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Wie es der georgischen Familie aus Meißen geht

Eine georgische Familie berichtet über ihre Zeit nach der Abschiebung aus Meißen. Die war schlimm, weil Handys und Spardosen konfisziert worden seien, so der Vorwurf.

Die Familie Pareulidze-Gardasvili vor dem Haus ihrer Großeltern im georgischen Dorf Birkiani.
Die Familie Pareulidze-Gardasvili vor dem Haus ihrer Großeltern im georgischen Dorf Birkiani. ©  privat

Meißen. Am Flughafen durchwühlt die bislang in Meißen lebende Familie Pareulidze ihre Taschen, doch die Handys lassen sich nicht finden, auch die Kinder-Spardosen sind weg. Als der 13-jährigen Tochter Aishat der Verlust auffällt, sind die Luftbegleiter der Bundespolizei verschwunden. Mitten in der Nacht sitzt eine weinende Mutter am Flughafen Tiflis, an ihrer Seite fünf erschöpfte Kinder, ohne Vater, ohne jeden Cent und ganz ohne Kontaktmöglichkeiten zur georgischen Verwandtschaft.

Taxifahrer werden auf die schluchzende Familie aufmerksam, möchten helfen, aber die umgerechnet 160 Euro für die dreistündige Taxifahrt – zu einer Familie, die noch gar nichts von der Abschiebung weiß – möchte niemand vorstrecken.

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So schildert die älteste Tochter ihre ersten Stunden in Georgien und erhebt drastische Vorwürfe: "Die Polizisten haben uns bei der Abholung dreimal angelogen und jedes Mal gesagt, wir bekommen das Geld aus den Spardosen als Überbrückungshilfe zurück und auch die Handys am Flughafen wieder."

Es ist die Version eines 13-jährigen Mädchens, die sich bisher noch nicht vollständig nachprüfen lässt. Die sächsische Polizei bestätigt zwar, dass die Spardosen zuerst durch die große Tochter eingepackt wurden, dann jedoch "offiziell zu den persönlichen Gegenständen der Familie genommen und der Bundespolizei am Flughafen übergeben worden sind." Laut dem Bericht des Präsidiums der Bereitschaftspolizei wurde auch ein Handy im Beisein der Bundespolizei eingezogen. Alle persönlichen Gegenstände sollten in Tiflis wieder ausgehändigt werden.

Vielleicht waren darunter auch ein zweites Handy und ein Tablet: Dafür müssten weitere Berichte ausgewertet werden, die teilweise noch gar nicht erstellt worden seien. Ob die Spardosen und das eine oder die beiden Handys am Flughafen wieder ausgehändigt wurden, lag in der Verantwortung der Bundespolizei. Auch dort wird der Vorwurf geprüft. Bei beiden Stellen können sich die Antworten noch mehrere Tage hinziehen.

In der Schule geschlagen

Dabei handelt es sich um eine Geschichte, die es offensichtlich gar nicht nötig hätte, weiter dramatisiert zu werden: Zwei der fünf Kinder sind in Deutschland geboren und haben das Heimatland ihrer Eltern noch nie betreten. Keines der Kinder spricht Georgisch, die Sprache, die im Dorf und in der Schule gesprochen wird.

Mit ihren Eltern unterhalten sich die Kinder nämlich auf Tschetschenisch und konzentrierten sich in Meißen erfolgreich auf die deutsche Sprache: "Meine Schwestern und ich hatten in der Schule in Meißen nur Einsen und Zweien", erzählt Aishat, die nicht damit gerechnet hätte, jemals wieder Georgisch sprechen zu müssen – denn ihre Erinnerungen an diesen Lebensabschnitt sind düster: In Georgien besuchte Aishat für drei Wochen die erste Klasse. Außer von den Schlägen der Lehrerin seien nicht viele Erinnerungen an diese Zeit übrig. Im September beginnt der Unterricht in Georgien wieder.

"Hier gibt es zwar keinen Krieg, aber hier gibt es eine Hungersnot. Hier ist alles so teuer, dass wir uns nicht einmal das Essen leisten können", berichtet Aishat am Telefon. "Geschweige denn etwas zum Anziehen." Das wäre dringend nötig, in den Monaten vor der Abschiebung hatten coronabedingt die Läden geschlossen. "Da konnten wir nichts kaufen. Mittlerweile ist alles zu klein geworden."

Die deutsche Oma

Sechseinhalb Jahre hat sich die Familie in Meißen eingelebt. Die Kinder hätten sehr schnell Deutsch gelernt und Freunde gefunden. Auch die Mutter ist in der Nachbarschaft bekannt – trägt Kopftuch, die Kinder noch nicht. Am 26. Mai wird die Familie von einem Stampfen vor der Tür geweckt und ihr Leben in Deutschland beendet: "Wir wussten nicht, dass wir abgeschoben werden", erklärt Aishat. "Auf einmal standen mehr als zehn Polizisten in der Wohnung. Vor der Tür ein Bus mit noch mehr Polizisten, der uns abholen sollte." Zum Packen blieben 25 Minuten.

