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MdB Martin Schulz, Würselen

Der SPD-Politiker erlebt im Bundestag einen seltsamen Tag. Als „einfacher“ Abgeordneter sieht er der Merkel-Wahl zu, die er selbst erst ermöglicht hat.

© dpa

Von Georg Ismar, Berlin

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Martin Schulz kann wieder lachen, als er im Bundestag Angela Merkel trifft. Er war zuletzt wegen einer verschleppten Grippe krankgeschrieben. Für den SPD-Politiker ist dieser 14. März ein seltsamer Tag.

Als er um 09.24 Uhr bei der Kanzlerwahl zur Stimmabgabe aufgerufen wird, läuft er Merkel über den Weg. 24 Stunden am Stück haben sie am Ende der Koalitionsverhandlungen gerungen – der damalige SPD-Chef trotzte der CDU-Chefin sechs Ministerien ab. Schulz war kurz der designierte Außenminister, gemeinsam wollten sie die kriselnde EU reformieren.

Sie scherzen zusammen, winken Bekannten auf der Zuschauertribüne zu. Schulz legt den Arm auf Merkels Schulter; er hatte zuvor gesagt, dass er sie zur Bundeskanzlerin mitwählen will. Sie ist ihm sehr dankbar für seinen Einsatz für diese Große Koalition, die ihre Macht nochmal sichert, während Schulz nur noch in der dritten statt der ersten SPD-Reihe im Bundestag sitzt.

Schulz‘ Wiederkehr in die Politik beginnt um 8.43 Uhr, er kommt etwas zu spät zum Zählappell der SPD-Fraktion. „Morgen, Jungs“, begrüßt er ihm bekannte Gesichter. Es gibt einige Schulterklopfer. Schulz hat in Würselen zuletzt viel Zeit gehabt, um über Ehrlichkeit in der Politik nachzudenken, über Intrigen, eigene Fehler und Fehleinschätzungen.

Als feststeht, dass Merkel es noch mal geschafft hat, klatscht auch Schulz – aber sie hat nur 364 der 399 Stimmen von Union und SPD bekommen. Bei der SPD vermuten sie dabei viele Abweichler vor allem bei Merkels eigener Union, wo einige sie am liebsten abgelöst sähen.

Er stellt sich bei den Gratulanten hinter Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und FDP-Chef Christian Lindner an. Hätten sie das Jamaika-Bündnis mit Merkel hinbekommen, wäre Schulz vielleicht noch SPD-Vorsitzender. Jetzt ist er nur noch einfach Abgeordneter, eines von 709 Mitgliedern des Bundestags.

Er will an diesem Tag öffentlich schweigen. Im Plenum redet er lange mit dem Fraktionskollegen Matthias Miersch, der gern Umweltminister geworden wäre. Das ist nun Svenja Schulze aus Nordrhein-Westfalen, die statt Schulz für den größten SPD-Landesverband im Kabinett einrückt. Schulze statt Schulz. Das ist zwar nur ein Buchstabe Unterschied, doch die Geschichte dahinter ist großes Polit-Drama.

Der 62-Jährige hat wie ein Architekt die Planungs- und Bauphase des fragilen Koalitionsgebäudes für die SPD-Seite gesteuert. Als das Haus stand, durfte er aber nicht mit einziehen. Schulz wurde mit 100 Prozent zum SPD-Chef gewählt. Dann reihten sich Pleiten, Pech und Pannen aneinander. Er bescherte der SPD als Kanzlerkandidat mit 20,5 Prozent das schlechteste Bundestagswahlergebnis überhaupt. Schulz wollte die SPD danach in die Opposition führen und versprach, niemals Minister unter Merkel zu werden. Jamaika scheiterte, Schulz und die SPD legten eine 180-Grad-Wende hin. Um Dampf aus dem Kessel bei der SPD zu lassen, gab er den Vorsitz ab. Andrea Nahles soll im April gewählt werden. Aber er wollte Außenminister werden. Wegen des gebrochenen Wortes rebellierte die Basis.

Früher nutzte Schulz oft den Nachrichtendienst Twitter. Die letzte Botschaft ist schon einen Monat alt. „Wenn ich mit meinem Rücktritt zur Erneuerung der SPD beitrage, hat er sich gelohnt“, steht dort geschrieben. „Ich blicke zurück auf ein Jahr voll Höhen und Tiefen.“ (dpa)