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Mein schönes Gorbitz

Jürgen Czytrich liebt den Stadtteil im Dresdner Westen. Das schlechte Image kommt von außen, sagt er.

© René Meinig

Von Annechristin Bonß

Draußen schneit es. Blütenblätter wehen mit dem Wind davon, fallen auf saftiges Grün. Eine Mutter schiebt den Kinderwagen. Ein Mann führt seinen Hund Gassi. Der wedelt freudig mit dem Schwanz. Die Straßenbahn rauscht vorbei. „Welch schönes Bild“, sagt Jürgen Czytrich. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Hier, aus seinem kleinen Büro heraus, hat er täglich genau dieses Bild vor Augen. Er sieht durch eine große Glasfront. Reparaturannahme steht in weißer Schrift darauf geschrieben.

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Früher hat es hier eine Werkstatt gegeben. Die hat sich irgendwann nicht mehr gelohnt, wurde einfach dichtgemacht. Nun hat Jürgen Czytrich in dem schmalen Raum sein Büro eingerichtet. Das Bild, das er sieht, ist ein Ausschnitt eines Stadtteils, der es nicht leicht hat in Dresden. „Wo sind wir?“, fragt der 58-Jährige und zeigt nach draußen. „Blasewitz? Striesen? Pieschen?“ Das Bild könnte auch in diese Stadtteile passen. Doch es ist ein Bild von Gorbitz.

Seit fast 30 Jahren ist Jürgen Czytrich als Mitarbeiter für den Verein Omse im Stadtteil aktiv. Er organisiert das Westhangfest, gibt die Gorbitzer Nachrichten heraus, stellt Konzerte und kulturelle Veranstaltungen auf die Beine, ist Ansprechpartner für Bewohner, präsentiert seinen Stadtteil bei Führungen und veröffentlicht Broschüren über Projekte von vor Ort. Und er kämpft für die Anerkennung von Gorbitz. Dabei will er gar kein Kämpfer sein. „Ich bin weder mutig noch ein Boxer“, sagt er. „Ich mache als weltlicher Pfarrer den Gorbitzern eine gute Zeit. Auch wenn das angeblich nicht möglich ist.“ Und so ist das, was ihn umtreibt, das, womit er, wenn nicht täglich, dann wöchentlich zu tun hat, trotzdem irgendwie ein Kampf.

Denn Gorbitz und die 20 000 Einwohner haben es nicht einfach. Anfang der 1980er-Jahre im ehrgeizigen Bauprogramm der DDR hochgezogen, waren die Wohnungen in den Plattenbauten vor der Wende extrem beliebt. Hier wollte jeder wohnen. Wer eine der Wohnungen ergatterte, konnte sich glücklich schätzen. Das änderte sich nach der Wende: Leerstand, Verfall, Sanierungsstau. Der Stadtteil verkam und bekam den Stempel, der bis heute nicht abgewaschen ist. Dazu kommt: In städtischen Statistiken taucht Gorbitz vor allem dann auf, wenn es um einen hohen Anteil an armen Bewohnern sowie Kinderarmut geht. Manch einer fühlt sich hier nicht mehr sicher. Dabei gibt es auch in anderen Stadtteilen sogenannte Angsträume. In der polizeilichen Statistik fallen sogar ganz andere Stadtteile als Gorbitz auf, wenn es um die höchste Kriminalität in Dresden geht. Zum Beispiel die Neustadt. Jürgen Czytrich kennt all diese Dinge. Und kontert. Gorbitz sei stadtnah, kulturnah und habe eine gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, sagt er. Leerstand? „Das gibt es hier schon lange nicht mehr.“ Wer Gorbitz kennenlernen will, der sollte zwölf Stunden die Höhenpromenade hoch und wieder runterlaufen, immer wieder. Es ist der Weg, den er aus seinem Büro heraus täglich sieht. „Da weicht niemand niemandem aus“, sagt er.

Das schlechte Image komme von außen, nicht von innen. „Die Gorbitzer sind entschieden zufriedener mit Gorbitz als andere“, sagt er. Bloß, reicht das? Muss der Stadtteil diese anderen überhaupt überzeugen? Überzeugen, weil sich die Bewohner sonst nur über die meist hässlichen Klischees ärgern? Oder müssen sie einfach damit leben lernen?

Einfach damit leben, das will Jürgen Czytrich nicht. Dafür liebt er Gorbitz schon zu lange. Er war acht Jahre alt, als die Eltern mit den vier Kindern von Schwerin nach Dresden zogen. Mit 18 Jahren zog er erst nach Löbtau, später an den Fetscherplatz, dann nach Omsewitz. Von dort war es nicht weit nach Gorbitz. Zu Fuß machte er sich auf den Weg, später wohnte er sogar hier. Heute kommt er täglich gern von Pieschen in den Dresdner Westen.

Und bietet zum Beispiel Wanderungen durch den Stadtteil an, zeigt den Fremden seinen Kiez. Einen, den die Gäste sogar kosten können. „Alles, was den Straßen seinen Namen gibt, wächst hier und kann gekostet werden“, sagt er. Schlehen, Kamillen, Kirschen, Thymian. Er erzählt von Menschen, die nach Gorbitz gezogen sind. Wissenschaftler, Künstler, Menschen mit Weitblick, wie er sagt, die sich trotz des schlechten Images hier wohlfühlen. Können die sich irren? „Nein, müssen sie auch nicht“, sagt der Projektentwickler überzeugt.

Und nennt noch mehr Argumente. Gorbitz sei vermutlich der grünste Stadtteil. Er schwärmt von den großen Höfen zwischen den Häuserzeilen, wo sich Kinder austoben können. Und lobt die verkehrsberuhigten Straßen. An einen Verkehrsunfall hier kann er sich nicht erinnern. Wer das nicht glaubt, solle einfach mal vorbeikommen.

Spricht er von Gorbitz, kann sich Jürgen Czytrich kaum stoppen. Er schwärmt, lobt, philosophiert, kann und will nicht aufhören. Schließlich will er die Menschen erreichen, will, dass sie gern von Gorbitz sprechen, den Stadtteil besuchen, ohne die Nase zu rümpfen. Manch einen hat er schon überzeugt. Nach einem zweistündigen Rundgang durch Gorbitz haben die Leute gestaunt, was es hier alles zu entdecken gibt. „Die haben sich hergewagt“, sagt er. Und seien sprachlos wieder gegangen. Nicht nur, weil sie einen kleinen Ausschnitt von Gorbitz gesehen haben, ein Bild von Kirschblüten, Kinderwagen, Hund, Idylle. Sondern den ganzen Stadtteil.

Das 12. Westhangfest findet am Sonnabend von 15 bis 20 Uhr sowie am Sonntag von 11 bis 18 Uhr auf der Höhenpromenade und dem Amalie-Dietrich-Platz statt.