Die dramatische Situation, wird schnell traumatisch: "Mein Vater ist kurz im Bad verschwunden, um sich Hände und Gesicht zu waschen – um richtig wach zu werden. Als er von draußen die erniedrigenden Sprüche und das Gelächter der Polizei hört, hat er es nicht mehr ausgehalten und gegen den Spiegel geschlagen, bis Scherben runtergefallen sind." Die Polizisten hätten ihn daraufhin in die Scherben gedrückt, weshalb seine Hände noch in der Nacht genäht werden mussten und er erst am 10. Juni nach Georgien ausgeflogen wurde. Innenminister Roland Wöller (CDU) stellte in einer Antwort auf die Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Die Linke) klar, dass sich der Familienvater in einem unbeobachteten Moment selbst verletzt habe. "Auf jeden Fall spürt mein Vater an einem Finger gar nichts mehr", sagt Aishat.

Während Aishat erst über die Abschiebung in flüssigem, unaufgeregtem Deutsch spricht, dann über die schwierige Lage in dem Land mit der fremden Sprache: Von den Nächten, in denen sich ihre Mutter mit ihren drei jüngsten Kindern in ein Bett quetscht, von Tagen, die sich zäh hinziehen: "Hier kann man gar nichts machen und wir haben auch gar kein Geld etwas zu machen", so Aishat, die deshalb Zuhause bleibt und sich damit ablenkt, Georgisch zu lernen.

Erst als es darum geht, was Aishat in Meißen am meisten vermisst, kommt sie ins Stocken. Die 13-Jährige muss schlucken und die Luft anhalten, um nicht in Tränen auszubrechen: "Brigitte Hofmann fehlt mir am meisten."

Brigitte Hoffmann, die Nachbarin, die in den letzten fünf Jahren zur deutschen Oma wurde. Der erste Kontakt sei zustande gekommen, weil die Kinder den Schlüssel stecken ließen, später unternahmen sie gemeinsame Ausflüge in Freizeitparks und fuhren gemeinsam in den Urlaub: an die Talsperre Malter und nach Senftenberg. Immer mal steckt sie den Kindern bisschen Geld für die Spardose zu, hilft beim Heimunterricht, spricht mit der ältesten Tochter über Politik. Die Familie habe sich immer sehr herzlich bedankt, zum Beispiel mit georgischem Essen.

Wenn Hoffmann nun bei Behörden anruft, um sich nach den verloren gegangenen Spardosen zu erkundigen oder Schule und Kindergarten darüber informieren muss, dass die Familie Pareulidze-Gardasvili nicht mehr kommen wird, stellt sie sich auch genauso vor: als deutsche Oma.

Widerstand aus Meißen

Beim Meißner SPD-Landtagsabgeordneten Frank Richter klingelt das Telefon seitdem noch häufiger: "Keiner der Anrufer hat grundsätzlich etwas gegen Abschiebungen, aber es würden die Falschen abgeschoben." Es stehe der Verdacht im Raum, dass die abgeschoben werden, derer man habhaft werden kann. Vor allem über die Art und Weise der Abschiebung – in 25 Minuten Sachen packen – sorgt für Empörung. Mitglieder verschiedener Vereine und Initiativen, Stadt- und Kreisräte hat Richter deshalb an einem Tisch versammelt. Der erste Schritt sei es Geld zu sammeln, doch weitere Protestaktionen seien bereits in Planung. "Die Biografie der Kinder ist schwer beschädigt, sie sind schwer traumatisiert", so Frank Richter.

Volker Herold, Sprecher des Kreisverbandes der Grünen in Meißen, nimmt den Fall zum Anlass, bei Abschiebungen mit Kindern geeignete begleitende Maßnahmen zu ergreifen und deeskalierend zu wirken: "Das sollte doch nicht so schwierig sein. Die Stadt Dresden verfügt seit 2018 über einen verbindlichen und vom Jugendhilfeausschuss beschlossenen Maßnahmenkatalog, der sicherstellt, dass bei Abschiebungen von Minderjährigen geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um eine Kindeswohlgefährdung möglichst auszuschließen."

Spendenkonto: Bernd Oehler, IBAN: DE 93 850 55 000 15 00 66 9500; Stichwort: Hilfe georgische Familie

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Anmerkung der Redaktion (21.07.2021): Die Sächsische Polizei hatte auf eine SZ-Anfrage geantwortet, dass aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Details zur Verletzung des Vaters veröffentlicht werden dürften. In einer Kleinen Anfrage der Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Die Linke) wurde die Frage dann doch - aufgrund der besonderen Bedeutung des parlamentarischen Auskunftsrechtes - beantwortet. Der Artikel wurde dementsprechend aktualisiert.

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