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Mut-Macher in Meißen

Vor zehn Jahren wurde die Arche an der August-Bebel-Straße eröffnet. Aus dem Kinderhaus ist ein wichtiger Treffpunkt geworden.

Mit einem Sommerfest ist das zehnjährige Bestehen der Meißner Arche gefeiert worden.
Mit einem Sommerfest ist das zehnjährige Bestehen der Meißner Arche gefeiert worden. © Jens Wittich

Meißen. Baumstämme und Stiefel werfen oder Autoreifen drehen – sportliche Wettbewerbe, die hierzulande als Highland-Games allerhand Gaudi bieten. Und allerhand Gelegenheiten, um Urkunden und Belobigungen zu verteilen. Etwa 20 Mädchen und Jungen sitzen an diesem Nachmittag in entspannter Runde bei Kaffee und Kuchen, als Marcel Bretschneider Urkunden an die Teilnehmer der am Vormittag ausgetragenen Wettbewerbe verteilt. Bereits zum fünften Mal haben Highland-Games hier stattgefunden, in der Arche Meißen.

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Auf geht’s in die Erntezeit
Auf geht’s in die Erntezeit

Der Garten verwöhnt im Spätsommer mit frischem Obst und Gemüse. Und langsam heißt es auch, sich auf den Herbst und die anstehenden Arbeiten vorzubereiten.

Die eigenartigen und spaßbetonten Wettkämpfe gehören zum Ferienangebot des Kinderhauses an der August-Bebel-Straße, das vor zehn Jahren eröffnet wurde. „Wir wollen den Kindern hier an jedem Tag etwas bieten“, sagt Marcel Bretschneider. Der 38-jährige Gemeindepädagoge und Erzieher ist einer von sechs pädagogischen Angestellten und stellvertretender Einrichtungsleiter. Die Kinder sollen begeistert werden, auch mal mit gewagten Angeboten. Zum Ferienprogramm gehört auch ein Segeltörn mit acht Kindern und eine Fahrt mit 25 Kindern in ein Sommercamp.

Das Ferienprogramm liegt den Arche-Mitarbeitern in diesem Jahr besonders am Herzen, denn auch ihr Haus musste während des Lockdowns schließen. Damit konnten die 40 bis 60 Kinder, die in normalen Zeiten an jedem Nachmittag in der Arche Mittag essen, ihre Hausaufgaben erledigen, spielen oder einfach nur chillen, nicht kommen.

Im persönlichen Kontakt

Natürlich haben die Arche-Mitarbeiter versucht, Kontakt zu den Kindern zu halten – über Anrufe, Chats per WhatsApp oder Zoom-Meetings. Aber das kann den persönlichen Kontakt oder auch mal das In-den-Arm-nehmen nicht ersetzen, wie Marcel Bretschneider berichtet. Das Mittagessen, das zum täglichen Angebot der Arche gehört, wurde während der Schließzeit zum Mitnehmen bereitgestellt. Oft haben die Mitarbeiter in der Arche-Küche Lebensmittelpakete vorbereitet und zu den Familien nach Hause gebracht.

Dass die Kinder wochenlang nicht zur Schule und nachmittags nicht in die Arche kommen konnten, sei einigen anzumerken. „Sie sind verschlossener geworden“, schildert Marcel Bretschneider seine Beobachtungen. Sie tun sich schwer, sich selbst mit etwas zu beschäftigen. Über Gesellschaftsspiele und kreatives Malen versuchen die pädagogischen Mitarbeiter in der Arche dem zumindest entgegenzuwirken.

Vor zehn Jahren, am 8. November 2011, wurde der Kinder- und Freizeittreff an der August-Bebel-Straße eröffnet. Das in diesem Jahr anstehende Jubiläum wurde aber jetzt schon mit einem fröhlichen Sommerfest gefeiert – auch als Beitrag zum Ferienprogramm. Am Jubiläumstag selbst ist eine Show im Theater Meißen vorgesehen.

