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„Matthias Sammer zu fragen, wäre eine Idee“

Sachsens Fußball-Präsident Hermann Winkler hat den DFB kritisiert. Im Gespräch mit der SZ sagt er, was er ändern will.

© dpa

Von Sven Geisler

Nach dem kläglichen Scheitern der Nationalelf bei der WM in Russland rumort es an der Fußball-Basis im Land. Hermann Winkler, Präsident des sächsischen Landesverbandes, hat in der am Dienstagabend ausgestrahlten ARD-Sendung FAKT die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw angeprangert und an den DFB appelliert, stärker auf die Belange der Amateure zu achten. Im Gespräch mit der SZ erläutert der 55 Jahre alte CDU-Politiker seine Kritik.

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Herr Winkler, wie bewerten Sie den Auftritt der Nationalelf in Russland?

Man kann im Sport verlieren, das gehört dazu. Entscheidend sind das Wie und die Begleitumstände. Und die empfinde ich als ein mittleres Desaster.

Welche Begleitumstände meinen Sie?

Das war die Spielweise einer satten, überheblichen Mannschaft, geärgert habe ich mich aber auch über den provokanten Jubel der beiden Funktionäre nach dem Sieg gegen Schweden. Wir haben kein gutes Bild abgegeben. Die Analyse im Nachhinein denjenigen zu überlassen, die das mitzuverantworten haben, halte ich für falsch.

In der ARD-Sendung kritisieren Sie, dass der Vertrag mit Löw vorzeitig verlängert wurde. Warum?

Normalerweise zählt erst Leistung, dann Vertrag, dann ordentliche Entlohnung. Der Vertrag war bis 2020 gültig. Deshalb hat mich diese vorzeitige Verlängerung überrascht, übrigens genauso wie die Tatsache, dass das Präsidium danach sofort einstimmig gesagt hat: Er bleibt im Amt. Das passt nicht zur Stimmung in den sächsischen Vereinen über die Nationalmannschaft.

Hätte sich der DFB nach der WM
vom Bundestrainer trennen müssen?

Das will ich offenlassen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass wir erst diskutieren und dann entscheiden, auch, damit unsere Meinung mit einfließen kann. Das habe ich Reinhard Grindel in einem Telefongespräch gesagt, und darüber werden wir am Donnerstag in Frankfurt bei der Konferenz der Landespräsidenten diskutieren.

Kann es sein, dass sich DFB-Präsident Grindel durch die Vertragsverlängerung so unter Druck gesetzt hat, dass er jetzt nicht anders entscheiden konnte?

Es wäre schade, wenn er sich in dieser Frage selber unter Druck setzen würde, denn ansonsten arbeiten wir sehr gut mit ihm zusammen. Er ist ein Präsident der Basisvereine, so viel, wie er vor Ort ist, war kein anderer unterwegs. Ich erinnere an seinen Besuch in Großröhrsdorf vor Kurzem.

Sie kritisieren in der Sendung auch den Zeitpunkt, an dem die Analyse vorgestellt werden soll: zum Bundesliga-Auftakt am 24. August. Wieso?

Das ist doch so, als ob ich all meine Freunde zur Grillparty einlade, wohlwissend, dass sie im Urlaub sind. Da fühle ich mich wirklich veralbert. Wir müssten für eine Analyse externe Experten einbeziehen, Matthias Sammer zu fragen, wäre eine Idee. Wir brauchen einen Neustart, müssen uns um den Nachwuchs und den Amateursport kümmern.

Es hieß jahrelang, die deutsche Nachwuchsarbeit sei beispielhaft. Oder haben wir doch den Zug der Zeit verpasst?

Ja, das könnte sein. Aber, da bin ich ehrlich, das kann ich nicht umfassend einschätzen. Ich höre es jedoch von anderen, dass wir nicht mehr in der Spitze sind und uns in fünf, sechs Jahren umgucken werden. Wenn wir solche Signale hören, sollten wir reagieren.

Wieso spielt seit Michael Ballack
kein Sachse mehr in der Auswahl?

Es besteht immer noch die Gefahr, dass uns die besten Talente weggeholt werden, weil – mit Ausnahme von RB Leipzig – in der Bundesliga die großen westdeutschen Vereine dominieren. Das ist aber ein gesamtwirtschaftliches, gesamtgesellschaftliches Problem. Dass wir im Osten eine geringere Finanzkraft haben, wirkt auch im Sport.

Es ist aber auch kein abgewandertes Talent dabei gewesen. Wird in Sachsen nicht gut genug ausgebildet?

Für diese Kritik bin ich offen. Auch das muss auf den Prüfstand, klar.

Was muss Ihrer Meinung nach für einen Neustart passieren außer der fachlichen Analyse?

Wir sollten ein Signal setzen, dieses Abgeschottetsein der Nationalmannschaft muss aufhören. Wir müssen den Fans mit Aktionen für Kinder und Jugendliche bei Länderspielen und öffentlichem Training zeigen: Das ist unsere Mannschaft. Zudem möchte ich eine Offenlegung aller Vertragsbeziehungen beim DFB. Es kann nicht sein, dass einer wie Oliver Bierhoff, der hauptamtlich vom DFB bezahlt wird, nebenher Beraterverträge und alles Mögliche hat, was ablenkt. Das muss geändert werden.

Bierhoff steht auch in der Kritik, weil er Mesut Özil nachträglich als Sündenbock hingestellt hat …

Ich will ihn da nicht rausnehmen, aber so eine Aussage kann jedem passieren. Der Vorwurf mit den Verträgen ist für mich schwerwiegender. Entweder er kann das entkräften oder muss aufhören. Das will ich nicht mitmachen.

Wie bewerten Sie den Umgang des DFB mit dem Fall Özil/Gündogan?

Der DFB hat die Stimmung im Volk und in den Vereinen total unterschätzt, was das Foto von Özil und Gündogan mit Erdogan betrifft. Deshalb steckt die Karre so tief im Dreck, dass es schwierig wird, sie wieder rauszubekommen. Aber wenn sich Özil jetzt nicht endlich mal erklärt, sollte er in Zukunft nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Punkt.