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Meine Enkelin, der Profi

Mit 16 Jahren schwamm Leonie Kullmann bei Olympia. Den Grundstein dafür legten ihre Großeltern aus Neustadt.

© Dirk Zschiedrich

Von Nancy Riegel

Neustadt. Ulrike Kullmann lässt die Bahn mit der Nummer 4 nicht aus den Augen. Ähnlich wie bei einem Tennisspiel bewegt sich ihr Kopf schnell hin und her. Sie muss flink sein, wenn sie die Bewegungen der Schwimmerin verfolgen will, die hier im Mariba-Freizeitbad in Neustadt trainiert. Denn hier ertüchtigt sich nicht irgendjemand: Es ist ihre Enkelin Leonie, 18 Jahre alt, Freistilspezialistin, Olympiateilnehmerin. Die junge Frau ist auf Heimatbesuch und legt einen Stopp bei Oma und Opa in der Sächsischen Schweiz ein.

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Hoch konzentriert zieht Leonie ihre Bahnen im Freizeitbad Mariba. Zweimal täglich trainiert sie in Alabama und macht auch im Heimaturlaub keine Ausnahme. Als Belohnung gibt es dafür Ente mit Klößen.
Hoch konzentriert zieht Leonie ihre Bahnen im Freizeitbad Mariba. Zweimal täglich trainiert sie in Alabama und macht auch im Heimaturlaub keine Ausnahme. Als Belohnung gibt es dafür Ente mit Klößen. © Dirk Zschiedrich

Die schafften vor vielen Jahren die Basis für die Karriere ihrer Enkelin, erzählt Ulrike Kullmann stolz. „Wir haben ihr damals das Schwimmen beigebracht, im Urlaub auf Fuerteventura. Da war Leonie drei Jahre alt.“ Ulrike und Jürgen Kullmann wussten damals, als die kleine Leonie mit einem Schaumstoff-Brett durch den Pool paddelte, natürlich noch nicht, was aus ihrer Enkelin werden würde. Die entdeckte ihre Leidenschaft selbst erst, als sie 2008 mit ihren Eltern für einige Jahre in die USA zog. Genau gesagt, ins Städtchen Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama, wo ihr Vater im Mercedes-Werk arbeitete. Danach kam die Familie wieder zurück nach Dresden und die Karriere der jungen Schwimmerin nahm an Fahrt auf. Leonie ging 2013 ihres Sports wegen nach Berlin und startete dort für die SG Neukölln. Mit 16 war sie im deutschen Team die jüngste Schwimmerin – und die erste aus Dresden seit 1980 bei Olympia.

Heute lebt Leonie, dank eines Sport-Vollstipendiums, wieder in Tuscaloosa und studiert seit August 2017 an der University of Alabama Architektur-Ingenieurwesen. Zweimal täglich wird geschwommen, und das ist auch im Urlaub nicht anders. Die Großeltern berichten vom Trainingsplan ihrer Enkelin, während die konzentriert ihre Bahnen zieht, das Geschehen am Beckenrand überhaupt nicht registriert. Vormittags sei sie noch in Dresden geschwommen, jetzt, am Nachmittag, im Mariba in Neustadt. Geschäftsführerin Frank Bergemann habe extra die 25 Meter geblockt, berichtet Jürgen Kullmann.

Nach knapp zwei Stunden nimmt die 18-Jährige die Schwimmbrille ab. „Hallo!“ Eine hübsche Frau mit definierten Muskeln und braun gebrannter Haut springt aus dem Wasser. Ja, sie springt, mit einem Satz steht sie auf den Fliesen. Es ist der erste Besuch in Deutschland in diesem Jahr. Die letzten Tage verbrachte sie in Dresden bei Eltern und Freunden, heute eben Neustadt. „Das Mariba kenne ich noch von früher, aber damals hieß es noch Monte Mare“, erinnert sich die 18-Jährige. Auch, dass sie mit Oma und Opa immer die Schwäne im Arthur-Richter-Park besuchte. Wie es mit Omas eben so ist, wird die Enkelin nach dem Training opulent bekocht. Ente mit Rotkohl und Klößen, lecker! So etwas gibt es in Alabama nicht zum Abendbrot. Auf Kohlenhydrate sollte die Schwimmerin da eigentlich verzichten. Vom Essensangebot drüben, über dem großen Teich, konnte sich Oma Ulrike bereits selbst ein Bild machen. Als Leonie mit Bruder und Eltern dort wohnte, kamen die Großeltern zu Besuch. „Kein richtiges Brot gibt es dort, nur so labbriges Weißbrot“, lautet das Fazit der 65-Jährigen. Die Enkelin stimmt zu. Und – „es überrascht mich, dass ich das mal sagen würde“, sagt Leonie – sie vermisse die deutsche Ordnung und Gründlichkeit.

Ansonsten genießt die Dresdnerin das Leben im zumeist wohltemperierten Tuscaloosa. Im sozialen Netzwerk Instagram lädt sie regelmäßig Bilder hoch, oft im Wasser, viel unterwegs mit Freunden, fast immer ein breites Lächeln im Gesicht. Sie mag die amerikanische Freundlichkeit und dass man mit jedem ins Gespräch kommt, erzählt Leonie. Ganz anders sieht das die Oma: „Mir sind die Leute zu oberflächlich.“

Was nicht heißt, dass die Neustädterin ihrer Enkelin nicht das Leben in den USA aus vollem Herzen gönnt. Klar, man vermisst sich, aber dafür gebe es ja Smartphones. Ulrike Kullmann zeigt ein Video von Leonie beim Autofahren in Alabama. „Für den Führerschein musste ich einmal um den Block fahren und 40 Dollar bezahlen“, kommentiert Leonie lachend. Oma und Opa sind sich einig: Mit den Fleppen darf sich Leonie hier nicht hinters Steuer setzen.