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Marokkos größter Schatz

Die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens wenden sich wieder der Solarenergie zu.

© picture alliance/AP Images

Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent in Tunis

Die Arabische Welt ist reich gesegnet – mit Öl und Gas, aber auch mit Sonne und Wind. Dennoch tat sich bei den erneuerbaren Energien bisher wenig. Die Stromerzeugung der Region basiert nach einem Überblick der „International Renewable Energy Agency“ (Irena) zu 94 Prozent auf fossilen Brennstoffen, deutlich mehr als in jedem anderen Teil der Welt. Magere 1,3 Prozent stammen aus erneuerbaren Energien, weitere 4,7 Prozent aus Wasserkraft – gewonnen durch Staudämme an den großen transnationalen Flüssen der Gegend.

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In den Schubladen verschwunden sind die hochfliegenden Pläne von Desertec, als Europa davon träumte, sich eines Tages zu 15 bis 20 Prozent aus dem nordafrikanischen Sonnengürtel versorgen zu lassen. Die Euphorie ist verdunstet – durch den Arabischen Frühling und was auf ihn folgte. Der politische und wirtschaftliche Niedergang des Nahen Ostens ließ westliche Energieriesen, Technikgiganten und Banken aus dem ökologischen Utopieprojekt wieder aussteigen.

Jetzt kommt wieder Bewegung in das Thema. In wichtigen arabischen Ländern hat längst ein massives Umdenken bei der Energieversorgung eingesetzt, was vor allem im Solarsektor einen regelrechten Boom auslöste. Der Ölpreis sinkt, die Klimaängste wachsen, während die Ökotechnik immer ausgereifter und wirtschaftlicher wird. Als regionaler Vorreiter galt bisher Marokko, doch inzwischen holen Ägypten und die ölreichen Golfstaaten mit Riesenschritten auf.

Geschäfte mit der Hitze

Früher als alle anderen suchte das nordafrikanische Königreich nach Wegen, um aus der unwirtlichen Hitze seiner Wüsten ein Geschäft zu machen. Das Solarkraftwerk Ouarzazate im Süden Marokkos ging mit seiner ersten Stufe Noor I bereits im Jahr 2016 in Betrieb und könnte demnächst neben Solar Star in Kalifornien und dem indischen Tamil Nadu zu den größten Anlagen der Welt gehören. Zusammen mit Noor II und Noor III, die derzeit gebaut werden, produziert sie 580 Megawatt. Insgesamt möchte Marokko fünf solcher Sonnenkraftwerke errichten mit einer Gesamtkapazität von 2 000 Megawatt. In Kombination mit einem halben Dutzend Windparks und 200 geplanten Staudämmen will das nordafrikanische Land bis 2030 mehr als die Hälfte seines 20 000-Megawatt-Strombedarfs aus alternativen Energien bestreiten.

Ebenfalls hoch hinaus wollen superreiche Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate. Mitte 2017 wurde in Sweihan, 100 Kilometer östlich von Abu Dhabi, der Grundstein gelegt für einen 1 200 Megawatt-Komplex, den ein chinesisch-japanisches Konsortium baut und der im März 2019 ans Netz gehen soll.

Den neuen Weltrekord im Solarwettlauf jedoch steuert Ägypten an, die bevölkerungsreichste arabische Nation. Denn der Druck steigt, die Zahl der Einwohner am Nil wächst Jahr für Jahr um mehr als zwei Millionen. Seit dem Arabischen Frühling 2011 sind 15 Millionen Ägypter dazugekommen. Sie alle brauchen Häuser, Strom für ihre Wohnungen, Fabriken zum Arbeiten – und Klimaanlagen in den brütend-heißen Sommern. Und so entsteht im oberägyptischen Benban bei Assuan derzeit das größte Solarkraftwerk der Welt. 41 Einheiten sind geplant, die 1 800 Megawatt produzieren – genauso viel wie der weltberühmte Nasser-Staudamm am anderen Ende von Assuan und dreimal soviel wie die derzeitigen Solarrekordhalter in Kalifornien, Indien und Marokko.

Finanziert werden die 3,5 Milliarden Dollar durch eine Weltbank-Tochter, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sowie neun private Geldinstitute. Mit dabei unter den 13 Baufirmen ist auch der deutsche Spezialist ib vogt, der vier Module mit einer Kapazität von 230 Megawatt beisteuert. „Die Sonne ist Ägyptens beste Ressource“, weiß Ökoexperte Hani el-Nokrashy, der aus Ägypten stammt und seit Jahrzehnten in Deutschland als Ingenieur arbeitet. „Dieser bisher vernachlässigte Schatz muss endlich genutzt werden.“

Doch nicht nur Ägyptens Volkswirtschaft, auch die Bevölkerung vor Ort profitiert von dem neuen Solarboom. Mehr als 10 000 Menschen arbeiten derzeit auf der Mega-Baustelle. 4 000 sind nötig, um den gigantischen Energiepark künftig zu betreiben und zu warten. Einer von ihnen ist der Ingenieur Mohamed Emara, Vater zweier Kinder, der vom ersten Tag an mit dabei war. „Viele Arbeiter hier hatten noch nie in ihrem Leben eine feste Beschäftigung und mussten sich als Tagelöhner durchs Leben schlagen“, sagt er. „Jetzt aber werden sie geschult und lernen Fertigkeiten, mit denen sie später auch auf anderen Baustellen Arbeit finden können.“