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So ist der Arbeitsmarkt im Corona-Jahr eingebrochen

Die anhaltende Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen im Kreis Meißen - über alle Altersgruppen hinweg - steigen lassen. Die Ursachen sind höchst unterschiedlich.

Die Pandemie erfordert viel Flexibilität, nicht nur von Arbeitssuchenden, sondern auch von Arbeitgebern.
Die Pandemie erfordert viel Flexibilität, nicht nur von Arbeitssuchenden, sondern auch von Arbeitgebern. © Sebastian Schultz

Landkreis Meißen. Normalerweise belebt der Frühling den Arbeitsmarkt. Da beginnt die Gastronomie-Saison, Arbeiten auf dem Bau gehen wieder los, außerdem werden die meisten öffentlichen Aufträge vergeben. Letztes Jahr hätten Arbeitgeber in diesen wichtigen Monaten gar nicht oder nur sehr zögerlich eingestellt, berichtet Berit Kasten, Sprecherin der Arbeitsagentur Riesa.

Das scheint sich dieses Frühjahr zu wiederholen. Im Monat April ist die Arbeitslosenquote für den Landkreis Meißen im Vergleich zum Vorjahr nahezu unverändert. Eine Frühjahrsbelebung habe dennoch sattgefunden: "Allerdings geringer als vor Corona", so Kasten.

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Ihr Rückblick fällt hingegen ernüchternd aus: Die Unsicherheit der Arbeitgeber habe sich bis in den Sommer hinein fortgesetzt; wo sich jedes Jahr - aufgrund des Schul- und Ausbildungsendes - viele junge Menschen arbeitslos melden. "Erst als im September wieder deutlich mehr möglich war, hat sich der Aufschwung der Arbeitslosigkeit wieder abgebaut“, ordnet Kasten ein.

Doch auch im Herbst stechen junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren mit einer deutlich erhöhten Arbeitslosenquote hervor: Für September 2020 weist die Arbeitsagentur Riesa im Vorjahresvergleich 5,8 statt 4,8 Prozent für den Kreis aus. In keiner anderen Altersgruppe ist die Differenz zum Vorjahr so groß. Und das, obwohl Branchenvertreter versichern, bei der Übernahme von Azubis als Letztes zu sparen - wohl wissend, dass sich der Fachkräftemangel nach der Pandemie fortsetzen werde. In der Tourismus-Branche hätten sich viele Arbeitgeber die Übernahme der allermeisten Azubis - wie üblich - trotzdem nicht leisten können. Auch auf dem Ausbildungsmarkt verzeichnet die Arbeitsagentur einen Rückgang, sowohl an Bewerbern als auch an Ausbildungsplätzen.

Neueinstellungen aufgeschoben

Die Ursachen seien vielschichtig, schließlich habe die Pandemie nicht alle gleichermaßen getroffen: „Für viele junge Eltern ist die Arbeitssuche momentan nachrangig: Dafür steht viel zu sehr im Vordergrund, dass die Kinder trotz Homeschooling gut im Unterricht mitkommen“, sagt Anke Meier. Seit 1996 arbeitet sie für die Arbeitsagentur. In Riesa betreut sie als Arbeitsvermittlerin zwischen 200 und 300 Kunden. „Wenn sich Eltern bewerben, haben sie es tendenziell schwerer, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, weil viele Arbeitgeber die Sorge beschäftigt, dass die Kitas wieder schließen.“

Meier wirkt trotzdem zuversichtlich: Aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung hat sie schon ganz andere Arbeitsmarktsituationen erlebt. „Gerade für junge Arbeitslose habe ich die Situation zwischen 2000 und 2012 viel schlimmer empfunden. Wer keine Ausbildung hatte oder nach seiner Ausbildung nicht übernommen wurde, hat sich auf dem lokalen Arbeitsmarkt sehr schwergetan, weil Unternehmen bevorzugt Berufserfahrene eingestellt haben. Da haben wir so viele junge Fachkräfte an andere Regionen verloren.“

Aktuell sieht Meier eine andere Altersgruppe besonders von den Auswirkungen der Pandemie betroffen: „Ich habe das Gefühl, momentan haben es über 40-Jährige bei der Jobsuche schwerer - insbesondere wenn sie viel Berufserfahrung mitbringen und in einer verantwortungsvollen Position gearbeitet haben." Bei solchen Personalentscheidungen würden sich Unternehmer zurückhalten, viel länger überlegen oder die Entscheidung ganz aufschieben.

