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"Am Personal können und wollen wir nicht sparen"

Nach Kritik und langem Schweigen äußert sich die Johanniter Unfallhilfe zu hohen Elternbeiträgen in ihren Kindereinrichtungen.

Dirk Roscher ist Mitglied des Regionalvorstandes Mittelsachsen der Johanniter Unfallhilfe.
Dirk Roscher ist Mitglied des Regionalvorstandes Mittelsachsen der Johanniter Unfallhilfe. © Claudia Hübschmann

Coswig/Käbschütztal. In der Gemeinde Käbschütztal müssen mit die höchsten Elternbeiträge für die Betreuung der Jungen und Mädchen in den beiden Kindereinrichtungen in Barnitz und Löthain gezahlt werden. Nach Elternprotesten und öffentlicher Kritik stellte sich Dirk Roscher, Vorstandsmitglied  des Regionalverbandes  Mittelsachsen der Johanniter Unfallhilfe mit Sitz in Coswig, den Fragen der SZ. 

Herr Roscher, Eltern in Käbschütztal zahlen mit die höchsten Elternbeiträge im Landkreis.  Für ein Kind in der Kinderkrippe  müssen seit dem 1. September bis zu 364 Euro pro Monat und Kind bezahlt werden. In anderen Gemeinden ist das deutlich günstiger. Können Sie das Unverständnis über diese hohen Kosten nachvollziehen? 

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Ja, ich kann den Unmut der Eltern sehr nachvollziehen und dass sie wissen möchten, welche Kosten dahinter stecken. Man sollte bedenken, dass ein unmittelbarer Vergleich der Elternbeiträge nicht möglich ist, da für jede Kindertagesstätte unterschiedlich hohe Kosten gerade  im Punkt Erhaltungsaufwand für Gebäude und Grundstück entstehen. Größter Posten bei den Betriebskosten, die anteilig auf die Eltern umgelegt werden, sind die Personalkosten mit rund 80 Prozent. Unsere Gehälter liegen Arbeitsvertragsrichtlinien zugrunde, die dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes nahe sind.

Wieso sind die Gehälter so stark gestiegen?

Gestiegen sind vor allem die Personalkosten als solches, da seit 2019 jede pädagogische Fachkraft Zeit für mittelbare pädagogische Arbeit gesetzlich zusteht und diese von uns als Träger auch zur Verfügung gestellt werden muss. Diese Vor- und Nachbereitungszeit findet zusätzlich zur Betreuung statt und wird deshalb auch gesondert vergütet. Und ja, auch jährliche Tarifsteigerungen schlagen sich in den Personalkosten nieder. 

Was heißt das konkret?

Eine Fachkraft, die mindestens 22 Stunden in der Woche arbeitet, bekommt eine Stunde Vor- und Nachbereitungszeit pro Woche, also vier im Monat. Ab 34 Arbeitsstunden sind es sogar 2 Stunden in der Woche. Diese acht Stunden arbeiten die Erzieher nicht bei den Kindern und fallen deshalb zusätzlich in den Vergütungsanspruch. 

Was beinhaltet  die Vor- und Nachbereitungszeit?

In dieser Zeit werden zum Beispiel Elterngespräche vorbereitet und durchgeführt. In diesen wird über die Entwicklung des jeweiligen Kindes gesprochen. Für jedes Kind erhalten die Eltern eine Dokumentation über die Entwicklung.

Die hohen Kosten werden auch dadurch vermutet, weil sich die Johanniter drei Fachkräfte leisten, die sich auch um die Kindswohlgefährdung kümmern. Ist das nicht Aufgabe des Jugendamtes?  

Nein, die Erstellung eines Kinderschutzkonzeptes ist einrichtungsbezogen zu erstellen und wird durch die Fachberater begleitet. Für unsere insgesamt 61 Kindereinrichtungen in Sachsen haben wir drei derartige Fachberater beschäftigt. Alle drei Fachberater werden vom Freistaat Sachsen gefördert, pro Fachberater mit 30.000 Euro im Jahr. 

Dennoch sind andere Einrichtungen deutlich günstiger. Woran liegt das?

