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Mehr Übergriffe auf Kinder

Immer mehr Minderjährige werden auf den Straßen der Stadt belästigt. Was sollten Eltern in dieser Situation tun? Die wichtigsten Regeln:

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© dpa

Von Julia Vollmer

Die Sonne scheint unbarmherzig vom Himmel. Bei 30 Grad Außentemperatur dampft der Asphalt. Es ist 13.15 Uhr, Schulschluss. Eine Neunjährige wartet Mittwochmittag vergangene Woche an der Bushaltestelle an der Marienallee. Sowohl die Stauffenbergallee als auch die Marienallee sind stark befahren. Eine normale Alltagsszene eigentlich. Plötzlich tauchte ein Mann wie aus dem Nichts auf und entblößt sein Geschlechtsteil vor dem Kind. Doch das Mädchen hat Glück, genau in diesem Moment kommt der Bus. Sie kann einsteigen und fliehen. Die Polizei fahndet jetzt nach einem Mann mit weißen Haaren und auffallend gelben Zähnen.

Die Dresdner Beamten schlagen Alarm. In diesem Jahr gibt es bereits 21 ähnliche Anzeigen im Fall von sexuellem Missbrauch von Kindern – Entblößung vor Minderjährigen definiert das Gesetz als Missbrauch. „Einen deutlichen Anstieg“, verzeichnet Sprecher Marko Laske. Im gesamten vergangenen Jahr gab es 20 Vorfälle. Dieselbe Zahl steht nun 2016, und es ist erst Mitte September. Die Dunkelziffer liegt höher, denn längst nicht alle Fälle werden angezeigt. Oft überwiegen Scham und Angst.

In der Woche davor, am 29. August, gab es zwei weitere Übergriffe auf Kinder. Vor der Energieverbund-Arena manipulierte ein Unbekannter an seinem Geschlechtsteil. Drei elfjährige Mädchen mussten das mit ansehen. Wieder war es 14 Uhr, mitten am Tag. Am selben Nachmittag wurde ein anderes elfjähriges Mädchen auf der Uhlandstraße Opfer von Belästigung. Der Täter sprach das Kind an, berührte es. Auch in Tolkewitz und Pieschen wurden im August Kinder belästigt. Die Beamten ermitteln jetzt mit Hochdruck, bisher wurde aber noch kein Täter gefunden.

Die Fälle werden oft mit Zeitverzögerung angezeigt, denn die Kinder sind erst mal geschockt. Nicht alle vertrauen sich sofort jemandem an. Doch genau das ist wichtig für die Polizeiarbeit, appelliert Laske. Am besten rufen die Kinder ihre Eltern direkt nach der Tat an, und diese informieren dann die Beamten, rät er. Schwierig sei auch das Phantombildzeichnen. Das fällt Kindern oft schwer. „Das Erinnerungsvermögen ist noch nicht so ausgeprägt“, erzählt Polizeisprecher Laske. Trotz der Schwierigkeiten haben die Beamten von den 20 Tätern im vergangenen Jahr acht gestellt. „Die Quote ist nicht überragend, aber in Ordnung, bedenkt man die Schwierigkeiten“, betont er. Kinder werden nicht nur von Entblößern bedrängt, sondern erleben in einigen Fällen auch andere Formen von sexueller Belästigung. Sie werden angesprochen, angefasst oder verfolgt. Was können Eltern tun? Welche Tipps können sie ihren Kindern mit auf den Weg geben?

Gute Erfahrungen mit dem koreanischen Selbstverteidigungs-Kampfsport Taekwondo hat Vertrauenslehrerin Heike Richter gemacht. Die Kinder lernen so mit Spaß, sich zu wehren. „Die aktuellen Fälle beschäftigen unsere Schüler natürlich. Sie fragen: „Ist da ein Kinderfänger unterwegs?“, erzählt die Pädagogin an der 43. Grundschule. Es sei wichtig in so einer Situation, sachlich und unaufgeregt mit ihnen zu sprechen. „Kinder dürfen sich nicht mit der Aussicht auf Hasenbabys und Schokolade in ein Auto oder weg von der Haltestelle locken lassen.“ Wenn die Kinder von einem Verdächtigen angesprochen werden, sollten sie laut auf sich aufmerksam machen. „Den Täter immer mit Sie anreden, damit die Umstehenden merken, die Kinder kennen ihn nicht“, rät sie. Außerdem sollten keine Namen am Ranzen angebracht und der Schulweg, wenn möglich, zu zweit gelaufen werden. Der kürzere Weg ist nicht immer der sicherere, sagt auch Annett Grundmann vom Kreiselternrat. Sie hat noch weitere Tipps: Packt der Täter den Ranzen, darf dieser fallen gelassen werden. Materielles kann ersetzt werden. „Kinder sollten misstrauisch werden, wenn Erwachsene sie nach der Uhrzeit oder dem Fahrplan fragen, das ist unlogisch.“ Eltern sollten mit dem Nachwuchs Regeln ausmachen wie etwa: „Spricht dich jemand Fremdes an, ruf uns lieber an und frag nach“, rät Grundmann.

Seit diesem Schuljahr gehen die Polizisten dazu allerdings nicht mehr in die Schulen. Zu den Gründen kann die Pressestelle der Polizei nichts sagen. Andreas Kunze-Gubsch, Sprecher des Innenministeriums, verweist darauf, dass nun die Lehrer diese Aufgaben der Polizei übernehmen sollen. „Nur im konkreten Notfall kommen die Beamten.“ Ob hier schlicht Geld gespart wird, will er nicht kommentieren.

Die Polizisten stehen weiter als Ansprechpartner für Eltern und Lehrer zur Verfügung, die den Verdacht haben, dass ein Kind missbraucht wurde. Annett Schmiedl, Leiterin der Präventionsstelle, berät Eltern und Pädagogen. Sie rät, auf Veränderungen im Wesen der Kinder zu achten. Wenn die Kleinen plötzlich nicht mehr schlafen, aggressiv gegen sich selbst oder andere sind oder depressiv werden – dann liegt möglicherweise ein sexueller Missbrauch vor.