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Riesaer schreibt Briefe an Rammstein

Russland nimmt einen Nawalny-Unterstützer wegen eines Rammstein-Lieds fest. Die Band hält sich zurück. Ein Lehrer aus Riesa kämpft um die Freilassung.

Der Lehrer aus Riesa hat den Glauben an Rammstein verloren. Nur für das Foto hat er seine Fan-Shirts ein letztes Mal aus der Mottenkiste geholt.
Der Lehrer aus Riesa hat den Glauben an Rammstein verloren. Nur für das Foto hat er seine Fan-Shirts ein letztes Mal aus der Mottenkiste geholt. © Claudia Hübschmann

Abgesehen vom Erfolg würden sich die Biografien der provokanten Metalband Rammstein und die des Förderschullehrers aus Riesa kaum unterscheiden: Thoralf Koß ist gleich alt wie Gitarrist Paul Landers und hat sogar eine ähnliche musikalische Prägung. Genauso wie die Rammstein-Vorgängerband Feeling B durfte Koß mit seiner Punk-Band Paranoia in der DDR auch nur in Wohnzimmern auftreten: "Alles andere war uns verboten. Quasi wie bei Rammstein, nur eben im kleinen Rahmen."

Heute fragt sich Koß, ob der Ruhm, das Geld und die vielen Auftritte in Russland die kritische Haltung der Band zerfressen haben: "Schließlich haben wir in der DDR kennengelernt, was es bedeutet, für die eigene Musik in den Knast zu gehen." Nur, dass sich die Musiker damals für einander eingesetzt hätten. Heute sei von dieser Solidarität nichts mehr zu spüren, nicht einmal, wenn ein Rammsteinlied eine Verhaftung ausgelöst.

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In Russland wird der Oppositionelle Andrej Borowikow zu zweieinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt. Ihm wird die Verbreitung von Pornografie vorgeworfen. Konkret geht es darum, dass er das anzüglich, derbe Rammstein-Musikvideo "Pussy" auf dem russischen Facebook-Pendant geteilt hat. Rammstein hält sich mit einem Statement zurück. Lediglich der Leadgitarrist Richard Kruspe äußerte sich in den Sozialen Medien zum Vorfall.

"Zuerst habe ich gedacht, Rammstein hat die Dimension einfach nicht begriffen", erzählt Koß, den das Thema seither nicht mehr loslässt. Also entschließt sich der 56-Jährige einen Brief an seine musikalischen Vorbilder zu schreiben. "Ich zähle auf euch und weiß, es ist Zeit zu kämpfen, für die Freiheit, auch wenn wir es diesmal nicht für uns, sondern für Andere tun", mit diesen eindringlichen Worten beendet er den Brief.

"Unerträgliche Russland-Liebe"

Koß versucht anzustoßen, was er nur kann. Über sein eigenes Online-Musikportal versucht er auf das Thema aufmerksam zu machen, hält über einen niederländischen Journalisten sogar Kontakt zum Anwalt des Häftlings - doch die gewünschte Resonanz bleibt aus, sogar die ZDF-Redaktion wimmelt seine Anrufe ab. Es bleibt die Erkenntnis, wie aussichtslos der Kampf von Riesa aus ist. Seine ganze Hoffnung ruht deshalb auf diesem einen Brief. Und tatsächlich scheinen seine Zeilen zu wirken - nur nicht wie erhofft.

Nach wenigen Tagen erhält er eine persönliche Antwort vom Rammstein-Gitarrist Paul Landers höchstpersönlich. Es zeigt sich, die Band habe sich intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt. Landers schreibt, sie hätten lange hin und her überlegt, doch der Band sei keine schlaue Reaktion eingefallen: "Wie du schon zu Recht schreibst, ist das Video doch nur ein Vorwand, um den Mann einzusperren. Wenn wir darauf reagieren würden, würden wir den Unfug indirekt legitimieren", zitiert Koß aus seinem E-Mail-Postfach, der sich von diesen Zeilen nicht besänftigen lässt. Im Gegenteil: Sie hinterlassen ein tiefes Unverständnis: "Entweder, die haben die DDR vergessen, oder sie verkehren sie gerade ins Gegenteil."

Da ist es nicht gerade hilfreich, dass zeitgleich zur freundlichen Antwort ein neues Musikvideo von Frontsänger Till Lindemann erscheint: "Er hat ein Remake eines sowjetischen Liedes zum Tag des Sieges aufgenommen - ständig ist er mit irgendwelchen russischen Popsternchen unterwegs. Diese Russland-Liebe von Lindemann ist unerträglich. Ganz besonders, wenn währenddessen jemand eingesperrt ist."

"Vorsicht: 2,5 Jahre Haft für dieses Video"

Während Rammstein in ihrem Antwortbrief durchklingen lassen, dass sie ziemlich überfragt sind, wie sich die Situation des politischen Häftlings in Russland verbessern ließe: Schließlich wolle man sich vor keinen Karren spannen lassen und in der Politik könne man sowieso nur verlieren. Koß sieht das anders und antwortet mit zwei konkreten Vorschlägen: Die Band solle beim russischen Justizbüro vorsprechen oder zumindest über ihr Musikvideo folgenden Banner legen: "Vorsicht, wer dieses Video in Russland teilt, dem drohen bis zu 2,5 Jahre Haft." Nicht umsonst hat er sich den Namen seiner Stasi Akte - der Verbesserer - nach der Wende selbst gegeben. Auf seine engagierte Antwort folgt nur ein knappes Ablehnungsschreiben.

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Nach dieser E-Mail bekommt Koß den Eindruck, dass es keinen Sinn mache, weiterzudiskutieren: "Landers geht davon aus, dass das Pussy-Video Kunst ist. Wenn seine Kunst politisch missbraucht wird, sei das nicht ihr Problem", ärgert sich Koß, während seine Stimme in eine höhere Tonlage wechselt. "Das kann doch nicht wahr sein, hier wurde keine Kunst missbraucht, sondern genutzt, um jemanden von seiner hochschwangeren Frau zu trennen. Die Band sitzt das ganz locker aus und plant ihre nächste riesige Konzert-Tour durch Russland."

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