Man kann Kindereinrichtungen nicht einfach vergleichen, weil die Rahmenbedingungen unterschiedlich sind. Wir haben viele ältere langjährige Fachkräfte, die einen älteren Tarifvertrag mit höheren Gehältern beziehen. Zum anderen gibt es in Barnitz und Löthain sehr große Grundstücke und Gebäude, die gepflegt und instandgehalten werden müssen. Letztes Jahr wurde in Löthain  zum Beispiel  in einen neuen Zaun und die Fassadenerneuerung investiert. Wir bieten aber auch Leistungen an, die die Gemeinde und die Eltern nichts kosten.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel haben wir letztes und dieses Jahr jeweils 5.000 Euro Fördergelder für den Spielplatz in Barnitz bewilligt bekommen. Darüber hinaus gestalten die Johanniter Kinderfeste aus, die rein aus Eigenmitteln finanziert werden.

Die Eltern befürchten, dass es im nächsten Jahr noch teurer wird. Teilen Sie diese Befürchtung?

Ob es teurer wird, hängt nicht von uns ab. Wenn beispielsweise, wie von der Politik geplant, in der Krippe der Betreuungsschlüssel von derzeit 1:5 auf 1:4 verändert wird, eine Fachkraft also nur noch für vier, statt fünf Kinder zuständig ist, wird es eine regelrechte Kostenexplosion geben. Auch bei Reinigungskräften und Hausmeistern gab es erhebliche Kostensteigerungen, nicht zuletzt durch die Steigerungen hinsichtlich des Mindestlohns. Und auch die Energiekosten steigen regelmäßig. Es ist eine ständige Preisspirale, in der wir uns bewegen. 

Sehen Sie Einsparmöglichkeiten, um die Kosten zu drücken?

Kaum. Beim Personal können und wollen wir nicht sparen. Wir achten darauf, dass in jedem Raum, der nicht genutzt wird, Energiekosten gespart werden. Dies sehen wir als unsere Verantwortung - es wirkt sich aber nur marginal auf die Betriebskosten aus.

Derzeit laufen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaft kommt mit hohen Forderungen. Werden Sie bei einem Tarifabschluss nachgehen?

Nein, wir haben ein unabhängiges Tarifsystem, welches bereits 2019 bis zum Ende 2021 verhandelt wurde. Unsere Tarife gelten immer für mehrere Jahre. Natürlich werden wir uns weiterhin an dem Tarif des öffentlichen Dienstes orientieren. Gutes Personal ist im sozialen Bereich weiterhin rar und im ländlichen Raum teilweise schwieriger zu finden als in einer Großstadt. 

Es wurde der Vorschlag gemacht, dass die Eltern die Bettwäsche ihrer Kinder selbst waschen, um Geld zu sparen. Was halten sie davon?

Kann man so machen, wenn es von den Eltern gewünscht wird. Ob dies jedoch zu signifikanten Einsparungen führt, ist aber eher fraglich. 

Welche Rolle schreiben Sie der Kommune im Hinblick auf die Höhe des Elternbeitrages zu?

Die Kommunen haben meines Wissens wenig Spielraum, mit wieviel Prozent sie die Eltern nach Sächsischem Kindergartengesetz an den Betriebskosten beteiligen. Käbschütztal muss nach eigener Aussage aufgrund der Haushaltslage den jeweils gesetzlichen Höchstsatz nehmen. 

Die Gemeinde ist also schuld?

Nein, hier geht es nicht um Schuldzuweisungen unsererseits, sondern um Entscheidungen, die der Gemeinderat nach Gegenüberstellung aller Kosten und Erträge getroffen hat. Der Gemeinderat legt die Elternbeiträge fest, nicht wir. Andere Kommunen können es sich womöglich eher leisten, die Eltern weniger zu belasten oder Erhöhungen auch mal auszusetzen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass diese ausgefallenen Erhöhungen im Jahr darauf meist nachgeholt werden. 

Was gedenken Sie zu tun?

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Wir arbeiten jetzt schon mit der Gemeinde gut und transparent zusammen, wollen uns noch enger abstimmen. Für November planen wir einen Elternabend, wollen mit ihnen ins Gespräch kommen und gemeinsam nach Lösungsansätzen suchen. 

Können Sie den Eltern Hoffnung machen, dass im kommenden Jahr die Kosten nicht weiter steigen?

Nein, das kann ich leider nicht, das wäre nicht seriös.  

Das Gespräch führte Jürgen Müller

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