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Mehr als Effekte

Angehende Mediziner erkunden Muskeln, Sehnen und Organe an präparierten Leichen und staunen über die Gestaltung der Schau „Real Bodies“.

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© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Es hätte auch ein dickes Buch sein können. Aufgeschlagen auf dem Schreibtisch der Uni-Bibliothek. Oder zu Hause in der WG. Doch an diesem Morgen haben Anne und Paul ihre Lektüre gegen ein anderes Lernumfeld getauscht. Punkt zehn Uhr stehen sie vor Sarrasanis Zirkuszelt am Wiener Platz. Darin wird derzeit weder jongliert noch dressiert, serviert oder diniert. Die beiden Medizinstudenten erwartet eine Schau, die sanften Gemütern den Appetit eher verdirbt und nur zweitrangig unterhaltsam ist: Real Bodies heißt die Ausstellung, die noch bis ende Juli menschliche Präparate zeigt.

Im dritten Studienjahr hat man schon eine Menge gesehen. Ab dem zweiten Semester stand das Präparieren auf Annes Stundenplan. Paul begann damit sogar schon im ersten. Damals studierte er noch in Gießen. Inzwischen ist er an die TU Dresden gewechselt – weil die Universität besser und die Stadt schöner sei, sagt er. „Wir wurden damals ganz sanft auf die Arbeit vorbereitet“, erzählt der 22-Jährige. Nicht von Anfang an habe man die Studierenden mit ganzen Leichen konfrontiert. „Sie wurde mit einem Tuch bedeckt und nur die Stellen gezeigt, die präpariert werden sollten.“ Wahrscheinlich deshalb sei auch kein einziger Kommilitone umgekippt.

„Mit uns wurde nicht so vorsichtig umgegangen. Tuch weg und los“, sagt Anne und lacht. Wie die jungen Leute mit der Situation im Seziersaal umgehen, ist extrem unterschiedlich. Doch einen Medizinstudienplatz überhaupt zu erringen, sei so schwierig, dass Leichen niemanden aufhalten, der es bis zur Immatrikulation gebracht hat. Angst vorm ersten Mal jedoch treibt einige Mitstudenten um, daran kann sich Anne erinnern.

„Recht schnell nimmt man dann nur noch den Teil des Körpers wahr, an dem man gerade arbeitet“, sagt Paul. Menschen haben sich zu Lebzeiten und im vollen Bewusstsein für die Ausbildung junger Mediziner zur Verfügung gestellt. Jedes Jahr organisieren sie eine Trauerfeier für die Verstorbenen, die, nachdem angehende Ärzte an ihnen lernen durften, beigesetzt werden. Trotz Respekt und Würde erscheint es Unkundigen oft makaber, wie sich Mediziner und solche, die es werden wollen, über Fachfragen austauschen.

„Wir hatten einen Herzschrittmacher“, sagt Anne. „Und wir ein amputiertes Knie“, sagt Paul. „Cool“, sagt Anne. Gelegentlich zeigen sich die Studienkollegen ihre Entdeckungen im „Präpkurs“: „Hey guck mal, ich habe hier einen total tollen Dickdarm!“ Schließlich freut man sich, wenn nach tagelangem Fettschicht-Entfernen endlich ein Muskel, eine Arterie, ein Nerv oder ein Organ zum Vorschein kommt. Zwei Semester lang präparieren die Studenten nach verschiedenen Aufgabenstellungen „ihre Leichen“. Die wird mit Formaldehyd konserviert und hält bei guter Pflege auch länger als ein Jahr.

Die Präparate, die Anne und Paul in der Ausstellung „Real Bodies“ sehen, sind für die Ewigkeit plastiniert. Das Verfahren hat einst der Arzt Gunther von Hagens entwickelt. Die Plastinate, vor denen die beiden Studenten nun stehen, sind von italienischen Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit der Universität Padua angefertigt worden. Und sie sind so anders als alle Anschauungsmaterialien, die Anne und Paul aus der Uni kennen. Das hat sie hergelockt: Die Erwartung ganz neuer Perspektiven.

„Wow, schau mal, der Musculus Iliopsoas!“, ruft Anne und zeigt auf eine Stelle im unteren Bauchraum eines der Ganzkörperplastinate. Auf den Bildern in ihrem Anatomie-Atlas könne sie ihn nie so gut erkennen wie hier. Am meisten jedoch fasziniert die Studenten der menschliche Körper in Scheiben. Die Darstellung entspricht den Schnittbildern, die Experten per Computertomografie erzeugen und auswerten können. „Die Milz ist viel zu groß“, sagt Paul. Ob das der Grund dafür gewesen sein wird, dass dieser Mensch nun in untypischer Beschaffenheit in einer Schau hängt?

An Krankheiten oder eines natürlichen Todes gestorben sind die Menschen, die „Real Bodies“ zeigt – das erfahren die Besucher vor Ort. Anne und Paul fallen die asiatischen Gesichtszüge und die zarte Statur auf. Die meisten stammen aus China. Die italienischen Wissenschaftler arbeiten mit einer großen chinesischen Universität zusammen. Ob die Spender eine Ahnung hatten, wie sie post mortem präsentiert werden? Paul zweifelt. Körper in sportlichen Positionen findet jedenfalls auch Anne befremdlich. Wären die angespannten Muskelgruppen markiert, dann sähe sie darin eher einen Sinn.

„So etwas hätten wir für die Vorbereitung unseres Physikums gebraucht“, sagt die 22-Jährige, als sie vor Tablets steht, an denen sich der menschliche Körper in grafischen Darstellungen bis ins kleinste Detail erkunden lässt. Die didaktische und wissenschaftliche Aufbereitung der Schau haben die Medizinstudenten so nicht erwartet und sind begeistert. „Wir dachten, es gehe mehr um Effekte. Aber man kann viel lernen.“

Real Bodies, Trocadero Sarrasani, Wiener Platz, noch bis zum 31. Juli, geöffnet So. bis Do., 10–18 Uhr, Do. bis Sa., 10–22 Uhr www.real-bodies-dresden.de