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Mehr Cannabissüchtige

Experten warnen davor, die Droge zu unterschätzen. Der Anstieg im Altlandkreis hat einen speziellen Grund.

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© Boris Roessler/dpa

Von Tina Soltysiak und Ulrike Keller

Döbeln. Löcher im Gedächtnis, null Bock auf irgendwas, krasser Leistungsabfall in der Schule, kein Mitdenken mehr im Hier und Jetzt. Das sind markante Anzeichen für intensives Kiffen. Und für den Einstieg in eine Abwärtsspirale, mit der starker Cannabiskonsum meist verbunden ist.

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„Cannabis kann abhängig machen – weniger körperlich, dafür aber psychisch“, sagt Martin Creutz, Leiter der Diakonie-Suchtberatungs- und -behandlungsstelle (SBB) Döbeln. Wer über einen langen Zeitraum regelmäßig kifft, kann eine Psychose entwickeln. Das ist eine psychiatrische Erkrankung, die sich in Fehlwahrnehmungen zeige. Und eine Erkrankung, die – erst einmal ausgebrochen – auch bleibe. „Es ist nicht zwingend, dass sich eine Psychose entwickelt. Aber bei Cannabiskonsumenten gibt es schon eine deutliche Häufung“, ergänzt er.

Der SBB-Leiter verbucht einen drastischen Anstieg an Drogenabhängigen im früheren Altlandkreis Döbeln. „1996 war es eine Person, 2000 dann 30 und im vergangenen Jahr haben wir 116 Drogenabhängige beraten.“ Das hänge aber auch mit der Einstellung neuer Suchtberater und der Akzeptanz der Angebote zusammen. Gibt es mehr Ansprechpartner, kann auch mehr Betroffenen geholfen werden. Wie viele der Drogenabhängigen ausschließlich Cannabis konsumieren, lasse sich nicht exakt sagen. Denn meist gibt es Mehrfach-Abhängigkeiten. „Ein Großteil der Crystalabhängigen braucht Cannabis, um wieder ruhig zu werden“, so der Suchtexperte.

Hier gibt`s Hilfe

Die Diakonie Döbeln hat in den Suchtberatungsstellen im Altkreis Angebote der Beratung, Betreuung, Behandlung und Hilfe zur Selbsthilfe.

Döbeln: Otto-Johnsen-Str. 4, Tel.03431712623, Montag, Donnerstag und Freitag 9 bis 16Uhr, Dienstag 9 bis 18Uhr, Mittwoch nach Vereinbarung

Leisnig: in der Senioren-Begegnungsstätte, Rosa-Luxemburg-Straße 6, Montag 14 bis 18Uhr

Roßwein: im Seniorenpflegeheim „Berta Börner“, Hermannstraße 37, Montag 13 bis 17Uhr, Dienstag 9: bis 18Uhr. Mittwoch 9 bis 16Uhr, Freitag nach Vereinbarung

Waldheim: in der Kontakt- und Beratungsstelle, An der Zschopau 1, Donnerstag 9 bis 13Uhr

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Die Suchtstatistik 2015 des Landkreises Mittelsachsen weist für die SBB in Döbeln 14 Personen zwischen 18 und 45 Jahren auf, die durch Cannabinoide in die Sucht gerutscht sind. Hinzu kommen drei Betroffene, die durch multiplen Substanzgebrauch sowie Konsum anderer psychotroper Substanzen auffällig geworden sind. Im Fachkrankenhaus Bethanien Hochweitzschen seien im selben Zeitraum 47 beziehungsweise 50 Betroffene dieser Altersgruppe behandelt worden.

Wirkstoffgehalt deutlich gestiegen

Damit bestätigt sich für die Region ein sachsenweiter Trend. Schon der Bericht der sächsischen Suchtkrankenhilfe 2015 alarmierte, der cannabisbezogene Beratungsbedarf sei seit 2013 um etwa 20 Prozent gestiegen, und zwar sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Suchthilfe. Die Situation deute darauf hin, dass eher mit einer weiteren Zunahme des Hilfebedarfs zu rechnen ist, so die Verfasser des Berichts, der von der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren herausgegeben wurde.

Die Fachleute warnen davor, die Droge zu unterschätzen. Die Alt-68er haben zwar auch Gras geraucht – sprich gekifft. „Aber der Wirkstoffgehalt ist heute um 200 Prozent höher“, so Martin Creutz von der Diakonie Döbeln.

Diejenigen, die Marihuana erstmals testen, gehen meist noch zur Schule. „Die, die bei uns auftauchen, erzählen, dass sie im Alter von 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal gekifft haben“, sagt er. Da sich eine Abhängigkeit erst – im Gegensatz zu Crystal – langsam entwickelt, seien die Patienten zwischen 20 und 25 Jahre alt. „Es kommt immer darauf an, wie oft, wie viel und wie hoch konzentriert der Stoff ist, der konsumiert wird. Das ist wie der Vergleich des Alkoholgehaltes von Bier und Schnaps.“

Im Alter zwischen 14 und 21 Jahren steckt das menschliche Gehirn noch in der Entwicklung. „Daraus ergibt sich die große Gefahr einer Entwicklungsstörung und bleibender Schäden. Das Gehirn regeneriert sich nicht“, erklärt Martin Creutz. Er verweist auf eine Studie aus Hessen: „Es wurde ein deutlicher Leistungsabfall bei Dauerkiffern festgestellt. Alle haben versucht, das Abitur zu machen. Aber es hat keiner geschafft.“

Und dann gibt es noch eine weitere Auswirkung des Cannabiskonsums, die alle Altersklassen und auch Gelegenheits-Kiffer betrifft: Oftmals ahnen die Konsumenten nicht, wie lange der Wirkstoff THC tatsächlich nachweisbar ist. „Bis zu drei Wochen“, erklärt Martin Creutz. Wer dann in eine Verkehrskontrolle gerät, hat Pech. Er muss bei der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, auch als MPU oder Idiotentest bekannt, seine Fahreignung unter Beweis stellen. Und es gibt einen Eintrag bei der Fahrerlaubnisbehörde.