merken

Meißen trauert um Baudezernent Steffen Wackwitz

Der 56-Jährige hat das Bauen in der Stadt seit der Wende geprägt. Unsachliche Kritik machte ihm in letzter Zeit schwer zu schaffen.

© Claudia Hübschmann

Von Peter Anderson

Anzeige
Auf den Spuren des „Weißen Goldes"

Erhalten Sie am 23.11. exklusive Einblicke in die Meissner Porzellanwelt. Jetzt zwei Tickets zum Preis von einem sichern!

Meißen. Grau und regenschwer hängen die Wolken an diesem Mittwochvormittag über Meißen. Immer wieder einmal tröpfelt es. Die Nachricht vom für viele plötzlichen und unerwarteten Tod des langjährigen Baudezernenten Steffen Wackwitz verbreitet sich in der Stadt. Am Dienstag ist der 56-Jährige aus dem Leben geschieden.

Erst kürzlich war er nach einer längeren Krankheitsphase in den Dienst zurückgekehrt. Er hatte es ausdrücklich selbst so gewollt. Der Job lenke ihn ab, bringe ihn auf andere Gedanken, so seine Argumentation. Erneut nahmen ihn die in der Stadt anstehenden Aufgaben gefangen. Vor einer Woche beschäftigte den gebürtigen Meißner der Komplex des Plossenausbaus. Bürger hatten eine neue Strecke zwischen B 6 und S 177 ins Spiel gebracht. Die Trasse über die Bockwener Telle bis zur Einmündung B 6 über den Küchengrund soll die Plossenauffahrt entlasten und gleichzeitig den Bau eines Asphaltbandes durch den Park Siebeneichen überflüssig machen. Wackwitz konnte in der Idee viele Vorteile entdecken. Der Neumarkt und das Triebischtal würden dadurch entlastet, die Bürger im Raum Klipphausen könnten profitieren. Sein Amt erhielt von den Stadträten den Auftrag, die Idee zu prüfen.

Bei seinem letzten größeren öffentlichen Auftritt blieb sich der Baudezernent treu. Unaufgeregt und mit leiser Stimme präsentierte er die Fakten. Seine Analyse fiel abwägend und neutral aus. Der studierte Bauingenieur galt als beschlagener Fachmann, der sich nicht von Emotionen, sondern von Tatsachen leiten ließ. Probleme wurden von ihm gründlich durchdacht, das Für und Wider neutral abgewogen. Umso mehr dürfte ihn belastet haben, dass die Diskussion um das Bauen in Meißen in den letzten Jahren häufig nicht nur kontrovers, sondern teils auch unsachlich und mit persönlichen Angriffen geführt wurde. Die Arbeitslast, die auf seine Schultern drückte, schien dabei trotz fortschreitender Modernisierung der Stadt nicht abzunehmen, sondern eher anzuwachsen. Was landete nicht alles auf seinem Tisch. Über Abriss oder Erhalt der Häuser im unteren Bereich der Fährmannstraße galt es zu entscheiden. Die aufgrund der beengten Verhältnisse schwierige Sanierung der Questenbergschule und der Bau eines Ausweichquartiers kosteten viel Kraft. Das Triebischtal musste vor einer zweiten Schlammflut geschützt werden. Bei allen diesen Vorhaben waren Befindlichkeiten zu beachten, spezielle Umstände zu würdigen.

Bauausschuss-Mitglied Frank Lassotta nennt Steffen Wackwitz am Mittwochnachmittag einen Bauamtsleiter, der seinen Job „mit Leib und Seele“ ausgefüllt habe. Er sei in seinem Beruf aufgegangen. In den gemeinsamen 18,5 Jahren könne er sich nicht an ein negatives Erlebnis mit Wackwitz erinnern, so Lassotta, welcher für die Unabhängige Liste Meißen im Stadtrat sitzt. Der seit jüngster Zeit im Stadtrat häufiger auftretende Hickhack, die direkten Sticheleien hätten dem 56-Jährigen allerdings sehr zugesetzt. Er habe die Probleme „in sich hineingefressen“. Sein Tod reiße ein großes Loch in die Stadtverwaltung, so Frank Lassotta.

Von einem „riesigen Verlust“ spricht am Mittwochnachmittag auch Linken-Fraktionschef Ullrich Baudis. Der Verstorbene habe sehr viel für die Stadt bewegt, da er sich wie kaum ein anderer im Dschungel der Fördermitteltöpfe ausgekannt habe. Auch außerhalb seiner Behörde sei er in schwierigen Situation stets für seine Kollegen dagewesen, habe Mut gemacht und geholfen, wo er konnte, ohne dafür groß Reklame zu machen. „Wir werden ihn nie vergessen“, so Baudis.

Steffen Wackwitz war in Meißen aufgewachsen, hier hatte er seine Kindheit verbracht und die Jugendjahre. Während des Studiums – Hochbau in Dresden und Cottbus – stand seine Studentenbude ebenfalls in Meißen. Erst später verlagerte sich mit Gründung der Familie der Wohnsitz nach Dresden. Seit der Wende war er dann in Meißen für das Bauen und teils weitere Bereiche zuständige. Der 56-Jährige hinterlässt eine Frau, zwei Kinder und Enkel.

Trotz des tragischen Todesfalls entschied das Rathaus am Mittwochnachmittag, den Stadtrat „aufgrund der besonderen Wichtigkeit (Verabschiedung des Haushaltes) und der zahlreichen geladenen Gäste wie geplant stattfinden“ zu lassen. Linken-Fraktionschef Ullrich Baudis erklärte, unter diesen Umständen keine Rede zum Haushalt zu halten. Die Initiative Bürger für Meißen nahm von einer Wortmeldung in der Bürgerfragestunde Abstand.