Zeilen geben Minister Morlok recht: Die Zahl der Arbeitslosen in Sachsen ist deutlich gesunken, um fast sieben Prozent im Vergleich zum Mai vor einem Jahr. Ein Teil von ihnen erreichte das Rentenalter. Doch noch immer sind 186.038 Sachsen arbeitslos gemeldet. Im vergangenen Monat fanden deutlich mehr Männer als Frauen eine Stelle. Denn die „Frühjahrsbelebung“, von der Sachsens Arbeitsagenturchefin Jutta Cordt seit einigen Monaten spricht, bringt vor allem Arbeit in Außenberufen wie Bau und Landwirtschaft.

Das Baugewerbe spürt kräftigen Zuwachs. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Beschäftigten in dieser Branche in Sachsen um fast vier Prozent gewachsen. Auch die Industrie schuf zusätzliche Stellen. Dagegen ist die Beschäftigung im Handel leicht geschrumpft, und auch Finanzwirtschaft und private Haushalte als Arbeitgeber haben Stellen gestrichen.

Nach jüngsten Zahlen vom März haben 1,47 Millionen Sachsen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Ein Jahr vorher waren es noch 25.700 weniger. Seit 2006 ist die Beschäftigung jedes Jahr gewachsen, nur nicht im Krisenjahr 2009.

Arbeitslosenquoten in Sachsen zwischen 5,5 und 13,9 Prozent

Die Arbeitslosenquote in Sachsen ist auf 8,8 Prozent gefallen. So niedrig war sie im Mai noch nie, allerdings ist sie höher als im September und Oktober vorigen Jahres. Im Nachbarland Thüringen ist sie niedriger. Innerhalb Sachsens sind die Unterschiede sehr groß: Bei 5,5 Prozent liegt die Quote in ländlichen Gegenden des Vogtlandes, in Klingenthal und Oelsnitz, kaum höher im Dresdner Speckgürtel. Dagegen meldet die Stadt Görlitz mit 13,9 Prozent den sächsischen Rekord, gefolgt von Weißwasser mit 12,8. Auch in Hoyerswerda und Riesa liegt die Quote über elf Prozent.

Frühjahr schafft Stellen in Ein-Euro-Jobs

Nicht so schnell gesunken wie die Zahl der Arbeitslosen ist die Zahl der Arbeitsuchenden – dazu zählen auch jene Sachsen, die zwar nicht arbeitslos sind, aber sich bei den Jobcentern um mehr Arbeit bemühen. Sie haben zum Beispiel nur einen Minijob mit höchstens 450 Euro im Monat. 320.000 Sachsen sind arbeitsuchend. Außerdem zählen Menschen in der Statistik nicht zu den Arbeitslosen, wenn sie in einer staatlich geförderten Weiterbildung oder einem Ein-Euro-Job sind. Rund 62.700 Sachsen waren im Mai in „arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“, teilte Cordt mit. Gerade im Frühjahr nehmen solche Auffanglösungen sogar zu. Gerade im Mai begannen in Sachsen mehr als 2.600 Ein-Euro-Jobber.

Leiharbeit in Sachsen kräftig gewachsen

Es gibt viele freie Stellen: Im Mai meldeten sächsische Betriebe den Jobcentern fast 7.800 neue Angebote. Das waren allerdings einige Hundert weniger als im April, und allein 2.200 kamen von Leiharbeitsfirmen. Die Leiharbeit wächst wieder kräftig: Rund 45.300 Sachsen sind nach jüngsten Zahlen vom März in der Leiharbeitsbranche beschäftigt, 4.600 mehr als ein Jahr zuvor. Die Arbeitsagentur spricht weiterhin von einer „Brücke in Arbeit“, betont aber auch die wachsende Beschäftigung in Industrie, Gesundheitswesen und Baubranche.

In Deutschland insgesamt sind 2,882 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Gut ein Viertel davon leben in Ostdeutschland: 821.000. Doch kaum geringer ist die Zahl der Arbeitslosen im bevölkerungsreichsten Bundesland: Nordrhein-Westfalen meldet 767.000 Arbeitslose. (mit dpa)