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Mehr Cannabissüchtige

Experten warnen davor, die Droge zu unterschätzen. Der neuerliche Anstieg im Landkreis Meißen hat einen sehr speziellen Grund.

© Symbolbild/dpa

Von Ulrike Keller

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Landkreis Meißen. Löcher im Gedächtnis, null Bock auf irgendwas, krasser Leistungsabfall in der Schule, kein Mitdenken mehr im Hier und Jetzt. Das sind markante Anzeichen für intensives Kiffen. Und für den Einstieg in eine Abwärtsspirale, mit der starker Cannabiskonsum meist verbunden ist.

„Inzwischen sind die Eltern, die Lehrer, die Ärzte wacher und wissender und machen Druck, dass sich der betroffene Jugendliche Hilfe holen muss“, sagt Mandy Forst von der Diakonie-Suchtberatungs- und Behandlungsstelle (SBB) Meißen. Keiner komme freiwillig. Die SBB-Leiterin verbucht einen drastischen Anstieg an Cannabisabhängigen im Einzugsgebiet zwischen Radebeul und Nossen, dem früheren Altlandkreis Meißen.

Von 2014 auf 2015 habe sich die Zahl mehr als verdoppelt. Während sie 2012 noch bei 16 lag, wuchs sie in diesem Zeitraum von 24 auf 59. Diese Zahl wurde im laufenden Jahr bereits bis Juni erreicht. Hinzu kommen Mandy Forst zufolge noch zahlreiche Patienten, deren Hauptproblem zwar synthetische Drogen darstellen, die aber auch marihuana- oder haschsüchtig sind. „Ein Großteil der Crystalabhängigen braucht Cannabis, um wieder ruhig zu werden“, so die Suchtexpertin.

Damit bestätigt sich für die Region ein sachsenweiter Trend. Schon der Bericht der sächsischen Suchtkrankenhilfe 2015 alarmierte, der cannabisbezogene Beratungsbedarf sei seit 2013 um circa 20 Prozent gestiegen, und zwar sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Suchthilfe. Dort verwies man auf die aktuelle Zunahme des Cannabiskonsums in Deutschland. Die Situation deute darauf hin, dass eher mit einer weiteren Zunahme des Hilfebedarfs zu rechnen ist, so die Verfasser des Berichts, der von der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren e.V. herausgegeben wurde.

Die Fachleute warnen davor, die Droge zu unterschätzen. „Was bei den Alt-68ern genommen wurde, ist Pillepalle gegen das Cannabis heute“, sagt Mandy Forst. „Der Wirkstoffgehalt in den gezüchteten Pflanzen ist zehn- bis 15-mal stärker.“ In der Literatur wird er als schwankend mit ein bis 14 Prozent angegeben.

Auffällig ist die große Häufung an jungen Leuten unter den Abhängigen. Auch im Altkreis Meißen. Als überwiegende Altersgruppe 2015 nennt die SBB-Chefin die der 15- bis 17-Jährigen. Darauf folgte zahlenmäßig jene der 20- bis 24-Jährigen. 2014 verhielt es sich ähnlich. „Das ist die Zeit der Pubertät und des Ausprobierens, auch von Gesetzesübertretungen“, so Mandy Forst.

Allerdings ist es auch die Zeit, in der das menschliche Gehirn noch in der Entwicklung steckt. Und daraus ergibt sich die große Gefahr bleibender Schäden. „Eine häufige Folge von intensivem Cannabiskonsum bei Jugendlichen sind Psychosen“, weiß die Suchtexpertin. Eine psychiatrische Erkrankung, die sich in Fehlwahrnehmungen zeige. Und eine Erkrankung, die – erst einmal ausgebrochen – auch bleibe.

Eine Vielzahl solcher Fälle betreut das Team der Beratungs- und Behandlungsstelle in den Büros in Radebeul und Meißen sowie in Coswig und Nossen: Schüler, die durchs exzessive Kiffen massiv mit den Noten abgerutscht sind, vom Gymnasium auf die Hauptschule wechseln und wegen Psychosen behandelt werden mussten.

„Sie verbauen sich ihren Berufsweg“, sagt Mandy Forst. Und das recht nachhaltig. Denn wer beispielsweise einmal positiv von der Polizei auf Cannabis getestet wurde, der kommt vielleicht nicht vors Gericht. Konsequenzen hat es dennoch. „Vielen ist nicht klar, dass es einen Eintrag bei der Fahrerlaubnisbehörde gibt“, so die SBB-Leiterin.

Jugendliche mit dieser Vorgeschichte können später nicht ohne Weiteres ihren Führerschein machen. Zuvor müssen sie in einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, auch als MPU oder Idiotentest bekannt, ihre Fahreignung unter Beweis stellen. Was nicht einfach ist.

Oftmals ahnen die Konsumenten nicht, wie lange der Wirkstoff THC tatsächlich nachweisbar ist. „Es braucht sechs bis acht Wochen, bis er vom Körper abgebaut ist, weil er im Fettgewebe gespeichert wird“, so Mandy Forst. „Selbst wenn jemand nur am Wochenende konsumiert, hat er immer etwas im Körper. Er ist nie clean, etwa bei einer Verkehrskontrolle.“

Einen möglichen Grund für die Entwicklung der Suchtzahlen vermutet sie in der anhaltenden Debatte um die Legalisierung von Cannabis. „Wenn in Medien und Politik von einer Nutz- und Heilpflanze mit Einsatzbereich Medizin gesprochen wird, glauben viele, dass es nicht schädlich sein kann“, erklärt die Suchtexpertin.

Ihre langjährige Berufserfahrung besagt: Alles, was legal ist, wird verharmlost. Darum warnt sie: Mit einer Freigabe würden Konsum und Suchtzahlen weiter ansteigen. Denn noch, davon ist Mandy Forst überzeugt, hält die Kollision mit dem Gesetz viele vom Probieren und Konsumieren ab. Doch diese Hemmschwelle gäbe es dann nicht mehr.