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Mehr Schwangere nehmen Crystal

Die Droge greift in allen Schichten um sich. Abhängige Mütter gefährden das Leben ihrer ungeborenen Kinder.

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

In den vergangenen fünf Jahren hat das Dresdner Uniklinikum einen erschreckenden Trend festgestellt: Es kommen immer mehr Kinder zur Welt, deren Mütter die Droge Crystal nehmen. Während es 2009 erst ein betroffenes Baby gab, waren es 2012 bereits 16, im vergangenen Jahr dann schon 33. Für dieses Jahr rechnen die Ärzte der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin bereits mit 50 Fällen.

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Ärztin Claudia Zinke analysiert die Fälle. Sie hat festgestellt, dass bei der Hälfte der Neugeborenen irgendeine körperliche Auffälligkeit auftritt. „Das sind Fußfehlstellungen, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Zysten im Gehirn oder Herzfehler.“ Seit zwei Jahren führen die Ärzte beim Verdacht auf Drogenkonsum der Mutter spezielle Untersuchungen am Säugling durch. Wird der Drogenkonsum jedoch nicht sofort erkannt, können dessen Folgen beim Kind zunächst auch unentdeckt bleiben. Denn die Babys fallen zum Beispiel nicht durch lautes Schreien auf. „Es ist eher so, dass sie vermehrt ruhig sind, teilweise sogar schlapp und lethargisch“, sagt Zinke. Die Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass jedes vierte Kind von crystalsüchtigen Müttern zu früh auf die Welt kommt. Zudem sind 20 Prozent der Babys zu leicht. Obwohl es bisher wenige Studien bezüglich der Kinder gibt, gehen die Mediziner auch von Langzeitwirkungen aus. Die Kinder würden häufiger motorische Einschränkungen, aber auch Aufmerksamkeitsdefizite und aggressives Verhalten zeigen. Noch unklar ist, welchen Anteil die Droge an sich und welchen möglicherweise das soziale Umfeld hat.

Droge verursacht Frühgeburten

Die Experten weisen aber auch immer wieder darauf hin, dass Crystal in allen Bevölkerungsschichten konsumiert wird. Marko Rogge, Oberarzt von der Suchtstation des Krankenhauses Arnsdorf kennt sowohl abhängige Hartz-IV-Empfänger, Manager und auch Hausfrauen. Die Droge steigere die Leistungsfähigkeit enorm. Wer diesen Zustand einmal erlebt habe, wolle ihn wieder erreichen. Ärztin Claudia Zinke ergänzt mit Blick auf ihre Patientinnen: „Unsere Gesellschaft fordert wach, agil und schlank zu sein. All das scheint Crystal den Frauen zu geben.“ Hinzu kommt, dass die synthetische Droge leicht und für wenig Geld zu beschaffen ist.

Dr. Helen Urban von der Klinik für Geburtshilfe erlebt die crystalabhängigen Schwangeren häufig im Kreissaal. Nicht jede kann ihr Kind überhaupt zur Welt bringen. Denn der Drogenkonsum führt zu einer schlechteren Durchblutung der Plazenta. Manchmal löst sich diese zu zeitig ab, sodass das Kind nicht mehr versorgt werden kann und stirbt. In den seltensten Fällen geben die Frauen jedoch ihren Drogenkonsum zu. Lediglich das verlebte Aussehen, schlechte Zähne und aggressives Verhalten können ein Anhaltspunkt sein. Ein Urintest, der für Klarheit sorgen kann, darf wiederum nur mit Zustimmung der Frauen durchgeführt werden. Den Ärzten liegt viel daran, den Drogenkonsum eindeutig festzustellen – weil bei jedem positiven Befund das Wohl des Kindes gefährdet ist. „Wir empfehlen den Müttern auch stets, ihre Kinder nicht zu stillen. Manche machen es trotzdem, sodass ihr Kind die Droge mitkonsumiert“, sagt Helen Urban. Unter bestimmten Bedingungen können die Ärzte trotz ihrer Schweigepflicht das Jugendamt einschalten und über die Kindswohlgefährdung informieren.

Ebenso wie das Uniklinikum verzeichnet auch die Neustädter Klinik einen Anstieg der crystalabhängigen Schwangeren. Laut Sprecherin Viviane Piffczyk habe sich deren Zahl in den vergangenen beiden Jahren etwa verdoppelt. Genau wie die Uniklinik melden die Mediziner dem zuständigen, niedergelassenen Kinderarzt den Drogenkonsum der Mutter, damit das Kind ärztlich überwacht wird.