SZ + Meißen
Merken

"Das ist massive Wettbewerbsverzerrung"

Bodo Hausen muss sein Reisebüro in Lommatzsch erneut schließen. Er fordert von der Politik mehr Augenmaß.

 3 Min.
Teilen
Folgen
Bodo Hausen vor seinem Reisebüro in Lommatzsch. Jetzt musste er es erneut schließen, beklagt Wettbewerbsverzerrung.
Bodo Hausen vor seinem Reisebüro in Lommatzsch. Jetzt musste er es erneut schließen, beklagt Wettbewerbsverzerrung. © Claudia Hübschmann

Herr Hausen, Sie sind derzeit nur telefonisch zu erreichen. Was ist passiert?

Ich musste wie viele andere auf behördliche Anordnung hin mein Reisebüro erneut schließen. Solche Reisebüro-Schließungen sind inakzeptabel und bevorteilen Online-Vertrieb, sind daher wie jetzt bei uns in Lommatzsch nicht zu akzeptieren und bedeuten einen massiven Wettbewerbsnachteil für den ohnehin schon gebeutelten stationären Vertrieb.

Wie lief denn dieses Jahr bisher, was die Reisebuchungen anbetrifft?

Bescheiden ist geprahlt. Ein richtiges Geschäft kommt nicht mehr zustande. Wir haben zwar finanzielle Unterstützung bekommen, die hat auch die laufenden Kosten gedeckt. Aber Gewinne gibt es keine mehr. Ungeimpfte werden ausgeschlossen und bestraft. Andere sind nicht sicher, ob sie in den Urlaubsländern Masken tragen müssen oder es andere Einschränkungen gibt. Sie sehen daher von Urlaubsreisen ab. Viele scheitern auch am Papierkrieg. So wie eine ältere Frau, die nach langer Zeit ihre Kinder in den USA wieder besuchen wollte.

Im Sommer gab es aber kaum noch Einschränkungen?

Der September war tatsächlich ein guter Monat, die Buchungen waren angestiegen. Doch mit jeder neuen Verfügung kamen wieder die Absagen. Fast alles wurde storniert, damit waren unsere Provisionen weg. Sämtliche weihnachtliche Busreisen ins Erzgebirge wurden storniert. Eine Reise nach Usbekistan wurde zum zweiten Mal vom Veranstalter abgesagt. Die Schließung der Reisebüros kommt zur Unzeit.

Wieso?

Weil die Hauptbuchungszeit für Reisen bereits begonnen hat. Büroschließungen sind ein verheerendes Signal an die Kunden und gefährden Existenzen. Zudem stärkt die Schließung von Reisebüros den internationalen Online-Vertrieb, dessen Inhaber oft nicht in Deutschland sitzen. Das trägt zu einer unhaltbaren Wettbewerbsverzerrung bei. Mit den Schließungen sind viele Beschäftigte der örtlichen Reisebüros wieder von Kurzarbeit bedroht. Soweit darf es nicht kommen. Auch ich musste ja meine Mitarbeiterin entlassen. An eine Wiedereinstellung ist derzeit nicht zu denken.


Kein Zutritt. Ein Schild an der Eingangstür weist auf die Schließung hin. Sie gilt bis zum 12. Dezember. Vorerst.
Kein Zutritt. Ein Schild an der Eingangstür weist auf die Schließung hin. Sie gilt bis zum 12. Dezember. Vorerst. © Jürgen Müller

Aber auch bei Ihnen kann man online buchen.

Sicher, aber das ersetzt doch nicht persönlichen Kundenservice und fachkundige Beratung. Zudem haben gerade in Zeiten der Krisen viele Kunden die Sicherheit einer persönlichen Beratung geschätzt. Es gab immer Ansprechpartner, die in Krisenfällen fachkundig, persönlich und schnell unterstützt haben. Das fehlt jetzt.

Aber die Corona-Lage ist nun mal schwierig.

Auch ich bin mir der schwierigen pandemischen und gesundheitspolitischen Lage bewusst. Aber gerade deshalb geht meine Forderung an Politik und Verwaltung nach einem verhältnismäßigen Vorgehen mit Augenmaß. Verhältnismäßigkeit bedeutet, dass Reisebüros nicht schlechter behandelt werden dürfen als Ladenlokale mit deutlich mehr Publikumsverkehr, die geöffnet bleiben dürfen. Gerade die Reisebüros haben in der Pandemie bewiesen, dass Hygienekonzepte funktionieren. Die Büros dürften nun nicht auch noch bestraft werden.

Wovon leben sie jetzt?

Von Luft und guter Laune.

Im Ernst: Haben Sie Ihren Nebenjob noch?

Na klar. Ich arbeite nebenher auf 450-Euro-Basis. Von irgendwas muss ich meinen Sohn und mich doch ernähren.

Planen Sie, das Geschäft aufzugeben?

Nein, ich bin und bleibe Optimist, habe erst in ein neues Buchungssystem investiert. Für nächstes Jahr ist unter anderem eine Busreise nach Bulgarien vorgesehen. Doch viele Leute warten noch ab. Irgendwann muss das doch mal vorbei sein mit Corona.

Das Gespräch führte Jürgen Müller