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Marienkäfer als Mutmacher

Ein fünf Millimeter kleiner Tumor hat Carmen Klapproths Leben verändert. Zum Positiven. Ein Insekt gibt ihr besondere Kraft.

© Dietmar Thomas

Von Tina Soltysiak

Kriebstein/Kriebethal. Carmen Klapproth ist ein fröhlicher Mensch. Sie begeistert sich für Drachen, Harry Potter und andere Fantasy-Geschichten. Sie redet und lacht gern, scherzt mit ihrem Ehemann Jörg, wirft ihm verliebte Blicke zu. Gemeinsam sind sie in den vergangenen Monaten durch eine schwere Zeit gegangen. Denn die Kriebethalerin ist krank. Ihre Leiden sind ihr jedoch nicht anzusehen. Ein fünf Millimeter kleiner Knoten in der rechten Brust, langsam wachsend aber äußerst aggressiv, hat ihr Leben und das der Familie komplett auf den Kopf gestellt. Von einem Tag auf den anderen. Es traf die 52-Jährige völlig unvorbereitet.

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„Im September 2016 war ich bei meiner Frauenärztin zur Routine-Untersuchung. Sie hat beim Abtasten der Brüste nichts feststellen können“, sagt die gebürtige Thüringerin. Zwei Monate später war sie – wie alle Frauen ab 50 – zur Mammografie eingeladen. Diese Röntgenuntersuchung erlaubt eine genauere Diagnostik. „Ich wollte erst nicht hingehen. Schließlich war ja augenscheinlich alles in Ordnung“, erinnert sie sich. Doch sie nahm den Termin wahr. „Eine Woche später kam der Brief mit dem Ergebnis. Mein Mann hat ihn öffnen sollen. Schon als er ihn las, habe ich an seinem Gesicht gesehen, dass etwas nicht stimmt“, sagt die vierfache Mutter. Jörg Klapproth erinnert sich an den Moment: „Es war natürlich ein Schock. Es stand zwar noch nicht das Wort Krebs da. Aber es hieß, dass bei der Untersuchung Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden, denen man nachgehen muss.“ Sie kümmerten sich um einen Biopsie-Termin. Den bekamen sie sehr zügig. Ihr mulmiges Gefühl nahm zu. Die Gewebeprobe ergab einen östrogenabhängigen Brustkrebs. „Dieser ist nicht vererbbar. Ich muss schauen, dass ich meinen Östrogenspiegel niedrig halte. Milchprodukte und Käse in großen Mengen sind Tabu“, sagt Carmen Klapproth. Denn in der Milch steckt ein Hormoncocktail vieler verschiedener Kühe. „Der ist nicht gut für mich, könnte den Krebs wachsen lassen“, erklärt sie.

Den Jahreswechsel verbrachte sie im Krankenhaus. „Am 30. Dezember wurde ich operiert. Dabei wurden auch großflächig gesundes Gewebe und zwei Lymphknoten entfernt. Der Krebs hat nicht gestreut.“ Sie habe vor dem Eingriff große Angst gehabt. „Nicht nur vor der OP, sondern auch davor, meine Brust zu verlieren. Mich nicht mehr weiblich zu fühlen“, sagt sie.

Zwei Tage zuvor saß sie Zuhause in Kriebethal in der Badewanne. „Ich habe bitterlich geweint und Gott um ein Zeichen angefleht. Da krabbelte mir plötzlich etwas übers Bein“, sagt Carmen Klapproth. Sie dachte zunächst an eine Spinne. Doch es war ein Marienkäfer. Mitten im Winter. „Er krabbelte über meine Hände. Und da wusste ich: Das ist das Zeichen.“

Mit dieser Szene beginnt auch das Buch, das sie unter dem Pseudonym Marie Ladybug geschrieben hat. Es trägt den Titel „Flieg Motschekiebchen, flieg! Wenn Gott die Angst nimmt und Zuversicht gibt“. Der Marienkäfer ist ihr ganz persönlicher Mutmacher. Ihr Gotteszeichen dafür, dass sie mit der Krebstherapie den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Die OP verlief gut. Doch die Angst blieb. Und die Frage nach dem Warum? „Man forscht nach Ursachen. Ich trinke nicht, rauche nicht, esse kein Fleisch.“ Sie habe sich mit verschiedenen Allgemein- und Naturmedizinern und Heilpraktikern unterhalten. „Sie sind sich einig: Die meisten Brustkrebsknoten sind Seelenknoten. Wenn die Seele krank ist, arbeitet der Körper nicht richtig. Dadurch sind die Zellen angreifbar“, sagt sie. Bevor sie 2008 in ihrem Mann Jörg das große Glück fand, durchlebte sie viele Qualen, die ihre Seele belasteten: „Meine Eltern haben oft ihren Frust nicht verbergen können.“ Ihr Vater war Alkoholiker. „Ich heiratete sehr früh, mit 19, wurde geschieden, zog nach der Wende in den Westen. Dort heiratete ich erneut. Nach 16 Jahren Ehe mit einem Alkoholiker reichte ich die Scheidung ein.“ Sie hatte inzwischen Jörg Klapproth im Internet kennen und lieben gelernt, zog zu ihm nach Kriebethal.

„Ich wähnte mich im absoluten Glück. Dann kam diese Diagnose“, sagt sie. An die Operation schloss sich die Bestrahlung an. „Vor der hatte ich eine Höllenangst.“ Sechs Wochen lang jeweils von montags bis freitags musste sie nach Chemnitz fahren. „Beim ersten Mal überholte mein Mann auf der Autobahn eine Lkw-Kolonne. Auf einem Hänger war ein großer Marienkäfer abgebildet. Da war es wieder, das Zeichen.“ Diese Zeit war nicht nur eine Belastung für Körper und Geist, sondern auch die Nasen aller Familienmitglieder. „Ich hatte mich mit einem Naturmediziner unterhalten, wie ich die Gifte so schnell wie möglich aus dem Körper bekomme. Er empfahl mir, ein halbes Jahr lang dreimal täglich einen gekochten Sud aus Knoblauch und Zitrone zu trinken. Das war eine Überwindung, hat sich aber tatsächlich positiv auf meine Leberwerte ausgewirkt“, erzählt sie.

In ihrem Buch beschreibt Klapproth die Zeit in der Reha-Klinik, die für sie furchtbar war. Doch auch dort begegnete ihr in ihren seelisch dunkelsten Stunden zwei Mal ein Marienkäfer: als Steinplatte vor einer Kirche und als Kerze. Mitleid möchte sie nicht. Das sei das Schlimmste. „Ein normaler Umgang ist wichtig. Der richtige Zeitpunkt, einen Kranken nach seinem Krebs zu fragen, ist, wenn er selbst anfängt, darüber zu reden“, lautet ihr Tipp. Mit dem Erstlingswerk möchte sie anderen Betroffenen Mut machen. „Ich sehe die Krankheit nicht mehr als Feind, sondern als Chance zu leben und etwas verändert zu haben.“

Buch: Marie Ladybug „Flieg Motschekiebchen, flieg!“, ISBN 978-3-941394-67-4, Osiris-Verlag Leipzig, 400 Seiten, 17,80 Euro. Auflage: 100 Stück