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Feuilleton

Linksabbieger mit Biss

Der Kabarettist Martin Buchholz hilft in seinem neuen Buch der deutschen Verfassung beim Humpeln.

Martin Buchholz nahm Abschied von der Bühne und bleibt doch ein zeitkritischer Analyst.
Martin Buchholz nahm Abschied von der Bühne und bleibt doch ein zeitkritischer Analyst. © PR

Von Rainer Kasselt

Er kann es nicht lassen. 77 und kein bisschen leise. Martin Buchholz, Berliner Satiriker der Extraklasse, knöpft sich die deutsche Verfassung vor. Höchste Zeit, meint er, sie wieder unter die Lupe zu nehmen. Ständig zerren Parteien und Politiker an ihr herum, verändern und verwerfen sie. Die Verfassung, 1949 mühsam auf den westdeutschen Weg gebracht, ringt sichtlich um Fassung. Buchholz greift ihr unter die Arme, stützt sie beim Humpeln, als Pfleger mit der Narrenkappe. Und legt eine wesentlich aktualisierte und erweiterte Ausgabe seines Klassikers „Alles in bester Verfassung“ von 1989 vor. Sauber recherchiert, pointiert formuliert, philosophisch grundiert.

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Nicht mal der Name der Siebzigjährigen stimmt. Die Deutschen haben genau genommen keine Verfassung, nur das Grundgesetz. Obwohl Artikel 146 festschrieb: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt.“ Die vier Mütter und 63 Väter des Grundgesetzes entschieden sich für das Provisorium, weil sie auf die Wiedervereinigung hofften und auf eine gemeinsame Verfassung aller Deutschen. Doch auch 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich nichts getan. Eine grundlegende Neuerung, notiert der Autor, gab es immerhin im Grundgesetz: Der Artikel 146 wurde ersatzlos gestrichen.

In der Dichter-Datsche

Martin Buchholz, der Wessi vom Wedding, sieht sich als Wanderer und Wunderer zwischen Ost und West. Zum Schreiben zieht er sich in seine erzgebirgische „Dichter-Datsche“ zurück und rührt an den Schlaf des vereinten deutschen Michel. „Beim deutschen Wesen muss man immer mit dem Ungewissen rechnen, seltener mit dem Gewissen.“ Dunkel-Deutschland liege keineswegs nur im Osten, erkennt Buchholz. „Die Hirnfinsternis ist weit verbreitet.“ Er prüft viel gebrauchte Begriffe der „deutschen Leitkultur“ wie Vaterland, Stolz, Demokratie, Heimat oder Familie auf ihre Haltbarkeit, benennt deren Missbrauch. Menschenwürde werde immer häufiger zur Mangelware. „Alle Menschen sind vor dem Grundgesetz gleich“, heißt es in Artikel 3. Buchholz ergänzt: „Alle Menschen“, steht da, „nicht etwa alle Deutschen“, auch wenn es Rechtsausleger gern anders lesen, wenn „so manches Kreuz des Wählers auf einmal einen Haken hat“.

Buchholz spürt schleichenden Veränderungen bei der Auslegung der Gesetze nach. So bei Asylrecht, Wehrpflicht, Polizeigewalt oder der Meinungsfreiheit, die immer „mehr zur faktenfreien Gefühlsfreiheit“ mutiert. Vor seinem beißenden Spott ist niemand gefeit. Kein Politiker, kein Banker, kein Beamter, auch nicht die angeblich „kleinen Leute“. Nur wenn sie unten stillhalten, haben die Herrschenden oben leichtes Spiel. Buchholz, brillanter Jongleur der Sprache, geht den Wörtern auf den Grund. So bekommt zum Beispiel der Begriff Volksvertreter einen doppelten Sinn. „Vertreter sind bekanntlich Leute, die etwas verkaufen wollen.“

Mut zum Anecken

Der gelernte Redakteur, der für Spiegel, Stern, Pardon und Konkret arbeitete, wechselte 1982 auf die Kabarettbretter und blieb seiner politischen Linie treu. Kritische Feder da wie dort, Mut zum Anecken, Bekenntnis zur Zivilcourage. Er rückt die Dinge ins rechte Licht und lässt es links hell blinken. Im vorigen Jahr, nach 26 (!) Tourneeprogrammen nahm er Abschied von der Bühne – und schreibt fleißig weiter. Bei allem, was er gegen das Grundgesetz vorbringt, hält er es doch in weiten Teilen für schützenswert. „Höchste Zeit, dass wir alle den Verfassungsschutz übernehmen.“

Martin Buchholz: Die Siebzigjährige, die man zum Fenster hinauswarf und die einfach nicht verschwand. Wostok-Verlag, 144 Seiten, 15 Euro