Die Idee, auch in Meißen einen Treff für Kinder und Jugendliche zu schaffen, geht auf den Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerkes Arche e. V. Bernd Sigglkow aus Berlin zurück. Dieser Verein versteht sich Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien.

Ein Förderverein und die McDonald's-Kinderstiftung hatten eine Dreiviertel-Million Euro für den Bau des Hauses aufgebracht. Seitdem wurde weiteres Geld für die Ausstattung und die Gestaltung des Außengeländes aufgewendet. Im Keller konnten sich Teenager einen eigenen Raum einrichten.

Den Einzelnen bestärken

Inzwischen verfügt die Arche auch über Laptops, Handys und Tablets, die mit Unterstützung der Deutsche Bahn Stiftung angeschafft wurden und die als Leihgeräte an Familien abgegeben werden können – ein Angebot, das sich in den Wochen des Distanzunterrichts bewährt hat. Natürlich haben Arche-Mitarbeiter auch Lernsax-Aufgaben für ihre Schützlinge ausgedruckt.

Das ist aber nur ein Teil des Arche-Angebots. „Wir versuchen auch, die Familien der Kinder und die Eltern zu begleiten“, sagt Marcel Bretschneider. So bietet die Arche regelmäßig Kontaktmöglichkeiten für Eltern an. Bei einem gemeinsamen Frühstück oder Abendessen gibt es auch Tipps zur Erziehung – ohne erhobenen Zeigefinger, wie Marcel Bretschneider hinzufügt.

Respekt und Wertschätzung. Darum geht es vor allem – auch in den Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen. Dass nicht die Marke über den Wert des Einzelnen entscheidet, gehört zu dem, was Marcel Bretschneider und seine Kollegen beharrlich zu vermitteln versuchen. Wichtig sind aber auch offene Ohren und Geduld, um die Kinder und Jugendlichen darin zu bestärken, dass sie selbst zu viel mehr imstande sind, als es eine Marke oder ein Rausch vermögen.

So gehen sie auch an die Schulen der Stadt. Mit Unterstützung der Meißner "Unser Bäcker"-Filiale verteilen sie regelmäßig Frühstücksbrote in den Pausen. Speziell für Siebtklässler wurde ein Projekt entwickelt, um mit den Schülern ins Gespräch zu kommen. Und in der Arche dürfen die Größeren den pädagogischen Mitarbeitern gern helfen – beim Vorbereiten von Aktivitäten oder beim Auswerten von Wettkämpfen wie den eingangs erwähnten Highlands-Games.

Wie die Einrichtung selbst sind auch alle Angebote der Arche in Meißen durch Spenden finanziert. Für einen Teil davon sorgt der Verein „Die Arche im Elbtal e. V.“. Er hält Kontakt zu Freunden und Sponsoren der Meißner Arche. Auch Patenschaften – etwa für ein gesundes Frühstück für ein Schulkind für ein Schuljahr – bieten die Möglichkeit, die Arche in Meißen zu unterstützen. Auch persönlich kann man sich einbringen, zum Beispiel als ehrenamtlicher Lesepate, Hausaufgaben-Helfer oder als Gesprächspartner im Mutmacher-Projekt.

Die Zukunft der Stadt zeigt sich nicht nur an schicken Schulen, ist Marcel Bretschneider überzeugt. Viel mehr müsse in die Kinder- und Jugendarbeit investiert werden – Kraft ebenso wie Geld. Die Geschäftsleute zum Beispiel könnten deutlich machen, dass ihnen die Jugend ihrer Stadt am Herzen liegt. Ein kleiner Aufschlag auf die Preise ihrer Waren könnte für die Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt verwendet werden, schlägt Marcel Bretschneider vor. Das wäre ein konkreter Beitrag. Das könnte die Stadt in die Schlagzeilen bringen – über ihre Grenzen hinaus.

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