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Pirna

Ein Uhrmacher protokolliert den Krieg

Marcel Weise aus Pirna trug nicht nur sein Gewehr, sondern stets auch ein Notizbuch und eine Kamera über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs.

"Die Träume sind wieder wach." Die Sächsische Zeitung erzählt die Kriegserlebnisse des Pirnaer Uhrmachers Marcel Weise.
"Die Träume sind wieder wach." Die Sächsische Zeitung erzählt die Kriegserlebnisse des Pirnaer Uhrmachers Marcel Weise. © Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

"Noch lange nach dem Feldzug träumte ich vom Krieg. Doch das verlor sich. Jetzt, nach dem Schreiben, sind die Erinnerungen wieder wach, und die Träume auch." Diese Worte schreibt Marcel Weise, Uhrmachermeister in Pirna an der Elbe, im Winter 2000 auf ein kariertes Blatt Papier. Er hat in diesem Winter schon viele solche Seiten beschrieben, etwa 140 Stück. Sie sind das Protokoll seiner Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Marcel Weise hat den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht. Täglich notierte er die Geschehnisse. Manche fotografierte er sogar mit seinem stets griffbereiten Fotoapparat. Was ihn dabei antrieb, kann sein Sohn Gert bis heute nicht recht erklären. Es ging doch um die Existenz, sagt er, darum, nicht in die nächste Kugel zu laufen. Aber sein Vater schrieb. "Für mich wäre das Überleben wichtiger gewesen."

Ein Zeitungsreporter entdeckt die Goldgrube zwischen den Aktendeckeln

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Um ein Haar hätte es das Tagebuch gar nicht gegeben. Es gab nur die rohen Notizen, kaum entzifferbar für Nachgeborene. Erst mit 88 Jahren formte Marcel Weise aus den Stichworten, den Ortsnamen und Marschwegen eine Geschichte. Sie war vor allem für seine geliebten Enkel bestimmt. Doch eines Tages bekam Jörg Stock, Reporter der Sächsischen Zeitung, den dicken roten Ordner mit der Aufschrift "Kriegstagebuch" zu Gesicht. Was er zwischen den Aktendeckeln fand, elektrisierte ihn auf der Stelle. Mithilfe von Marcel Weises Familie - er selbst war 2008 gestorben - entstand die Artikelserie "Der Krieg aus dem Notizbuch". Sie zeichnet den Weg des Frontsoldaten Weise durch die Kriegswirren nach und ordnet seine Erlebnisse in die jeweilige militärische Lage ein. Es ist ein Bericht, der vieles auslässt, was in diesem barbarischen Krieg geschah. Aber auch einer, der manches erzählt, das in keinem Geschichtsbuch nachzulesen ist. 

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