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Schräge Künstler und ehrliches Ostgezeter in Hellerau

Mehr magische Show und Größen aus der DDR: Was das Festspielhauses Hellerau im neuen Jahr vorhat.

„Mystery Magnet“ heißt die nächste bunte Gastspiel-Produktion von Miet Warlop aus Belgien, die am 18. und 19. Januar im Festspielhaus gastiert. © J. Caldeira

Da kommt was auf Dresden zu: Nächste Woche öffnet sich im Festspielhaus Dresden-Hellerau eine verzauberte Welt, in der Humor aus Traurigkeit und Magie des Prosaischen entsteht: „Mystery Magnet“ der bildenden Künstlerin Miet Warlop mit „behaarten Wesen, einem Chor von Schaufensterpuppen, Gravitationspfeilen, Ballons, Pferdefrauen, Menschen, die davonstürmen, und einem aufblasbaren Hai. Figuren ohne scheinbaren Zusammenhang und Skulpturen, die ihren Platz als Theaterwesen zurückerobern“, wie das Festspielhaus wirbt.

Eine Woche später gibt es vom deutschen Künstlerkollektiv She She Pop eine Adaption von „Fifty Shades of Grey“ als „Fifty Grades of Shame“ zu erleben. Es entstehe eine Ars Erotica für die Bühne – zwischen modernem Bilderbuch der Sexualaufklärung und spätmittelalterlichem Totentanz. Man wird sehen.

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Eine Frage der Logistik 

Im Institutsbüro des Betriebswirtschaftlers Christian Hein entstehen Lösungsansätze, die dazu beitragen, dass humanitäre Hilfseinsätze in der ganzen Welt sicherer und reibungsloser ablaufen.

Plötzlich ist Udo Zimmermann dabei

Die genannten Gastspiele passen in das Konzept der neuen Intendantin Carena Schlewitt und ihrem Team. Seit einem halben Jahr sind sie dabei, „die Genrebegriffe interdisziplinär auszuweiten und noch mehr Künstler mit interessanten Handschriften zu präsentieren“. Die Jahre davor war das Profil des Festspielhauses erst von zeitgenössischer Musik, dann von Tanz und Performance geprägt. Schlewitt versucht alles und eben alles gern interdisziplinär. Trotzdem hält ihr Team an einigem Bewährten fest. Am Donnerstag stellte die Intendantin die Vorhaben des zweiten Halbjahres vor. Kurz gesagt: noch mehr Farbe und ehrlichen Herzens mehr DDR. Es lohnt, die Offerten zu studieren.

Ob ihr das Publikum dabei folgt, konnte oder wollte sie nicht sagen. Erst im März werde sie verlässliche Zahlen zu den Besuchern und der Auslastung von 2018 haben. Trends wollte sie auch nicht nennen. „Wir lernen unser Publikum ja erst kennen.“

Carena Schlewitt, die neue Intendantin des Festspielhauses Hellerau © Christian Juppe

Schwerpunkte des Halbjahres bilden die Festivals „Tonlagen“ und „Erbstücke“ sowie der Tanzkongress der Kulturstiftung des Bundes. Mit Meg Stuart, Anne Teresa De Keersmaeker und Sharon Eyal sind prägende Choreografinnen der Gegenwart erstmals oder wieder zu sehen. Auch Männer treten auf! Darüber hinaus soll das Festspielhaus ein wichtiger Produktionsort für die regionale und nationale freie Szene bleiben.

Bemerkenswert ist neben dem Blick nach vorn eine spannende Orientierung zurück. Das alle zwei Jahre stattfindende Musikfestival „Tonlagen“ bekommt seinen ursprünglichen DDR-Namen „Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“ zurück. Das sei im 30. Jahr des Mauerfalls durchaus als eine politisch gemeinte Verbeugung vor dem einst gewichtigen Festival der Moderne und seinem Gründer Udo Zimmermann zu verstehen, sagte Programmleiter Moritz Lobeck. Das Thema für „Tonlagen“ im März 2019 ist die Stimme. „Stimmen können erhoben werden, können abgegeben werden, können verstummen, sich gegenseitig übertönen. Wir wollen Stimmen hörbar machen, laute wie leise, vergessene oder unterdrückte, populäre wie streitbare.“

Texte des Dresdner Schriftsteller Thomas Rosenlöcher sind in einem Konzert zu hören. © dpa/Frank Rumpenhorst

So viele große ostdeutsche Tonschöpfer wie noch nie seit 1989, von Friedrich Goldmann über Friedrich Schenker und Georg Katzer bis Annette Schlünz, werden erklingen und in Gesprächskonzerten vorgestellt. Wilfried Krätzschmar bringt seine fünfte Sinfonie zur Uraufführung. Und viele Uraufführungen gibt es auf Texte vom Dresdner Schriftsteller Thomas Rosenlöcher im Konzert „Ostgezeter“ – „als aktuelle musikalische und politische Kommentare zu unserer Zeit“. Kompositionen von Udo Zimmermann erklingen diesmal nicht. Aber in Abstimmung mit der Dresdner Musikhochschule finde dort für den erkrankten 75-Jährigen eine umfangreiche Hommage statt.

Ebenso interessiert wie doppelbödig ist das neue Festival „Erbstücke“, das sich mit den in Dresden so gern strapazierten Begriffen des Erbes und der Tradition in der zeitgenössischen Kunst befasst. Geboten werden aktuelle Tanz- und Theaterproduktionen, die sich sehr unterschiedlich mit Erbe auseinandersetzen. So erforscht eine spanische Choreografin die lange Geschichte des Flamencos als Geschichte der Befreiung vor allem des weiblichen Körpers. Eine andere Truppe befasst sich in sechs Stunden mit der Wurzel allen Erbes: dem Geschichtenerzählen.

Das Programm bis Ende Juni ist dick und oft vielversprechend. Verschiedene Specials wie die Hellerau Card oder „Vier für Drei“ reduzieren die ohnehin günstigen Ticketpreise.