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Mehr Stundenausfall

An manchen Schulen fällt jede zehnte Stunde aus – trotz der Maßnahmen gegen den Lehrermangel.

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© Eric Weser

Von Britta Veltzke

Beinahe jede zehnte Stunde fällt derzeit an der Siegfried-Richter-Oberschule Gröditz aus. Natürlich ist Interimsschulleiter Edmund Weigl damit nicht zu frieden, aber ändern kann er die missliche Lage auch nicht: „Wir haben mehrere Langzeitkranke, für die kein Ersatz gefunden werden konnte“, erklärt er. Zu allem Überfluss ging seine Vorgängerin im Winter in Rente. Weigl übernahm den Posten übergangsweise. Zwar ist noch immer kein neuer Schulleiter gefunden, dennoch geht Weigl davon aus, dass er sich nach den Sommerferien nicht mehr zweiteilen muss. Denn der Pädagoge leitet außerdem die Riesaer Oberschule am Sportzentrum. Auch dort sieht es in Sachen Stundenausfall nicht gerade rosig aus (siehe Tabelle). Weigl sieht den Grund vor allem im fortgeschrittenen Alter des Kollegiums. „Wer krank wird, fällt nicht ein oder zwei Tage aus, sondern fehlt oft gleich eine Woche lang.“ Zudem mache sich in der Region die Distanz zu den Großstädten bemerkbar, in denen junge Lehrer bevorzugt leben. „In der Nähe von Dresden, in Radebeul oder Coswig, funktioniert das mit dem Personal noch ganz gut. Lehrer nach Meißen oder Riesa zu bekommen, wird schon schwerer – von Gröditz ganz zu schweigen.“

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5,7 Prozent der Unterrichtsstunden finden am Städtischen Gymnasium nicht statt. Meist sind Lehrer krank.
5,7 Prozent der Unterrichtsstunden finden am Städtischen Gymnasium nicht statt. Meist sind Lehrer krank. © Sebastian Schultz
In jeder zehnten Stunde steht in der Riesaer Förderschule „Lichtblick“ kein Lehrer vor der Klasse.
In jeder zehnten Stunde steht in der Riesaer Förderschule „Lichtblick“ kein Lehrer vor der Klasse. © Sebastian Schultz

Ebenfalls „ab vom Schuss“ liegt die Oberschule Strehla – trotzdem fallen an keiner anderen Schule im Altkreis so wenig Stunden aus wie im Hause von Katrin Wilczek. Zweieinhalb Prozent sind es im laufenden Schuljahr. „Wir haben einen vergleichsweise geringen Krankenstand“, erklärt die Direktorin. Und das trotz eines Kollegiums, das nicht wesentlich jünger ist, als an anderen Schulen? So richtig erklären kann sich Wilczek das auch nicht. „Vielleicht liegt es an unserem guten Betriebsklima.“ Andererseits bleibe ihr auch nichts anderes übrig, als den Unterricht in den Kernzeiten abzudecken. „Wir haben viele Schüler, die auf die Busverbindungen angewiesen sind. Ich kann niemanden vor 13.10 Uhr wegschicken.“

Ein wenig entspannter als an den meisten Oberschulen ist die Lage an den Gymnasien. „Im Vergleich zu den anderen Schulformen sind die Gymnasium noch am besten versorgt“, erklärt der Schulleiter des Städtischen Gymnasiums, Eberhard Henke. Doch auch in seinem Haus fallen pro Schuljahr rund fünf Prozent der Stunden aus. Das Hauptproblem ist aus Henkes Sicht, dass es keinen Puffer gibt, wenn ein Lehrer krank wird. „Im vergangenen Jahr hatten wir dadurch zum Beispiel ein Problem im Fach Russisch.“ Die Bildungsagentur verfüge zwar über einen Pool von Vertretungslehrern, aber: „Die scheuen den Weg in die Provinz.“ Dazu verpflichtet werden, in einer Schule in Riesa oder Gröditz auszuhelfen, können die Vertretungslehrer nicht. Erschwerend komme hinzu, dass auch im Vertretungspool Lehrer für die Fächer fehlten, die ohnehin schlecht besetzt seien, so Henke. Er befürchtet, dass den sächsischen Schulen noch einige schlechte Jahre bevorstehen, ehe die Maßnahmen des Freistaates gegen den Lehrermangel greifen: Die Integration von Quereinsteigern, ein Lohnplus für ältere Lehrer, die länger im Dienst bleiben, bessere Bezahlung für junge Lehrer. Aber ob all das die Nachteile aufwiegt, die Sachsen gegenüber Bundesländern hat, die ihre Lehrer noch verbeamten – da ist sich Henke unsicher.

Am drastischsten ist die Situation an den Förderschulen. Hier ist der Lehrermangel besonders ausgeprägt. Meist ist schon vor Beginn des Schuljahres klar, dass nicht der gesamte Unterricht stattfinden kann. „Planmäßiger Stundenausfall“ nennt sich das im Behördendeutsch. „Dazu kommt noch der außerplanmäßige Stundenausfall, der entsteht, wenn ein Lehrer krank wird“, erklärt Matthias Strobel, Leiter der Riesaer Förderschule Goethestraße. Die Schule besuchen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Noch düsterer als an der Goethestraße sieht es an der Riesaer Förderschule „Lichtblick“ aus – zumindest auf dem Papier: Mehr als zehn Prozent der Stunden fallen laut Bildungsagentur aktuell aus. Der Unterricht findet meist aber trotzdem statt, erklärt Schulleiter Arndt Frommhold: „In unseren Stunden gibt es eine Doppelbesetzung. Ist der Lehrer krank, übernimmt die pädagogische Unterrichtshilfe.“ Aus Sicht der Behörde gilt der Unterricht aber dennoch als ausgefallen.

Wie der Schulleiter des Städtischen Gymnasiums ist auch Heiko Hettich, Kreiselternrat und Elternsprecher des Heisenberg-Gymnasiums, von den Maßnahmen gegen den Lehrermangel nicht restlos begeistert. „Die Quereinsteiger, die jetzt an die Schulen kommen, werden weniger akzeptiert, als Kollegen, die ein vollwertiges Lehramtsstudium absolviert haben.“ Aber, betont Hettich, man habe begriffen, dass etwas getan werden muss. „Jetzt darf das Engagement nur nicht nachlassen.“