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Malerische Reisen durch Zeit und Raum

Der Freitaler Daniel Sagir zeigt im Krankenhaus seine Bilder. Darunter eine „Sixtinische Madonna“.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Thomas Morgenroth

Großes Glück kann so klein sein

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Freital. Die Madonna mit dem nackten Kind reiste in diesem Frühjahr durch die Straßen von Freital. Inkognito. Daniel Sagir trug sie unerkannt unter dem Arm, zeigte sie nur kurz einem neugierigen Passanten, um sie schließlich im ovalen Saal des Goldenen Löwen an die Wand zu hängen. Den ganzen März hatte Sagir an dem Ölbild gearbeitet, das eine deutlich kleinere Kopie des berühmten Gemäldes von Raffaelo Santi ist. Das mehr als 500 Jahre alte Original ist als zweieinhalb Meter hohe „Sixtinische Madonna“ die Hauptattraktion der Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau des Dresdner Zwingers.

„Das war eine echte Herausforderung“, sagt Daniel Sagir, der die Heilige samt ihrem Knaben namens Jesus einen temporären Umzug verordnet hat: In das Klinikum Freital. Nein, sie ist nicht krank, sie ist dort Teil einer großen Ausstellung, mit der Sagir einen Überblick über sein aktuelles Schaffen gibt, das zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit pendelt. Kopien sind dabei die Ausnahme, sie dienen dem 39-Jährigen als Übung für seine eigenen Motive.

Wobei sich Daniel Sagir gern von ihm verehrten Künstlern und berühmten Bildern anregen lässt, wie dem Farbholzschnitt „Die Große Welle von Kanagawa“ des Japaners Katsushika Hokusai, den er als Aquarell nachempfand, oder „Die Seerosen“ von Claude Monet, die Sagir auf Wohnzimmerformat verkleinerte. Auch Deutschlands teuerster Künstler Gerhard Richter gehört zu seinen Favoriten, Sagirs Hommage heißt „Abstrakte Momente“.

Kunst ist noch Hobby

Daniel Sagir ist Autodidakt, und die Kunst ist sein Hobby, das er aber gern zu seinem Beruf machen würde. Er versucht sich in vielen Techniken, vor allem aber dem Aquarell, mit dem er mittlerweile sehr gute Ergebnisse erzielt und im Duktus lockerer und freier wird. Etwa, wenn er einen Blumenstrauß wie einen Vulkan explodieren lässt, die raue Landschaft Islands und die Sehenswürdigkeiten von Sankt Petersburg zeigt oder vom Freitaler Stadtteil Weißig aus bis in die Sächsische Schweiz blickt. Es ist sein erstes Triptychon, ein dreigeteiltes Bild, das die Möglichkeit eines großen Panoramas eröffnet.

Die älteste Arbeit in der Ausstellung, ein Aquarell, das ein Wolfsrudel zeigt, stammt aus dem Jahre 1994. Damals lebte Daniel Sagir noch in Chandyga, einer kleinen Siedlung in Jakutien in Sibirien. Geboren ist er in Novorossijsk, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, wo er auch die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte. Aus beruflichen Gründen des Vaters, der Geologe ist, zog die Familie in den kalten Norden.

1998 schließlich kam Daniel Sagir mit seinem Vater und seinem Bruder nach Deutschland, wo seine Mutter bereits seit vier Jahren lebte. „Ich war neugierig und wollte die Welt entdecken“, begründet er den Umzug, der ihn zunächst nach Kauscha bei Bannewitz führte und ein Jahr darauf nach Freital. Er ist ein Spätaussiedler mit deutschen Vorfahren, aber auch griechischen, ukrainischen und russischen. Jetzt hat er zwei Staatsbürgerschaften: die deutsche und die russische, was ihm vor allem bei Reisen in seine alte Heimat nützt, weil er da kein Visum braucht.

Nach dem Abitur, das er auf dem Beruflichen Gymnasium „George Bähr“ in Dresden machte, leistete Daniel Sagir seinen Grundwehrdienst als Sanitäter an der Offiziersschule in Dresden. Von 2004 bis 2008 ließ er sich beim DRK in Dresden zum Physiotherapeuten ausbilden. Nebenher spielte er in der Spielbühne Freital Theater, gab den Bärenprinzen in „Schneeweißchen und Rosenrot“ und 2007 den Führer Chris in „Hass im Herzen“, einem Stück gegen rechte Gewalt, übrigens an der Seite von Eric Stehfest, dem heutigen Star der Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten.“

Viel herumgekommen

Der Ausflug auf die Bühne endete, als seine berufliche Karriere begann. Sie führte Daniel Sagir quer durch Deutschland und Österreich, er arbeitete in Praxen sowie in Spa- und Wellnessbereichen in Dresden, auf Rügen, in Kitzbühel in Tirol, drei Jahre lang in Berlin und zuletzt in Gorbitz. Zum Jahresbeginn kehrte er nach Freital-Potschappel zurück und wohnt jetzt bei seiner Mutter. Sein Vater lebt inzwischen wieder in Sibirien.

Nebenher widmete sich Daniel Sagir intensiv seiner Kunst, unternahm Studienreisen nach New York, Amsterdam, Prag, Wien oder nach Island. 2010 hatte er seine erste Ausstellung in der Buchhandlung Büchers Best in Dresden – und konnte bei seiner eigenen Premiere nicht dabei sein. „Ich musste nach Kitzbühel, ich war ja dort angestellt“, sagt Sagir, was ihn noch heute wurmt. Mittlerweile hat er seine Bilder auf mehreren Ausstellungen gezeigt, derzeit sind es sogar drei gleichzeitig: in der Sparkasse in Potschappel, im Krankenhaus und in der Gaststätte „Zum Goldenen Löwen.“

Daniel Sagir will jetzt nach Dresden ziehen, die Stadt, sagt er, sei für ihn wie ein Magnet: „Dort findet der künstlerische Austausch statt, nicht in Freital.“ Sein Ziel ist es, die Kunst zu seinem Beruf zu machen. Zunächst aber will er Häuser aus Holz bauen und die Fassaden bemalen, das jedenfalls verspricht er sich von seiner neuen Anstellung bei einer Handwerksfirma.

„Das fasziniert mich“, sagt Sagir, der davon träumt, später für sich ein Holzhaus am Meer zu bauen. Mit einem großen Atelier, in dem er die „Sixtinische Madonna“ auch in Originalgröße kopieren könnte. Wahrscheinlich aber malt er dann lieber seine eigenen Motive und unternimmt fantasievolle „Reisen durch Zeit und Raum“, wie er seine Ausstellung im Klinikum Freital genannt hat.

Ausstellung mit Bildern von Daniel Sagir, ergänzt um einige Arbeiten von Ruslan Fritzler, bis Ende Januar 2019 im Klinikum Freital, durchgehend geöffnet.