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Mehr Hymne für mehr Nationalstolz

Sportfunktionären ist das „Lied der Tschechen“ zu kurz. Athleten sollen die Siegerehrung künftig länger genießen dürfen.

© dpa/Michael Kappe

Von Hans-Jörg Schmidt

Sagt Ihnen der Name Ester Ledecká noch was? Richtig, das war die junge Tschechin, die bei der Winterolympiade in Südkorea nicht nur ihre Spezialdisziplin mit dem Snowboard gewann, sondern sensationell auch auf Skiern den Super-G-Wettbewerb. Anfang Mai hatte sie schon wieder mit der Vorbereitung auf die neue Saison begonnen. Und womöglich gehört sie auch zu den tschechischen Spitzensportlern, die bei der Medaillenzeremonie gern etwas länger auf dem höchsten Treppchen stehen würden. Was dem im Wege steht? Die tschechische Nationalhymne ist schlicht und ergreifend nach nur 40 Sekunden vorbei. Wie soll in nicht mal einer Minute so etwas wie Nationalstolz aufkommen?

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Das fragte sich der Vorsitzende des tschechischen Olympischen Komitees, Jirí Keyval. Er wünscht sich eine längere Hymne für sein Land; eine, die Selbstbewusstsein und Patriotismus erzeugt. Mindestens doppelt so lang sollte sie schon sein.

Dumm gelaufen, könnte man da spöttisch sagen: Hätten sich Tschechen und Slowaken nicht in der Silvesternacht 1992 /1993 getrennt, hätten sie dieses Problem nicht. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nämlich eine zweigeteilte Hymne – mit einem tschechischen und einem slowakischen Teil. Und sogar mit einer kurzen Pause dazwischen, die, wie die armen Mährer und Schlesier gern veräppelt wurden, für sie gewesen sei, die sie geografisch zwischen Böhmen und der Slowakei leben.

Zugegeben, ist das ein wirkliches Missgeschick mit der zu kurzen Hymne. Anders als das, was in Deutschland die Gleichstellungsbeauftragte Kristin Rose-Möhring, zu lösen angetreten ist. Die hätte das „Lied der Deutschen“ gern „genderneutral“, wie man heute neumodisch sagt. Nicht mehr „Vaterland“, sondern „Heimatland“, nicht mehr „brüderlich“, sondern „couragiert“.

Das „Lied der Tschechen“ hat glücklicherweise im Text gar nichts mit Männlein und Weiblein zu tun. In der tschechischen Hymne ist von „brausenden Wassern“ und „rauschenden Wäldern“ die Rede. Das geht mehr in die Richtung eines „Heimatministeriums“, das es in Prag aber nicht gibt.

Genug geblödelt: Wenn das Teil schon länger sein soll, damit die Tschechen künftig im Angesicht von Ester Ledecká oder anderer Stars auch länger Tränen des Nationalstolzes vergießen können, muss man einen Einfall haben. Doch wie soll der aussehen? Man könnte es sich leicht machen: Das Lied „Wo ist meine Heimat?“, das von Josef Kajetán Tyl aus dem Theaterstück „Das Schusterfest“ stammt und seit der Gründung der Tschechoslowakei vor 100 Jahren Nationalhymne ist, hat auch eine zweite Strophe. Die könnte man einfach an die erste Strophe anhängen. Doch die kennt kein Mensch.

Also hat der Filmkomponist Miloš Bok unlängst mehrere neue Varianten vorgestellt – ohne zweite Strophe. Aber die Kritik auf seine kompositorischen Einfälle fiel mehr oder weniger vernichtend aus. Auch Premier Andrej Babiš fällte ein klares Urteil: „Wir haben eine schöne Hymne und sollten sie nicht ändern.“ Ausgestanden ist die Sache damit aber keineswegs. Babiš ist nämlich gar kein echter Tscheche, sondern gebürtiger Slowake! Versteht der echt was von der tschechischen Hymne und den Nöten tschechischer Olympiasieger?