Keine praktische Berufsorientierung

Ein Problem, das junge Menschen trifft, kommt gerade erst auf: Wer diesen Sommer seinen Abschluss macht, musste auf wichtige Berufsorientierungsangebote wie Messen oder Praktika ganz verzichten. Übrig geblieben sind Onlineangebote. So viel Mühe im digitalen Angebot auch steckt, kann es den tatsächlichen Arbeitsalltag richtig vermitteln?

Nein, meint die Zehntklässlerin Sophia der Freien Werkschule Meißen. Eigentlich wollte die 16-Jährige Buchhändlerin werden. Einen Berufswunsch, den sie mit ihrem Pflichtpraktikum in der neunten Klasse überprüfen wollte. Doch das Praktikum fiel coronabedingt aus - genauso in der zehnten Klasse.

Für die 16-jährige Sophia waren in ihren beiden Abschlussjahren keine Praktika möglich. Beinahe hätte sie sich auf einen Beruf beworben, ohne je hineinzuschnuppern.
Für die 16-jährige Sophia waren in ihren beiden Abschlussjahren keine Praktika möglich. Beinahe hätte sie sich auf einen Beruf beworben, ohne je hineinzuschnuppern. © Claudia Hübschmann

Hätte sie sich nicht selbst um ein Praktikum gekümmert, hätte sie sich auf einen Beruf beworben - ohne einmal hineinzuschnuppern. Zwar konnte sie der Buchhändlerin nur zwei Tage über die Schulter schauen. Doch diese zwei Tage reichen, um ihren Berufswunsch zu überdenken. Die Realität sei nämlich eine andere gewesen, als auf Berufsinformationsseiten mit Texten und Youtube-Videos vermittelt. „Hätte ich diese Erfahrung bereits in der Neunten gemacht, hätte ich mich ganz neu orientieren könnten. So stehe ich jetzt wieder bei null.“

Ihr Jahr nach dem Abschluss hatte sie sich sowieso ganz anders vorgestellt. Sie wollte pilgern, die Welt bereisen und ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Langzeitarbeitslosigkeit steigt wieder

Da die Pandemie den Arbeitsmarkt seit über einem Jahr beschäftigt, ist es kaum verwunderlich, dass die Langzeitarbeitslosigkeit wieder steigt: Im April waren im Landkreis 3.258 Personen arbeitslos gemeldet, was einen Anstieg von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat bedeutet. Gerade bei jungen Menschen lasse sich das jedoch nicht direkt mit der Pandemie in Zusammenhang bringen, meistens spielten ganz andere Faktoren eine Rolle: „Ich kann immer nur an unsere Kunden appellieren, uns diese Einschränkungen anzuvertrauen, nur so können wir Lösungen finden oder Hilfestellungen vermitteln. Das ist allerdings deutlich schwerer, wenn man sich nicht gegenüber sitzen und in die Augen schauen kann.“ Anderseits würde nun bei einem Anliegen viel schneller zum Telefon gegriffen.

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Die Pandemie erfordert viel Flexibilität, aber nicht nur von Arbeitssuchenden, sondern auch von Arbeitgebern: „Ich kann Arbeitssuchende nur immer wieder ermutigen, sich auch auf Stellenanzeigen und Vermittlungsvorschläge zu bewerben, selbst wenn sie nicht alle Anforderungen erfüllen. Oft sind Arbeitgeber kompromissbereit“, so Meier. Außerdem bringe es nichts, seine Arbeitslosigkeit im privaten Umfeld zu verstecken. „Im Gegenteil, umso mehr Menschen ich in die Arbeitssuche mit einbeziehe, umso bessere Chancen habe ich." Eine persönliche Empfehlung sei oft ein Türöffner.

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