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„Mehr Angler als Fische“

Von wegen Nischensport: Mehr als 40 000 Angler gibt es in Sachsen. Die SZ hat einen von ihnen begleitet.

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© Sebastian Schultz

Von Dörthe Gromes

Wülknitz. Es ist ein lauschiger Spätsommerabend. Schwalben segeln durch die Luft, vom nahen Feld dröhnt ein Mähdrescher. Das dunkle Wasser des Floßkanals steht still, Libellen sausen am Ufer entlang. Mit einem Senkblei an der Angel prüft Hans Jürgen Wermann die Wassertiefe, stellt die Länge zwischen Haken und Schwimmer ein. Danach befestigt er ein Maiskorn am Haken. Zwei Angelruten wirft er aus, dann lässt er sich auf einem Klappstühlchen nieder.

Vor dem Angeln kommt die Bürokratie: Eintrag ins Fangbuch.
Vor dem Angeln kommt die Bürokratie: Eintrag ins Fangbuch. © Sebastian Schultz
Ein kleines Rotauge wirft Wermann nach dem Fang zurück ins Wasser.
Ein kleines Rotauge wirft Wermann nach dem Fang zurück ins Wasser. © Sebastian Schultz
Dentrobena-Würmer werden neben anderem als Köder verwendet.
Dentrobena-Würmer werden neben anderem als Köder verwendet. © Sebastian Schultz

Das Klischee vom wortkargen Fischer erfüllt der Tischlermeister aus Lichtensee nicht. Der 64-Jährige erzählt gern von seinem Hobby, das er seit Jugendtagen betreibt. „Angeln bedeutet für mich Naturerfahrung. Dabei denke ich nicht mehr an die Arbeit, dann geht es nur darum, den Fisch zu überlisten.“ Wann immer er es einrichten kann, packt der Lichtenseer Angelruten, Kescher und Köder in seinen Kleinlaster und fährt zum Fischen.

Meistens geht es an den Grödel-Elsterwerdaer Floßkanal. Ein schmaler, unbefestigter Weg führt am Ufer entlang, an einigen Stellen ist das Schilfdickicht geschnitten. „Die Angelstellen haben wir im Frühjahr freigehauen“, erzählt Wermann. „Etliche sind schon wieder zugewachsen.“ Wenn der Angler vom Wir spricht, meint er sich und andere Mitglieder vom Angelverein Röderaue. Der Verein ist einer von insgesamt 620, die im Landesverband Sächsischer Angler organisiert sind. Der wiederum vereint im Freistaat 40 500 Angelsportler. Die Mitglieder des Röderauer Vereins betreuen verschiedene Abschnitte am Floßkanal, befreien das Gewässer von Müll und Pflanzen. Im Herbst setzen sie gezielt Jungfische ein. „Schließlich gibt es hier mehr Angler als Fische“, meint Hans Jürgen Wermann augenzwinkernd.

So naturnah das Angeln ist: Ohne Regeln und Papierkram geht es nicht ab. Noch bevor der Haken im Wasser verschwindet, müssen Datum und Gewässernummer in ein Fangbuch eingetragen werden. Sollte etwas anbeißen, müssen Zahl und Art der gefangenen Fische protokolliert werden. „Ohne Fangbuch und Angelschein darf niemand seine Rute ins Wasser halten, sonst gilt es als Wilderei, und das ist strafbar“, sagt Hans Jürgen Wermann.

Schlag auf den Kopf, Stich ins Herz

Während des Gesprächs behält der 64-Jährige seine beiden Schwimmer im Wasser ständig im Auge, reagiert auf das kleinste Zucken. Nach kurzer Zeit ruckt einer. Wermann holt die Angel ein. Ein kleines Rotauge zappelt. Der Angler befreit es vom Haken und lässt es zurück ins Wasser gleiten: „Wenn man den Fisch nicht verwerten will, muss man ihn sofort zurücksetzen.“ Will man ihn dagegen essen, tötet der Angler den Fisch mittels Kopfschlag und einem Messerstich ins Herz.

Was bei einem Angelausflug herauskommt, lässt sich kaum vorhersagen. Hans Jürgen Wermann hat sich schon ganze Nächte um die Ohren geschlagen, aber die Ausbeute war mager. „Wenn einem das Anglerglück nicht hold ist, bringt auch eine noch so teure Ausrüstung nichts“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Aber auch das Gegenteil passiert mitunter: „Dieses Jahr haben mein Sohn und ich an der Ostsee an einem Tag 200 Heringe gefangen“, erzählt Wermann, der das Angler-Gen auch an seinen mittlerweile erwachsenen Sohn Marco weitergegeben hat. „Wir wollten eigentlich drei Tage angeln, aber unsere Behälter waren nach einem Tag schon voll. Da sind wir eben früher zurück gefahren.“ Ein 90-Zentimeter-Hecht und ein Ein-Kilo-Aal sind weitere Höhepunkte aus dem Anglerleben des Lichtenseers. „Aber solches Glück hat man nicht in jedem Jahr.“

Nach seinem Lieblingsfisch gefragt, meint er: „Zander ist schon was Feines, aber auch Wels und Hecht sind nicht zu verachten.“ Neben dem Floßkanal fischen Wermann und Sohn auch gern an der Elbe. „Dort ist die Strömung stark und man sitzt nicht so ruhig herum wie hier“, erzählt er. „Da sieht man dann, weshalb Angeln als Sport gilt.“ Beim Blick auf das träge Wasser, die umhereilenden Schwalben und sausenden Libellen überkommt einen bald eine angenehme, innere Ruhe. Vielleicht ist das das wahre Anglerglück.